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Ausstellung

14.02.2019

Kathrin Ganser verwandelt Chaos-Code in Kunst

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2 Bilder
„Untitled. Höhmannhaus, Landsat/Copernicus“ lautet der Titel dieser Arbeit von Kathrin Ganser, die gerade in der Neuen Galerie im Höhmannhaus zu sehen ist.
Bild: Kathrin Ganser; Kunstsammlungen Augsburg

Die Künstlerin Kathrin Ganser sucht im Internet-Abbild der Welt nach Fehlern im Programm. Außerdem wird sie in ihrer Ausstellung politisch: mit einem Seenot-Rettungsschiff im Mittelmeeer.

Nie war es so leicht, sich auf der Welt zurechtzufinden – rein geografisch. Google zum Beispiel bietet mit seinem Kartendienst eine einfache Möglichkeit, bis an die entlegensten Punkte vorzudringen, auf Karten, aber auch über das Satellitenbild. Und dann bietet der Internetkonzern auch noch eine Möglichkeit, das alles dreidimensional zu sehen. Genau dort setzt die Künstlerin Kathrin Ganser an.

Die geborene Kemptenerin, die in Berlin als Bildende Künstlerin lebt, hat in ihrer wissenschaftlich-künstlerischen Doktorarbeit an der Bauhaus-Universität Weimar untersucht, was mit der Welt geschieht, wenn sie von Computerprogrammen aufgebaut wird. Für ihre Ausstellung „Performanzen“, die bis zum 28. April in der Neuen Galerie im Höhmannhaus zu sehen ist, hat sie sich Augsburgs virtuelles Abbild vorgenommen.

Falsche Strukturen und Bildstörungen

Sie führt das virtuelle Abbild der Welt an seine Grenzen, hin zu Bildern, in denen Fehlfunktionen vorliegen. Es sind Augenblicke, in denen auf dem Bildschirm anschaulich wird, dass ein Algorithmus im Hintergrund die Welt berechnet und sie sich zurechtlegt. Das Programm gibt sich durch falsche Strukturen und durch Bildstörungen zu erkennen. Ein feines Gitternetz breitet sich über dem Himmel aus, die Konturlinien, die Vektoren eines Hauses scheinen stehen geblieben zu sein und rastern den Himmel. Ein Augsburger Giebel ist noch erkennbar.

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Auf einem anderen Bild hat Ganser eine 3D-Ansicht der Münchner Staatskanzlei festgehalten. Vor allem das Reiterstandbild davor verwandelt sich – als Vektorgrafik – in ein kubistisches Gebilde. Das Programm transformiert das Kunstobjekt in ein undefinierbares Ding, ein farbiges Raumvolumen, die Geschichte, die individuellen Züge, die künstlerische Handschrift, das alles wird ausgelöscht.

In einem zweiten Schritt der Ausstellung setzt Ganser diesen Fehlbildern des Systems Foto-Überarbeitungen entgegen, etwa die Aufnahme eines Kreuzgewölbes, die Ganser grafisch überarbeitet. Den Gitternetz-Linien, die das Programm stehen ließ, entsprechen Gansers Eingriffe, wenn sie Konturen betont und grafische Grundmuster herausarbeitet. Das zugrunde liegende Foto verwandelt sich in eine Skizze, die Künstlerin weist mit ihrem Eingriff auf die Essenz des Bildes hin.

Die Fehlfunktion und der Zufall

Diese und ähnliche Arbeiten führen ein Zwiegespräch mit den Internet-3D-Ansichten. So ähnlich die Arbeiten im Aufbau anmuten, so unterschiedlich sind sie im Entstehen: hier eine künstlerische Handschrift, dort die Fehlfunktion und der Zufall.

Ganser führt auch vor, wie eine Computer-berechnete Welt aussehen könnte. In einer Installation überführt sie ein Foto auf eine Leinwand, die gefaltet auf dem Boden liegt. Der Stoff wird räumlich und plastisch; es ist zu erkennen, wie spartanisch, wie arm, wie wenig ansprechend diese programmierte Welt ist.

Mit ihrer Videoinstallation „Day 13/storm clip“ wird es politisch. In Endlosschleife ist dort der Bug des Seenot-Rettungsschiffs „Sea-Watch 3“ zu sehen. Aufgenommen Anfang Januar, an einem Sturmtag. Tag 13 heißt, dass es der 13. Tag mit geretteten Flüchtlingen an Bord war, die Italien nicht aufnehmen wollte.

Die Flüchtlinge und der Internet-Riese

Grafisch passen sich die Schiffsmasten in die Gewölbestruktur der Galerie ein. Inhaltlich ist diese Installation ein Gegenpol zu den Bildern des Internet-Riesen Google. Zwei Seiten der Gegenwart: hier der Versuch der Rekonstruktion von Welt und der Verweis auf eine der größten und auch mächtigsten Firmen der Welt. Dort Flüchtlinge, die auf der Suche nach einem besseren Leben alles riskieren, um von Afrika nach Europa zu gelangen.

So theoretisch das Herangehen Gansers erst einmal klingt, so reizvoll sind vor allem die Fehlbilder des Internet-Kartendiensts. Auf ihnen bewahrt Ganser Momente, in denen in den Programm-Code etwas Schöpferisch-Chaotisches eindringt. Eines allerdings ist wichtig für die Schau: Wer nicht erklärt bekommt, was er sieht, versteht nur die Hälfte dieser Ausstellung oder noch weniger.

Laufzeit der Ausstellung „Performanzen“ in der Neuen Galerie im Höhmannhaus bis zum 28. April. Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Am Dienstag, 16. April, kommt Ganser um 19 Uhr zu einem Publikumsgespräch.

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