Am Freitag erinnert nur noch wenig an die einst glänzenden Zeiten von Karstadt in Augsburg. Hinter Absperrbändern und gelben Gittern räumen Mitarbeiter die letzten Waren zusammen. Die Schmuckauslagen sind leer, etliche Regale bereits abgebaut. Das verbliebene Personal lenkt Kundinnen und Kunden geradewegs zur Rolltreppe ins Untergeschoss. Hier sitzt Aldi, einer der letzten Mieter in der Immobilie. Galeria Karstadt hat am Donnerstagabend für immer seine Pforten geschlossen. Es ist das Ende eine Ära. Kunden nehmen Abschied von dem Kaufhaus, Mitarbeiter sind frustriert.
„Wir drehen noch eine Runde durch den Eingangsbereich“, sagt Johanna Klöbl. Sie ist mit ihrer Tochter Sabine Goglhör und den zwei Enkelinnen unterwegs. „Es tut weh, das zu sehen.“ Vor 30 Jahren habe sie mit ihrer Familie in Afrika gelebt, erzählt Klöbl. „Wenn wir auf Heimaturlaub in Augsburg waren, sind wir immer zu Karstadt gegangen. Die hatten Waren, die es in Afrika nicht gab.“ Mittlerweile lebt die Familie wieder in der Hammerschmiede. Das Ende von Galeria Karstadt sei schmerzlich, wegen der Entwicklung des Online-Handels aber logisch, sagt Klöbl. Schmerzhaft ist das Karstadt-Aus vor allem für die rund 80 Mitarbeiter, die zuletzt noch in dem Kaufhaus tätig waren. Am Freitag herrscht gedrückte Stimmung. „Ich will zur Schließung nichts sagen, sonst rege ich mich nur wieder auf“, so einer der Mitarbeiter.
Karstadt-Mitarbeiter in Augsburg müssen sich neue Jobs suchen
„Die Beschäftigten sind enttäuscht, wütend und empört“, sagt Sylwia Lech, bei Verdi Augsburg für den Bereich Handel zuständig. „Sie haben teils über Jahrzehnte alles für ihr Unternehmen gegeben und sogar auf Gehalt verzichtet für Investitionen, die Karstadt tätigen wollte.“ Investitionen, die laut Lech aber nie erfolgt sind. „Und jetzt werden sie vor die Türe gesetzt.“ Ein Teil der Mitarbeiter habe bereits etwas anderes gefunden, sagt Lech – wieder im stationären Einzelhandel oder über einen Quereinstieg in anderen Bereichen. „Gerade diejenigen, die seit ihrer Ausbildung dabei waren und von denen viele über 50 Jahre alt sind, können es noch nicht fassen“, sagt Lech. Die letzten Tage bedeuteten erneut großen Schmerz.
Lech appelliert, jedes Unternehmen aus der Region solle bei Bewerbungen ehemaliger Karstadt-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter diese zum Vorstellungsgespräch einladen. „Das sind hochloyale, fleißige Fachkräfte, die über Jahrzehnte ihr Engagement bewiesen haben“, sagt die Verdi-Gewerkschaftssekretärin.
Stadt Augsburg und Vermieter setzen bei Karstadt-Gebäude künftig auf mehrere Mieter
Nun steht die mehrstöckige Immobilie weitestgehend leer, am 31. August erfolgt die offizielle Übergabe an den Vermieter, den Augsburger Projektentwickler Solidas. „Wir schauen jetzt erst mal, in welchem Zustand wir das Gebäude zurückerhalten“, sagt Solidas-Prokurist Daniel Utz. Bereits jetzt seien mehrere Mängel der Haustechnik bekannt. Dazu gehören eine defekte Rolltreppe vom Erd- ins Untergeschoss. Daneben müssen weitere Dinge kontrolliert werden, unter anderem die Lüftungsanlage. Erst nach der finalen Sichtung könne eine genaue Planung vorgenommen werden, so Utz.
Derzeit sei man im Gespräch mit mehreren Filialisten. „Einer allein wird wohl nicht die gesamte Immobilie mieten, eine Etage hat schließlich 3000 Quadratmeter“, sagt der Prokurist. Mit einer Zusage eines Filialisten rechne er Anfang kommenden Jahres, so Utz. Aldi bleibt im Untergeschoss als Mieter erhalten. In dem Bereich, in dem die Lotto-Annahmestelle untergebracht war, soll es künftig ein gastronomisches Angebot geben. Hier komme ein Restaurant mit Außenbestuhlung hinein.
Augsburgs Wirtschaftsreferent hofft auf Magnetfunktion durch künftige Handelsnutzung
Wirtschaftsreferent Wolfgang Hübschle (CSU) betont auf Anfrage, dass zunächst ausschlaggebend sei, welche Planungen Solidas mit dem Objekt im Fokus habe. „Es besteht jedoch ein gemeinsames Verständnis, dass es von zentraler Bedeutung ist, zumindest für die unteren Geschosse eine attraktive Handelsnutzung mit Magnetfunktion zu platzieren“, so Hübschle. Damit gemeint sind die ehemalige Karstadt-Supermarktfläche im Untergeschoss, das Erdgeschoss sowie das erste Obergeschoss. Nachdem Handel in den Obergeschossen jedoch kaum mehr vorstellbar sei, stellt sich das Wirtschaftsreferat hier ein innovatives Mixed-Use Konzept vor, eine gemischte Nutzung also, die wichtige Funktionen einer Innenstadt bestmöglich vereint.
Bis die möglichen neuen Mieter in das leerstehende Gebäude einziehen, sollen Übergangslösungen gefunden werden. „Leerstand ist keine Alternative“, sagt Prokurist Utz. Kurzfristig sei beispielsweise ein Outlet möglich. Aber auch Kunstausstellungen seien eine interessante Option. Wirtschaftsreferent Hübschle erklärt, mit dem glücklicherweise nahtlosen Fortbetrieb von Aldi im Untergeschoss sei auch künftig eine gewisse „Grundfrequenz“ im Gebäude vorhanden und die Immobilie entsprechend geöffnet, was die Rahmenbedingungen für potenzielle Zwischennutzungen grundsätzlich erleichtere. Derzeit würden Ideen und Ansätze geprüft. „Nachdem in jedem Fall Umbauten auch für neue Mieter erfolgen werden, ist zunächst eine kreative und attraktive Gestaltung im Eingangs- und Durchgangsbereich und Schaufenster zentral. Diese Flächen eignen sich zum Beispiel besonders für großflächige Ausstellungsformate“, so Hübschle.
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