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Festival

13.09.2020

Einen Friedberger Musiksommer gibt man nicht einfach auf

Auch in diesem Sommer wieder in Friedberg: Karl-Heinz Steffens (links, neben Hasaki Kai) spielt Jazz im Pfarrzentrum St. Jakob.
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Auch in diesem Sommer wieder in Friedberg: Karl-Heinz Steffens (links, neben Hasaki Kai) spielt Jazz im Pfarrzentrum St. Jakob.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus Auch in Friedberg musste dem Virus Tribut gezollt werden. Trotzdem fand das Musikfest statt – kleiner, doch mitreißend wie eh und je.

„Wir machen weiter, immer weiter“: Im Stil von Torwart-Titan Olli Kahn beschwor Gerd Horseling von den „Bürgern für Friedberg“ Besucher und Künstler, auch in schwierigen Situationen optimistisch zu bleiben und der Musik die Perspektive zu erhalten. „Wir werden wegen Corona nicht aufgeben“ – das war nicht nur so dahingesagt von den Veranstaltern, obwohl es lange Zeit nach Total-Ausfall des Musiksommers ausgesehen hatte. Mit zwei Programmen im Pfarrzentrum St. Jakob – jeweils mit einer Wiederholung des Konzerts – wurden die Gesichter des Festivals dargestellt, Jazz und Klassik. Insgesamt kamen so coronagerecht weit über 300 Besucher in den Genuss großartiger Leistungen bei diesem 18. Musiksommer der außergewöhnlichen Art.

Karl-Heinz Steffens, künstlerischer Leiter, Klarinettist und sonst Dirigent, äußerte sich, wie Horseling, überwältigt vom „Engagement“ des Freundeskreises, der die von der Krise betroffenen Musiker nicht vergaß und vor allem das gute Dutzend der sämtlich freien Jazzer der traditionell auftretenden All Stars mit Ausfallgagen soweit wie möglich unterstützte. Das kam bei diesen Musikern so überraschend wie überwältigend an. Viele E-Mails bezeugen es eindrucksvoll, wo es u. a. hieß: „Was für eine große Geste. Ich bin tief berührt, normal ist das bei weitem nicht.“ Oder: „Ich umarme euch! Alles Liebe und hoffentlich bis nächstes Jahr!“ Dies kann nicht verwundern. So berichtet einer der All Stars, dass ihm 45 Termine im Corona-Jahr weggebrochen sind.

Von Swing über Bop bis Filmmusik

Und von der Jazz-Seite kam mit Steffens an der Klarinette eine kleine Combo zum Auftritt mit einem auf wichtige Jazz-Akzente komprimierten Programm. In einer guten Stunde – Corona-Vorschrift – genossen die Zuhörer die Darbietungen von Lukas Jochner (Posaune), Rick Hollander (Schlagzeug), Hasaki Kai (Kontrabass) und Pianist Tal Balshai. Vom frühen Swing über Elemente des Bebop bis zum jazzig aufbereiteten Film-Evergreen ergab sich ein pulsierender Reigen, in dem die Musiker ihr künstlerisches Blut wallen ließen. Gerry Mulligans „Walkin’ Shoes“ von 1931 war zum Auftakt der frisch daherkommende neue Swing, an den sich Duke Ellington mit seinem Swing-Bekenntnis anschloss. Benny Goodman durfte nicht fehlen, von Klarinettist Steffens natürlich, aber auch von seinen Mitstreitern feurig zelebriert, gefolgt von „A Smooth One“ oder sein „Stompin’ At the Savoy“. Bill Evans’ mit Raffinement ins Jazzige erweiterter „Waltz for Debby“ oder der von allen mit elektrisierenden Soli erweiterte Evergreen „Some Day My Prince Will Come“ aus Disneys „Schneewittchen“ gaben der Combo Gelegenheit, sich den Groove toll zuzuspielen.

Einen Friedberger Musiksommer gibt man nicht einfach auf
Das Publikum verfolgte gebannt den Auftritt der Combo um Klarinettist Karl-Heinz Steffens.
Bild: Michael Hochgemuth

Ein Kontrast-Programm wurde in der Klassik-Abteilung geboten. Karl-Heinz Steffens (Klarinette), Hartmut Rohde (Viola) und Michal Friedländer (Klavier) lautete die nicht alltägliche Besetzung. Romantik stand im Vordergrund, ein Ausflug in neuere Klänge, und Wolfgang Amadé Mozart, „unser über allen stehender Musiker-Gott“, so Steffens, der das Programm unterhaltsam und informativ moderierte. Schumanns „Märchenerzählungen“ für die drei Instrumente erklangen in einem geheimnisvoll flüsternden, auch gravitätisch schreitenden und lieblich singenden Kaleidoskop von Märchengefühlen, die nicht an eine spezielle Geschichte gebunden sind. Schuberts Arien-Lied „Der Hirt auf dem Felsen“ mit Klarinette und Klavier wurde von Steffens-Tochter Anne Steffens nuancenreich gesungen.

Bratschist Rohde führte, begleitet von Pianistin Friedländer, als Rarität die technisch rabiat anspruchsvollen Passagen des Duos von George Enescu vor. Und der Streicher riss mit sonorem Klang auch in Mozarts „Kegelstatt“-Trio hin. Steffens’ wunderbar leuchtend gezogene Klarinetten-Läufe, besonders aber der von Michal Friedländer musikalisch und technisch klar und überzeugend bestimmende Klavierpart, machten das Mozart-Werk zur Delikatesse, die weit über bloßen Unterhaltungscharakter hinausreichte. Große Beifall für alle Konzerte.

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