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Brechtfestival 2019

23.02.2019

Das Sensemble inszeniert die totale Ökonomie

Bild: Sensemble Theater

Plus Im Sensemble kommt für das Brechtfestival Falk Richters „Electronic City“ als Systemtest der Globalisierung auf die Bühne.

Der erste Eindruck ist prägend: Alle strampeln, alle sind ständig in Bewegung. Stillstand darf nicht eintreten. Sie jagen von einem Meeting zum nächsten kreuz und quer über den Globus. Frischer Wind soll durchs Business wehen. Es herrscht die totale Ökonomie in „Electronic City“, dem 2004 uraufgeführten Theaterstück von Falk Richter. Es mag nicht mehr so ganz tagesaktuell sein angesichts einer neuen Generation, die viel auf Work-Life-Balance hält. Doch bei der Premiere am Freitagabend im Sensemble-Theater packt es dennoch als Lehrstück über entfremdetes Leben und Lieben im Zeitalter der Globalisierung.

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Die Welt, so scheint es, ist ein einziger Fitness-Club. Auf der Bühne verteilen sich einige Trainingsgeräte, die immer wieder benutzt werden. Verbunden sind sie über Laufstege. Alle Existenz ist hier Vorübergang, nirgends bietet sich ein Rastpunkt an. Unbehaust eilen die Menschen durch diese technokratische Ödnis. Keine Ahnung, wo sie sich gerade befinden, welchen Airport sie durchqueren, in welchem Hotelkorridor sie sich verlieren: Los Angeles, Sidney, London, Tokio, New York, Hongkong – alles einerlei. Hauptsache, in Bewegung bleiben. Und das möglichst schnell.

Alles muss reibungslos funktionieren

Dazwischen haben sich Tom (Florian Fisch) und Joy (Daniela Nering) verloren, beide sind belastbare, flexible Arbeitskräfte, die heute hier und morgen dort eingesetzt werden. Er irrt gerade durch sein Hotel, verzweifelt am vergessenen Zahlencode, gerät in Panik, weil sein Meeting platzt und damit das Business stockt. Sie versagt an der Scanner-Kasse des Flughafen-Supermarkts. Alles wäre so einfach, wenn das blöde Ding nicht streikt. Denken auch die zähnefletschenden, gestressten Manager, die erwarten, dass alles reibungslos funktioniert.

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Leicht könnte in dieser Anspannung einer ausrasten und Amok laufen. In der Nahaufnahme erhalten die beiden Menschen in der Krise scheinbar wieder Individualität, treten aus dem namenlosen Kollektiv hervor. Trotz aller gegenseitigen Hilferufe bleiben sie allerdings in Isolation gefangen. Eine Romanze will sich nicht einstellen. Selbst als Tom und Joy aufs Sofa einer TV-Soap-Opera drapiert werden, wird ihre Beziehung, die sie beschwören, vom medial agierenden Regisseur und den Studioassistenten dekonstruiert.

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17 Bilder
Die ersten Eindrücke des Brechtfestivals 2019
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Konsequent bedient sich Sebastian Seidel bei seiner Inszenierung der Mittel von Brechts epischem Theater. Gezeigt wird eine Versuchsanordnung, ein Systemtest an den Grenzen der Belastbarkeit. Kalter Zynismus bestimmt die Handlung in einer Gruppe, in der einer wie der andere aussieht, mithin austauschbar und ersetzlich ist. Birgit Linner, Jörg Schur und Sarah Hieber agieren fast wie ein antiker Chor, eine unerbittliche Schicksalsmacht. Langer, ergriffener Beifall nach 75 intensiven Spielminuten.

Nächste Vorstellungen am 2., 15., 16., 22., 23., 29., 30. März; 12., 13. April. Karten unter Tel. 0821/3494666 und www.sensemble.de.

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