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Brechtfestival

21.02.2020

Brechts berühmtestes Gedicht ist 100 Jahre alt

Bertolt Brecht in frühen Jahren in Augsburg.
Bild: Staats- und Stadtbibliothek

Plus Auf einer Zugfahrt nach Berlin will BB die „Erinnerung an die Marie A.“ geschrieben haben. So harmlos die Verse vordergründig klingen, so frivol sind sie auch.

An jenem Tag im blauen Mond September/ Still unter einem jungen Pflaumenbaum/ Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe/ In meinem Arm wie einen holden Traum.

So beginnt eines der berühmtesten Gedichte Bertolt Brechts: „Erinnerung an die Marie A.“ – unter anderem veröffentlicht in der „Hauspostille“. Das erste Manuskript zum Gedicht findet sich in Brechts Notizbuch aus dem Jahr 1920. Damals hieß das Gedicht noch „Sentimentales Lied Nr. 1004“ – eine Anspielung auf Don Giovanni, der allein in Spanien 1003 Geliebte gehabt haben soll. Unter dem Gedicht hat Brecht im Notizbuch vermerkt: „21. Februar 1920, abendes 7h im Zug nach Berlin. Im Zustand der gefüllten Samenblase sieht der Mann in jedem Weib Aphrodite.“

Genau 100 Jahre alt ist dieser Eintrag in Brechts Notizbuch. Wer es in den Brecht-Versen beim ersten Lesen vielleicht noch nicht wahrgenommen haben sollte, fängt spätestens bei den hinzugefügten Zeilen an, dieses Gedicht, das vordergründig harmlose, wohlgeformte und wohlgefügte Liebeslyrik zu sein scheint, mit anderen Augen zu lesen. Denn alles hat einen doppelten Boden – hinter der Fassade der Harmlosigkeit wartet die Frivolität.

Brechts berühmtestes Gedicht ist 100 Jahre alt

In der Hauspostille erstmals veröffentlicht

Herausgearbeitet haben das zum Beispiel die beiden Brechtforscher Jan Knopf und Jürgen Hillesheim. Dazu gehört, dass Marie A. ein realer Mensch aus Brechts Leben war, die Jugendliebe Marie Rose Amann. Hillesheim führt in seinem Buch über Brechts „Hauspostille“ aber auch aus, dass es noch eine Schwester gab, Brecht beiden nachstellte, nur mit einer ein Verhältnis hatte und in seinen Aufzeichnungen beide Amann-Schwestern manchmal zu einer Person verschmelzen ließ.

„Und über uns im schönen Sommerhimmel/ War eine Wolke, die ich lange sah/ Sie war sehr weiß und ungeheuer oben/ Und als ich aufsah, war sie nimmer da.“

Brecht führt mit seinen Versen konventionelle Liebeslyrik vor. Aber die „Erinnerung an die Marie A.“ bleibt unkonkret. Dem „Du“ sagt das Lyrische Ich nur: „Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?/ So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern.“ Nicht das Gegenüber bleibt in Erinnerung, sondern der Liebesakt, diese Wolke, „sehr weiß und ungeheuer oben“, die in der dritten Strophe das Gedicht beschließt.

„Und auch den Kuss, ich hätt’ ihn längst vergessen/ Wenn nicht die Wolke da gewesen wär/ [...] Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind/ Doch jene Wolke blühte nur Minuten.“

Brecht spielt mit seinem Leser. Zu finden ist das Gedicht in der „Hauspostille“. Und diese Brecht’sche Lyriksammlung aus den 1920er Jahren ist auch das Thema von Lars Eidingers Brechtfestival-Auftritt am 22. Februar um 22 Uhr im Martinipark – sehr gut möglich, dass die „Erinnerung an die Marie A.“ zu hören sein wird.

Mehr zum Augsburger Brechtfestival lesen Sie in folgenden Artikeln:

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