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Brechtfestival

03.03.2021

Brechtfestival: In der Greisin schlummert der Vamp

In surrealen Bilderwelten: Katia Fouquets Illustration zur Erzählung „Die unwürdige Greisin“.
Foto: Katia Fouquet/Brechtfestival

Plus Brechts Geschichten entfachen noch immer kreative Feuer: eine witzige, kunterbunte Graphic Novel, einen fantastischen Trickfilm und strahlende Antihelden.

Die Schnellzeichner aus den Promenaden der Großstädte kennt jeder. In ihre Tradition stellt sich Katia Fouquet, wenn sie Bertolt Brechts Kalendergeschichte „Die unwürdige Greisin“ illustriert. Im schnellen Takt der Uhr setzt ihre Hand Strich für Strich aufs Papier. Knapp und präzise wie die Erzählung entstehen in ihrem Trickfilm fürs Brechtfestival die Figuren der Handlung: die Beerdigung des Großvaters, die hinterbliebene Witwe, die Geschichte ihrer Familie mit den fünf Kindern, die schwuppdiwupp aus dem Buckel ihrer Mutter ins Leben purzeln.

Die Festivalgemeinde am Dienstagabend war hingerissen von dieser kunterbunten, witzigen Ästhetik einer Graphic Novel zwischen Comic und Kinderbuch. In flottem Schritt wie die Erzählung selbst, die Hardy Kuttner in Einfache Sprache übertragen hat, durcheilt Katia Fouquet die Bilderwelten, die mitunter der surrealen Fantasie des Max Ernst entsprungen sein könnten. Die eigenwillige alte Dame verjüngt sich immer wieder in einen verführerischen, nackten Vamp.

Brechtfestival: "Ich könnte den Film sofort nochmals anschauen", sagen Festivalbesucher

Die Berliner Zeichnerin nimmt sich dieselben Freiheiten wie Brechts unwürdige Greisin. Die Werkstatt des freisinnigen, weltläufigen Schusters gleicht dann einer bizarren Partylocation. Ihre moralischen Extravaganzen nehmen Gestalt an etwa in Form eines geldverschlingenden Monsters oder einer Fischplatte, die als Gräte endet und davon erzählt, dass die Greisin sich früher mit den Resten des Familienmahls begnügte. So kurzweilig ist die Animation, dass sie gefühlt viel zu rasch vorbei ist. „Ich könnte den Film sofort nochmals anschauen“, stand im Festivalchat. Richtig.

Irina Rastorgueva: Carola & Brecht.
Foto: Brechtfestival

In der Ästhetik eines nostalgisch verspielten Trickfilms erzählen die Grafikerin Irina Rastorgueva und der Dramaturg Thomas Martin sehr poetisch von Carola Neher (1900 bis 1942). Die reizende Schauspielerin aus München, verheiratet mit dem Schriftsteller Klabund, sollte als Polly in Brechts Dreigroschenoper zu ewigem Ruhm gelangen. Als Singvögelchen im Käfig habe er sie vorgefunden, suggeriert der Film. Der Titel „Bring me the head of Bertolt Brecht“ legt dagegen nahe, dass sie wie die unwiderstehliche Salome der Bibel die Rolle bei ihm erobert hat. Hat sie B.B. erst zurecht geknetet, dass er diese ambivalente Frauenfigur Polly, halb Unschuld und halb Verderberin, erschuf? Sogar den Verfremdungseffekt verfeinerte die Polly: „Eine Person wird durch Verfremdung nicht unsympathisch“, zitiert ihn der Film. Die Tragik der Carola Neher, die 1942 dem stalinistischen Terror zum Opfer fiel, streift der künstlerisch verschlüsselte Bilderbogen dann nur.

Brechts Pflaumenbaum hilft einem queeren Mann zur Orientierung

Das Augsburger Ensemble bluespots productions taucht mit seiner Szenenfolge „Heldin Nr. 0“ in die Welt der Antihelden ab. Zu Brechts Lyrik werden sie aus dem Schweigen heraus zu Charakteren und erhalten eine Stimme. Etwa die Schwangere, deren Einwände (kleine Wohnung, arbeitsloser Mann) der Doktor staatstragend beiseite wischt: „Nun wer’n se mal ne nette kleine Mutter und schaffen se Maschinenfutter!“ Oder da ist diese Mädchenhafte im weißen Hemdchen. Wie eine Katze drückt sie sich an den Fenstern entlang: ein suchendes Wesen, getrieben von innerer Unruhe. Brechts schockierend realistisches Gedicht „Maria saß auf einem Stein“ grundiert kühl die Szene und reißt jede Verklärung vom Bild der reinen Jungfrau ab. Zerrissen und verschissen sei ihr Hemd und sie selbst verzagt.

Licht auf die Antihelden: Patrick Schlegel spielt für bluespots productions.
Foto: Brechtfestival

Isoliert und ausgeliefert findet sich der bärtige, junge Mann in Frauenkleidern inmitten gaffender Menschen wieder. Akzeptieren sie sein Queersein? Brechts Lied vom Pflaumenbaum gibt Aufschluss über seine Gemütslage: „Der Kleine kann nicht größer wer’n. Ja größer wer’n, das möcht er gern. ’s ist keine Rede davon. Er hat zu wenig Sonn.“ Und trotzdem ist er ein echter Pflaumenbaum: „Man kennt es an dem Blatt.“ Atmosphärisch dichte Choreografien spielen sich vor der Kamera in einzelnen Kabinetten der Ensemble-Unterkunft ab.

Draußen geht derweil ein Brainstorming mit hunderten blassgelber Post-it-Zetteln ab. Notiert sind darauf Fragen: „Wer oder was ist stark?“ und: „Was empfindet die Gesellschaft als schwach?“ Final in dieser Selbsterkundung steht die offene Frage: „Würdest du Schwäche gegen Stärke eintauschen?“ – „Bin ich dann noch ich?“

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