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Kunstinstallation

01.07.2019

Die wunderbare Brecht-Vermehrung am Gögginger Kurhaus

Umgeben von ein und demselben Brecht, wie er ihn für den Kurhaus-Park geschaffen hat, genießt Ottmar Hörl die sonntägliche Vernissage.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus Ottmar Hörl platziert den Augsburger Dichter gleich hundertfach im historischen Park des Gögginger Kurhauses. Daraus ergibt sich eine Präsenz besonderer Art.

Es ist nicht so, dass Ottmar Hörl der erste wäre, der den Park des Kurhauses in Göggingen mit menschlichen Figuren bevölkert. Schon 2014 tat das Peter Nettesheim aus Köln, ein Hauptvertreter realistischer Bildhauerei in Deutschland. Seine knapp ein Dutzend verschiedenen Skulpturen waren aus Holz, lebensgroß, in Alltagsmomenten festgehalten, anonym. Ottmar Hörls hundert einheitliche Skulpturen sind aus Kunststoff, nicht lebensgroß, in ein und derselben Position erfasst, nicht anonym. Sie stehen vielmehr in Nachfolge von Hörl-Berühmtheiten wie Luther (serielle Installation in Wittenberg, 2010), Marx (Trier, 2013), Wagner (Bayreuth, 2013), Karl der Große (Aachen, 2014), Goethe (Frankfurt, 2014), Fontane (Neuruppin, 2016), Einstein (Ulm, 2018). Nun also Bertolt Brecht.

Am meisten hatte sich Hörl der Brecht-Stadt genähert, als er 2007 zum 750-jährigen Bestehen des Friedberger Schlosses in dessen früherem Trockenboden 300 goldfarbene Schlossratten freisetzte. „Noble House“ nannte er das ironisch. Hörls serielle Kunst in Tiergestalt hatte ihn 2003 mit seinen 7000 auf dem Nürnberger Hauptmarkt platzierten Dürer-Hasen weltbekannt gemacht. 2009 befreite er das Hermelin in Leonardos Gemälde „Dame mit Hermelin“ aus dem Krakauer Museum und verbreitete es in 1500 Exemplaren auf dem Krakauer Maria-Magdalena-Platz. „Geben und Nehmen“ untertitelte er diese Installation.

Aktion für die Demokratisierung von Kunst

Das ist sein künstlerisches Bekenntnis, wie er es auch bei der Augsburger Vernissage im Gespräch mit Erwin Schletterer ablegte: Er nimmt bekannte Motive als Arbeitsbasis und gibt sie vervielfältigt als neue öffentliche Kunst, als Kunstwerk für jedermann weiter. Er sei „nur ein Medium“ für Demokratisierung von Kunst, meinte Hörl angesichts seines hundertfachen Brecht. Er berief sich auf ihn als Kommunikator und meinte wohl auch als Entgegnung auf herablassende Kritik: „Ein Stück beschmierte Leinwand kann als Kommunikationsmodell nicht funktionieren.“ Er arbeite für die ganze Gesellschaft, auch für Krethi und Plethi.

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Aus ihm, dem 1950 in Nauheim/Hessen Geborenen, spricht noch viel von dem Aufbegehren seiner Frankfurter Studienzeit das er auch als Professor (1999–2018) und Präsident (2005–2017) der Nürnberger Kunstakademie nicht abgelegt hat.

Geben und Nehmen. Den Brecht nahm er, wie dieser sich Ende der 1920er Jahre, berühmt durch seine Berliner „Dreigroschenoper“, im Augsburger Atelier von Konrad Reßler fotografieren ließ – in Selbstinszenierung mit schwerem Ledermantel, das Haar in Brecht-Manier kurz geschoren. Und so in etwa inszeniert ihn auch Hörl, lässt ihm allerdings von seinen 1,67 Meter Körpergröße nur ca. 90 Zentimeter. Um so leichter verteilen sich die hundert grauen und graublauen Figuren im historischen Kurhaus-Park zu einer begehbaren Bodenskulptur. Es bewahrheitet sich, dass Multiplizierung eine Präsenz besonderer Art schafft: Hallo, da steht ja der Brecht!

Unter dem Motto „per aspera ad astra“ - über raue Pfade zu den Sternen

Zu einem „kommunikativen Kunst-Schau-Platz“ sei das Parkgelände geworden, befand die zusammen mit Wolfgang Reichert verantwortliche Galeristin Anette Urban bei der sonntäglichen Vernissage. Oliver Kautz, Vorsitzender der fördernden Arno Buchegger Stiftung, nahm auch das seinerzeit in Berlin modisch gewordene Brecht-Outfit als Berechtigung für Hörls serielles Verfahren. Kulturreferent Thomas Weitzel verwies darauf, dass Brecht selbst vom Gebrauchswert seiner Dichtung gesprochen und seine Gedanken vielfach variiert habe, was auch als ein Verweis auf das Serielle verstanden werden könne. Vom Ausstellungstitel „Bertolt Brecht – per aspera ad astra“ (über raue Pfade zu den Sternen) nahm Weitzel die Brecht-Stadt Augsburg und ihre schwierige Brecht-Rezeption ausdrücklich nicht aus.

Dass der Antiromantiker Brecht nun im romantischen Kurhaus-Park auftritt, mag man als „Verfremdungseffekt“ werten. Es liegt aber einfach daran, dass diese Ausstellung die neunte der sogenannten „Parknovellen“ ist, die Anette Urban und Wolfgang Reichert 2009 als einzige Augsburger Skulpturen-Wechselschau im öffentlichen Raum begründet haben. Der eingangs genannte Peter Nettesheim bildete die sechste „Parknovelle“. Hörls wundersame Brechtvermehrung ist nun die neunte. Über sie wehte zum Vernissage-Schluss Brechts „Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“. Karla Andrä und Josef Holzhauser ließen in ihrer Darbietung daran keinen Zweifel.

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