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Brechtfestival 2020

23.02.2020

Ein Spektakel samt Demo, Disko und Theater-Stars

Zum Finale des zweiten Spektakel-Abends legt der Schauspieler Lars Eidinger auf.
Bild: Bernd Rottmann

Plus Der zweite Spektakel-Tag ist nicht jedermanns Sache. Es gibt lange Schlangen, auf den Bühnen wird zum Teil auch improvisiert. Das hat aber Charme und Witz.

Spektakel Teil zwei, oder aber das Finale des ersten Brechtfestivals der künstlerischen Leiter Tom Kühnel und Jürgen Kuttner beginnt. Und kann das wahr sein, diese lange Schlange vor dem Eingang ins Martinipark-Foyer, warten da tatsächlich alle auf den Schauspieler Charly Hübner und den „Herrnburger Bericht“? Ja. Ein riesiger Lindwurm am Theatereingang im Martinipark vorbei ins Nirgendwo der Fabrikhallen. Kurze Frage: Wie viel passen denn in die Musiktheaterprobebühne? 260. Lohnt sich warten hier? Das kann niemand genau sagen. Und schon ist ein Grundton für diesen Abend gesetzt, der immer wieder zu hören sein wird: Erst in einer langen Schlange gewartet, schon darüber sich geärgert, danach noch mehr, weil es keinen Platz mehr gab.

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Pech gehabt, 17.55 Uhr, aber für Charly Hübner auf der Probenbühne gibt es jetzt tatsächlich keine Plätze mehr. Stehen bleiben bis zum nächsten Durchgang? „Nee, fahren Sie doch Riesenrad, das geht immer“ , sagt die Dame, die die Tür bewacht. Stimmt, da dreht schon Franz Dobler die Runden, mit Klemmleuchte und „Buch der Wendungen“ , liest davon, dass man Menschen nicht dauerhaft zu Polizisten machen sollte. Klare Worte in dieser Art Schwebezustand.

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Wer es doch in die Musiktheaterprobebühne geschafft hat, hat das Gefühl, dass da schon noch ein paar Leute mehr reingepasst hätten – dann ohne Sitzplätze um die Bühne rum. Später erklären die Veranstalter, dass das aus Brandschutzgründen nicht gehe, alles genau mit dem Brandschutz geregelt sei. Strenge Auflagen von dieser Seite, das heißt auch, keine Möglichkeiten, beide Augen zuzudrücken. Oberlässig betreten dann der Schauspieler Charly Hübner und der Gitarrist Kalle Kalima die Bühne, Hübner trägt eine Baseball-Kappe und Jeanshemd. Und das passt. Denn der Vortrag hat den Charme einer Probe. „Mir war nicht ganz klar, dass der Abend so melancholisch wird“, sagt Hübner, während er immer wieder auch persönlich zu Bertolt Brechts und Paul Dessaus „Herrnburger Bericht“ Stellung bezieht und diesen Text über 10000 von der westdeutschen Polizei eingekesselte FDJ-Jugendliche vorträgt. Kurios: Irgendwie wurde zwischendrin in der Festival-Kommunikation diese Veranstaltung als Uraufführung ausgeflaggt. Hübner liest gleich zu Beginn einen Brief vor, der ihm und dem Festival genau das untersagt – geschrieben von jemandem, der an der westdeutschen Premiere 1983 in Essen maßgeblich beteiligt war. Hübner schlägt von Brecht Bögen zu seinem Vater, der nie fassen konnte, dass es diese fast unüberwindliche Grenze zwischen West- und Ost-Deutschland gab. Hübner lässt Hanne Hiob zu Wort kommen und wie sie den Text spricht. Hübner singt, Kalima legt Rock-Riffs über Dessau. Langer Applaus! Und wegen des großen Andrangs wird kurzerhand zu den zwei ursprünglich vorgesehenen Auftritten ein dritter eingeschoben.

Der Schauspieler Charly Hübner bringt Brechts "Herrnburger Bericht" auf die Bühne.
Bild: Bernd Rottmann

Ein ähnlicher Überandrang wie zu Charly Hübner herrscht auch zu Milan Peschel auf der Probebühne des Musiktheaters. Klar, wieder ein aus Theater, Film und Fernsehen bekannter Name und geschätzter Typ – und der versprach mit seiner Performance auch noch den „bösen Brecht“! Wird dann, wie die Woche zuvor bei Patrick Wengenroth, eine Collage verschiedener Brecht-Texte, zumeist abgelesen, kaum szenisch und mit starker musikalischer Komponente: begleitet vom Kollegen Johann Jürgens singt Peschel ein bisschen den „Baal“ zu Klampfe, wechselt zwischen diesem und politischen „Fatzer“-Zitaten (auch mal zum Flügel oder im Dialog), streut zumeist träge Tagebuch-Einträge ein, trällert aber auch mal Tocotronic. Läppisch wie bei Wengenroth wird’s aber nicht, gegen allzu viel Gleichförmigkeit gibt’s als knalligen V-Effekt eine Rauferei der beiden auf der Bühne, bei der sie auch fast die kleine Hütte auf der Bühne zerlegen. Nicht besonders stark, aber gut genug, dass Peschel mal so in Persona ausgiebig beklatscht werden kann.

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In Halle C1 gibt es eine weitere Augsburg Premiere. Festivalleiter Jürgen Kuttner hält einen seiner in Berlin mittlerweile legendären Videoschnipsel-Vorträge. Und es werden immer mehr, die die Halle aufsuchen, weil anderswo die Plätze immer noch knapp sind. Für alle, die nicht wissen, was sie jetzt erwartet, hat Kuttner gleich mal die kürzest mögliche Erklärung parat für das, was er macht: „Betreutes Fernsehen.“ Und gleich vorweg noch ein Teaser. Das sei kein Tinnitus, den man hier bei ihm bekomme. Das werde nur falsch wahrgenommen. Er spreche in dieser guten Stunde nur immer so viel mehr, als alle hören können, dass der Text auflaufe und nach Veranstaltung noch eine halbe Stunde nachklinge. Und dann führt Kuttner seine Videoschnipsel ein: Roy Black, wie er zu Zitat Kuttner „Soft-Porno-Musik“ einmal in weißem Harlekins-Kostüm Brecht zitiert hat. Kuttner schlägt von dort einen Bogen zu 9/11 und wie es dazu kam. Er präsentiert die Jacob Sisters bei einem Auftritt in den 1970er Jahren in Teherans angesagtestem Nachtklub vor Angehörigen des Schahs. Und zum Schluss fragt sich Kuttner, was wohl Udo Jürgens gedacht hat, als bei Roland Kochs großem Zapfenstreich ein Sänger des Heeresmusikkorps 2 ein Udo-Jürgens-Medley angestimmt hat. Ein gespenstisches Video mit einem starr dreinblickenden Roland Koch, schunkelnden Gästen, einem Udo Jürgens im Publikum, von dem man nicht weiß, ob er entsetzt ist. Und unter den Gästen auch Helmut Kohl im Rollstuhl. Wie Kuttner das präsentiert, ist irre komisch. Genau 20 Sekunden heftigster Applaus für ihn, auf diese Länge haben sich Kuttner und sein Publikum zuvor geeignet. Mehr davon hoffentlich im nächsten Jahr.

Das zweite Spektakel bietet viel Anlass für Gespräche.
Bild: Bernd Rottmann

Tagsüber ist in Augsburg Innenstadt das scheinbar Gegensätzliche aufeinandergetroffen: Faschingsgaudi auf dem Rathaus-Platz mit Karussell und dem Motto „Under oiner Kapp“ - und eine lautstarke Antifa-Demonstration. Am Abend im Martinipark passiert's zum Riesenrad des Festivals nochmal. Von Beginn an im Außenbereich präsent ist eine Delegation der FDJ. Anlass ist der Protest, dass Charly Hübners Auftritt mit dem „Herrnburger Bericht“ zunächst als Uraufführung des Festivals angekündigt war – die Freie Deutsche Jugend aber reklamierte, dass eben dies aus ihren Reihen schon geschehen war, und bekommt im Geiste der Freiheit eine Bühne. Also jedenfalls Raum, draußen. Den nutzt das knappe Dutzend Aktivisten mit Akkorden und Schlagzeug, mit Gesängen auf Revolution und Sozialismus, mit historischen Bekenntnissen gegen das Großdeutsche Reich und für die Kommunarden – mit gerappten Reimen samt Brecht, jawohl, „ein toller Hecht“. Aber nein, das soll nicht zugleich die Faschings-Komponente gewesen sein.

Spektakel Vol. II: So lief der vorletzte Tag des Brechtfestivals ab.
38 Bilder
Brechtfestival Spektakel Vol. II: Das war der Samstag
Bild: Bernd Rottmann

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Politik und Fasching kommen viel mehr später beim Auftritt von Martin Sonneborn zusammen, zu dem wohl 300 bis 400 Zuschauer die relativ große Halle C1 sehr gut füllten, deren Volumen man sich auch für andere Veranstaltungen des Abends gewünscht hätte. Sonneborn war Chef des Satire-Magazins „Titanic“ und sitzt seit nun fünf Jahren für „Die Partei“ im Europäischen Parlament. Und auch wenn er dort wie im Heft ja auch längst nicht immer nur Fasching macht – dass seine örtlichen Anhänger teils Leibgarde-Anzug mitunter samt Armbinde auftauchen, betont zumindest den Quatsch-Faktor, den Festivalleiter Jürgen Kuttner im Gespräch mit dem Abgeordneten hervorhebt. Um ihn dann nämlich eigentlich im Brecht'schen Sinne befragen zu wollen, ob nun der Gang in die Politik nicht doch „Lehrstück“-Charakter habe: Lernen durchs Selbermachen. Hat das Sonneborn nicht – wie dann auch vorgeführt in Fällen wie Assange oder dem Krieg in Syrien – zu einem Vertreter ernster, aufklärerischer Anliegen gemacht? Die Frage bleibt indes weitgehend unbeantwortet, wenn nicht überhaupt ein Missverständnis (der „Titanic“), aber dafür springt freilich ein munteres Gespräch raus, in dem Sonneborn, wie immer gern und darum sehr routiniert, von gelungenen satirisch aufklärerischen Coups erzählt, in dem Kuttner eher nur Kalauer beisteuert – und das Bekenntnis, Sonneborn beim letzten Mal gewählt zu haben. Und wenn der Gast schon zu Beginn und zum Abschluss witzeln kann, nein, dies sei keine Wahlkampfveranstaltung, so war es freilich im Grunde eben das. Die größte Woche für Die Partei in Augsburg ihrer Geschichte: Am Dienstag beim Deichkind-Konzert durch eine städtische Verordnung aus dem Foyer in der Schwabenhalle verwiesen und dafür auf die Bühne gebeten worden – und nun der zuverlässig zündende Auftritt der Leitfigur beim Brechtfestival. Das gibt’s wohl nur im Fasching.

Martin Sonneborn am Spektakel-Abend auf der Bühne mit Jürgen Kuttner.
Bild: Bernd Rottmann

Und mit dem wiederum haben auch die Auftritte in der Kantine zumindest eine Ähnlichkeit. Die für Kathrin Angerer eingesprungene Volksbühne- und Film-Schauspielerin Hanna Hilfsdorf wird nämlich von einer dreiköpfigen Band begleitet, die ihre Köpfe in Masken verstecken. Was sie aber bieten, ist alles andere als Schabernack. Auszüge aus Brechts „Kriegsfibel“, passend flankiert auf einer kleinen Leinwand von historischen Aufnahmen von Soldaten, Nazi-Verbrechern oder zerbombten Städten, mal flüsternd vorgetragen, dann wieder plötzlich zu Punk-Wut explodierend: Das ist schlicht hinreißend mit dieser zunächst so zart und in ihrem weißen Satinkleid so feenhaft wirkenden 27-Jährigen. Nur leider, gerade hier, kein Ansturm. Bei beiden Konzerten bloß ein bis zwei Dutzend Zuschauer. Prominenz sticht Performance. Schade eigentlich.

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Im Treppenhausfoyer gibt es zwar keinen Vorhang, aber alle Fragen bleiben dennoch offen. Wie war das mit der Schauspielerin, die nur ihre Strumpfnaht im Blick hat? Und was hat es mit dem Herauspressen des Mehrwerts auf sich?„Der Schnittchenkauf“ des Autors und Regisseurs René Pollesch ist eine ebenso komplexe und in großen Teilen absurde Replik auf Brechts theatertheoretischen Widerstreit „Der Messingkauf“ - die leider auch nicht erhellender wird, wenn sie ein gefeierter Schauspieler wie Martin Wuttke vorliest. „Das ist der Mehrwert, dass wir zusammen herumstehen und Pizza essen.“ Keine Schnittchen also an diesem Abend.

Weltstars im Treppenhausfoyer . Und alle singen sie Brecht-Songs: Nina Hagen, Lou Reed, Frank Sinatra, David Bowie. Zumindest auf Band. Die Show dazu liefern Marlene Hoffmann, Karoline Stegemann und Roman Pertl. Und wie! Das Trio präsentiert eine rasante Playback-Show im fliegenden Kostümwechsel mit Fuchskragen, Glitzerjackett, Totenmasken und blonden Strubbelhaaren ab - inklusive eines Minidramas mit Triangel.

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Das große Warten auf Lars Eidinger beginnt im Grund in dem Moment, in dem Martin Wuttke seinen „Schnittchenkauf“ beendet. Immer mehr Menschen verbringen dort eine Stunde in der Hoffnung, Eidinger an diesem Abend mit Brechts „Hauspostille“ zu sehen. Und: Trotz großen Gedränges beim Einlass – es passen alle in den Saal, also hätte auch niemand so lange warten müssen. Oder hat die Schlange davor viele abgeschreckt? Egal. Drinnen ist wie schon bei Hübner, bei Wuttke und auch bei Peschel zu erleben, dass der Auftritt nicht lange geprobt war. Das eine Mal verspricht sich Eidinger: Entschuldigung, nochmal, die Stelle ist so schön. Das andere Mal muss er lange blättern, bis er endlich das nächste Gedicht gefunden hat. Gemeinsam mit dem Musiker Hans-Jörn Brandenburg trägt er Gedichte aus Brechts bekanntestem Zyklus vor. Es geht von Baal bis zu Brechts „Lobet die Nacht“, das dann musikalisch im Gewand des Kirchenlieds „Lobet und preiset ihr Völker den Herrn“ verpackt wird. Eidinger bringt Brecht zum Schwingen, langer Applaus. Und doch spaltet dieser zweite Spektakel-Abend die Gemüter. Es gibt diejenigen, die das Improvisierte und auch Spontane auf der Bühne mögen und andere, die das als eine Frechheit und mangelnde Vorbereitung empfinden. Und ja, das letzte Mal gab es diese Diskussionen in Augsburg rund um das Brechtfestival, als es noch einen anderen Namen trug und abc-Festival hieß. Erinnerungen daran werden wach.

Lars Eidinger trägt Gedichte aus Brechts "Hauspostille" vor.
Bild: Bernd Rottmann

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Einen Brecht der anderen Art präsentieren Staatstheater-Schauspieler Anatol Käbisch und Lilijan Waworka mit ihrem „Technobrecht“. Beide im dunklen Sakko mit Einstecktuch, beide mit Schiebermütze gibt es bekannte Brechtsongs, von Käbisch so gesungen, dass man sie sofort wiedererkennt, von Waworka so musikalisch mit Techno-Beats unterlegt, wie man sie ganz sicher noch nicht gehört hat. Und die Menge tanzt.

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Mit Musik geht der zweite Spektakel-Abend dann auch zu Ende. Die Halle C1 ist nach Mitternacht eines der letzten Anlaufziele. Dort legt nun Lars Eidinger auf. Mit einer Version von „Hier Der bekannteste DJ in der Nacht auf den Sonntag ist dann Lars Eidinger, der mit seiner „Autistic Disco“ in der Halle C1 die Festivalbesucher zum Tanzen verführt.

Mehr zum diesjährigen Brechtfestival lesen Sie in folgenden Artikeln:

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