Serie Augsburg und die Revolution

08.11.2018

Die rote Fahne über Augsburg

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Auf dem Werksgelände der MAN kam es am 8. November 1918 zu einer Massenversammlung der Arbeiter. Aus Wut über einen Aufruf, weiterhin für den Sieg Deutschlands zu produzieren, drohen sie damit, die Arbeit niederzulegen. Am selben Tag wird in Augsburg ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet.
Bild: Stadtarchiv Augsburg

Am 8. November 1918 erfolgt die friedliche Machtübernahme durch den Arbeiter- und Soldatenrat. Auch in Augsburg wurde die Republik ausgerufen.

8. November 1918, früher Morgen: In der MAN hängt eine Extra-Ausgabe der Wehr aus, dem Organ der „wirtschaftsfriedlichen nationalen Arbeiterbewegung“. Darin werden die Friedensbemühungen der neuen Reichsregierung abgelehnt, gleichzeitig wird zu einem letzten Kampf für das deutsche Vaterland aufgerufen: „Zeigt der Welt, dass Ihr nicht gewillt seid, Deutschland und Eure Zukunft kampflos dem Hass der Feinde auszuliefern!“ Als Reaktion auf dieses provozierende Pamphlet drohen die Arbeiter damit, die Arbeit niederzulegen.

In dieser äußerst angespannten Situation eilt der Sekretär des Augsburger Metallarbeiter-Verbands, Karl Wernthaler, der zugleich für die SPD Mitglied des Augsburger Magistrats ist, zur MAN. Er deutet den Protest der Arbeiter allerdings nicht als Protest gegen eine Fortsetzung des Krieges, sondern als Protest gegen die Bevorzugung der unternehmerfreundlichen Werkvereine und fordert eine Gleichstellung der freien Gewerkschaften. Diesem Wunsch wird von Unternehmerseite sehr schnell entsprochen. Noch im Laufe des Tages schließen sich alle anderen großen Augsburger Betriebe dieser Vereinbarung an.

Ernst Niekisch ergreift die Initiative

Etwa zur gleichen Zeit betritt eine Delegation von Soldaten aus den Augsburger Kasernen die Redaktionsräume der sozialdemokratischen Schwäbischen Volkszeitung an der Rosenaustraße. Sie treffen dort den jungen Redakteur und Volksschullehrer Ernst Niekisch. Sie berichten ihm, dass man in den Kasernen Soldatenräte bilden wolle, dafür aber die Unterstützung der SPD brauche. Nachdem führende Sozialdemokraten zögern, ergreift Niekisch die Initiative und geht in die Kasernen. Dort organisiert er die Wahl von Soldatenräten. Zudem versichert ihm der Garnisonskommandant von Hennigst, keinen Widerstand gegen die Bildung von Soldatenräten leisten zu wollen, wenn Ruhe und Ordnung aufrechterhalten werde und es zu keinen Exzessen gegenüber den Offizieren komme.

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Ernst Niekisch

Vermutlich noch am Nachmittag des 8. November findet im Rathaus eine Unterredung zwischen Wernthaler und dem Oberbürgermeister von Wolfram statt: Dabei garantiert Wernthaler im Namen eines – noch zu bildenden (!) – Arbeiter- und Soldatenrats, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Im Gegenzug verzichtet von Wolfram auf polizeiliche Gegenmaßnahmen.

Stürmischer Beifall

Für den Abend wird dann eine Massenversammlung im Ludwigsbau einberufen, der die Masse der Arbeiter kaum fassen konnte. Als Niekisch und Wernthaler über die Ereignisse des Tages berichten, werden sie „wiederholt von stürmischem Beifall unterbrochen“. Im Anschluss wird ein Arbeiterrat gewählt, dem auf Vorschlag der SPD-Führung um Georg Simon und Ludwig Renner 27 bewährte „Genossen“ angehören, nahezu ausnahmslos Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre, vor allem aus dem Metallarbeiter-Verband. Viele von ihnen wohnen in der Vorstadt rechts der Wertach, einer Hochburg der organisierten Arbeiterschaft.

Im Anschluss ziehen die 27 Arbeiter- und 120 Soldatenräte, begleitet von einer großen Menschenmenge, zum Rathaus, um dieses zu besetzen, ohne dass Gewalt angewendet wurde. Als Zeichen der Machtübernahme wird am Rathaus die rote Fahne gehisst. Noch in der Nacht berät der Arbeiter- und Soldatenrat zunächst unter Vorsitz von Georg Simon über das weitere Vorgehen und verhandelt mit der bisherigen Stadtregierung um Oberbürgermeister von Wolfram über die künftige Zusammenarbeit. Denn die bisherige Stadtregierung soll „im Benehmen mit dem Arbeiter- und Soldatenrat“ weiter im Amt bleiben.

Für Ruhe und Ordnung sorgen

In einem Aufruf an die Augsburger Bevölkerung heißt es am Morgen des 9. November:

„Der Augsburger Arbeiter- und Soldatenrat hat in Augsburg die Gewalt in Händen. Er wird für Ruhe und Ordnung sorgen. Unter keinen Umständen wird er Ausschreitungen zulassen. […] Alle Beamte werden angewiesen, ihren Amtsobliegenheiten nach wie vor gewissenhaft nachzukommen. Die Arbeiter werden gebeten, zu ihren Arbeitsstätten zurückzukehren. […] Arbeiter, Bürger Augsburgs! Helft alle mit, dass sich der Übergang in die neuen Verhältnisse möglichst reibungslos vollzieht. Schenkt uns Vertrauen, wir haben nur Euer Bestes im Auge! Es lebe der Friede! Es lebe die deutsche Republik!“

Diese „deutsche Republik“ wurde offiziell allerdings erst am Vormittag des 9. November in Berlin von Philipp Scheidemann ausgerufen, gefolgt von der Ausrufung der „sozialistischen Republik“ durch Karl Liebknecht. Mit der Revolution in Berlin war – so sah es Ernst Niekisch in seinen Erinnerungen – der „voreilige Augsburger Umsturz legalisiert“.

Ein wahres Meer von Menschen

Vor Ort soll der Umsturz durch eine ohnehin geplante Massenversammlung am Sonntag, 11. November, auf dem Kleinen Exerzierplatz legitimiert werden, zu der „Massen von Bürgern und Feldgrauen strömen, so dass der Versammlungsort die Menge kaum fassen konnte…“, wie die Schwäbische Volkszeitung berichtet. Ein „wahres Meer von Menschen“ habe sich um die sechs Rednerbühnen gruppiert.

Am Ende dieser Versammlung wird eine vorbereitete Entschließung verabschiedet: „Tausende Augsburger Arbeiter, Soldaten und Bürger haben sich heute auf dem kleinen Exerzierplatz versammelt. Sie geben ihrer unbeschreiblichen Freude darüber Ausdruck, dass wie in Kiel, Hamburg und München nun auch in Augsburg die rote Fahne weht.“

Hartes Ringen zwischen alten Machtträgern und Revolutionären

Damit der Umsturz in Augsburg auch weiterhin friedlich vonstattengeht, appelliert die Versammlungsleitung an die Teilnehmer, von einem Demonstrationszug durch die Stadt Abstand zu nehmen.

Und in der Tat: Der Machtübergang, der in Augsburg nicht einmal als „Revolution“ bezeichnet wurde, verlief ohne Gewalt, auch deshalb, weil die alten Machtträger darauf verzichtet hatten, Widerstand zu leisten. In der Folgezeit kommt es jedoch zu einem harten Ringen zwischen alten Machtträgern und dem neuen, „revolutionären“ Arbeiter- und Soldatenrat um die genauen Befugnisse. Gemeinsam ist beiden Seiten aber die Sorge um die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung sowie um die Sicherstellung der Lebensmittel- und Rohstoffversorgung.

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Der Historiker Reinhold Forster will mit der Geschichtsagentur Augsburg historisches Wissen vermitteln.

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