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Literatur

17.02.2021

Die amerikanische Armee brachte Bertolt Brecht nach Deutschland zurück

Während Bertolt Brecht noch im amerikanischen Exil war, hier mit Marta und Lion Feuchtwanger auf der Terrasse der Villa Aurora in Pacific Palisades/Kalifornien, brachte ihn die US-Armee als Dichter schon 1945 nach Deutschland zurück.
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Während Bertolt Brecht noch im amerikanischen Exil war, hier mit Marta und Lion Feuchtwanger auf der Terrasse der Villa Aurora in Pacific Palisades/Kalifornien, brachte ihn die US-Armee als Dichter schon 1945 nach Deutschland zurück.
Bild: Ruth Berlau/Brecht-Archiv Berlin

Plus Augsburg erhält den deutschen Erstdruck eines Gedichts zur Kriegswende. Auch eine Kontroverse mit Thomas Mann macht dieses Blatt so wertvoll.

Wieder einmal ist der Augsburger Brecht-Forschungsstätte ein großer Fang geglückt. Aus einem Nachlass erhielt die Sammlung an der Staats- und Stadtbibliothek ein Erstexemplar der von der amerikanischen Armee herausgegebenen Stuttgarter Stimme vom 3. August 1945. Darin ist nicht nur erstmals in Deutschland Bertolt Brechts Gedicht „Lied der Panzerjäger“ abgedruckt, sondern auch der offene Brief, den Walter von Molo als Wortführer der „inneren Emigration“ an Thomas Mann in den USA richtete.

In der ersten Nummer der "Stuttgarter Stimme", einer deutsche Zeitung der amerikanischen Armee, vom 3. August 1945 erschien zentral Bertolt Brechts "Lied der Panzerjäger".
Bild: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg

Die brüchige, vierseitige Zeitung ist eines von wenigen bekannten Papieroriginalen. Nur in Berlin, Leipzig und Stuttgart ist diese Ausgabe erhalten. Bisher galt für beide Texte in den Handbüchern erst der 4. August als Erstdruck in jeweils anderen Zeitungen. Brechts „Lied der Panzerjäger“, das im Frühjahr 1942 für die amerikanische Aufführung einzelner Szenen von „Furcht und Elend des Dritten Reichs“ in der englischen Version „The Private Life of the Master Race“ entstand, wird ausgeflaggt als eine Übernahme aus der österreichischen Austro American Tribune, die in New York erschien. In den Nachdrucken fehlt dieser Hinweis.

Zu singen als eine Parodie auf das Horst-Wessel-Lied

Das „Lied der Panzerjäger“ sei nach der Melodie des Horst-Wessel-Lieds zu singen, also als eine Parodie der offiziellen nationalsozialistischen Propaganda („Die Straße frei den braunen Batallionen“). Brechts Lied reflektiert die ersten drei Kriegsjahre bis zur Wende im Winter 1942 vor Stalingrad. „Nun steht der Tod zur Linken und der Tod zur Rechten/ Weit ist der Heimweg, und es ist kalt“, bilanziert Brecht, dass der „Karren der Welteroberung“ plötzlich stehen geblieben sei. Es sind die mit Blut beschmierten Eisenkärren, die „in aller Blitzesschnelle“ Europa erobern unter Hitlers eisenharter Hand, gebaut von den deutschen Industriellen Krupp und Thyssen. „So kurz nach Kriegsende wurde Brecht in Amerika noch als antifaschistischer Autor wahrgenommen, während ihn zwei Jahre danach McCarthy 1947 als feindlichen Kommunisten verfolgte“, erklärt der Augsburger Brechtforscher Jürgen Hillesheim. Die Stuttgarter Stimme nennt dieses Lied „das Zeugnis für die kämpferische Haltung des Dichters“.

Die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg verdankt die Originalausgabe der jüngst erfolgten Schenkung eines Privatmanns aus Bad Dürkheim (Pfalz). „Die Brechtabteilung wächst und gedeiht, ohne dass wir viel Geld dafür ausgeben“, jubelt Bibliotheksdirektor Karl-Georg Pfändtner. Auch Kulturreferent Jürgen Enninger freut sich über den Zugang. Bisher galt die Münchner Zeitung vom 4. August 1945 als Erstdruck des „Lieds der Panzerjäger“. Dann gab es noch eine Veröffentlichung am 8. August in der Allgemeinen Zeitung in Berlin. Die Stuttgarter Stimme erschien bis 14. September 1945 in nur sieben Nummern. Auf der Titelseite der ersten Ausgabe wird breit über das weltbewegende Potsdamer Abkommen vom Vortag berichtet, die Rückseite ist der deutschen Kultur gewidmet.

Walter von Molo legt bei Thomas Mann ein Wort für die Deutschen ein

Neben dem zentral abgedruckten Gedicht Brechts enthält sie Walter von Molos Brief an Thomas Mann, das früheste Dokument zur kontroversen Diskussion über die „innere Emigration“ deutscher Dichter. Von Molo, vor 1933 Vorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Schriftsteller, befand, dass Autoren, die jahrelang außerhalb des Dritten Reichs lebten, kein Recht hätten, sich zum Schicksal Deutschlands zu äußern. An Thomas Mann schrieb er: „Ihr Volk, das nunmehr seit einem Dritteljahrhundert hungert und leidet, hat im innersten Kern nichts gemein mit den Missetaten und Verbrechen, den schmachvollen Greueln und Lügen.“

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