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Kattundruck-Ausstellung

23.03.2021

Knallharte Geschäfte vor 300 Jahren: Ausstellung über Johann Heinrich Schüle

Helisena Girl porträtierte den Augsburger Kattundrucker und Geschäftsmann Johann Heinrich von Schüle im Jahr 1858 (Ausschnitt).
Foto: Kunstsammlungen Augsburg

Plus Die Augsburgs Kunstsammlungen widmen dem Kattundrucker zum 300. Geburtstag eine Ausstellung. Sein Erfolg beruhte nicht zuletzt auf billigen Preisen.

Seine Stoffe trug die Welt: Der Fabrikant Johann Heinrich von Schüle machte den bedruckten Kattun zum textilen Massenartikel. Seine leuchtenden Farben und reizenden Designs stachen die Konkurrenz lässig aus. Wer dieser Schüle, der vor 300 Jahren geboren wurde, war und was er Neues schuf, zeichnet in knappen Strichen eine Ausstellung im Grafischen Kabinett der Kunstsammlungen (Maximilianstraße 48) nach.

Kurator Christoph Nicht über Schüle: „Er war ein knallharter Geschäftsmann“

Mit Schüles Namen verbindet sich vor allem die schlossähnliche Fabrikanlage vor dem Roten Tor, die mit dem originalen Kopfbau und zwei neugebauten Seitenflügeln heute die Hochschule nutzt. Als sie 1772 in Betrieb ging, hatte der Unternehmer die Reichsstadt Augsburg schon länger in Unruhe versetzt. „Er war ein knallharter Geschäftsmann“, so Christoph Nicht, der Kurator der Ausstellung. 1748 heiratete Schüle, Sohn eines Nagelschmieds in Künzelsau, der als Elfjähriger eine kaufmännische Ausbildung in Straßburg absolvierte, in eine Augsburger Textilhändlerfamilie ein und erhielt als Brautgabe ein Haus am Perlachberg und die Textilhandlung seiner Schwiegereltern.

Schüles Erfolgsrezept: Qualität und Günstige Arbeitskräfte

Durch Qualitätsverbesserungen des Kattuns und seine Veredelung durch Bedrucken und Bemalen erhöhte er im Stoffhandel den Gewinn. Als günstige Arbeitskräfte holte er „Weibspersonen“ aus Pappenheim, schloss einen Vertrag mit dem Augsburger Zucht- und Arbeitshaus und ließ dort die Stoffbahnen verzieren, die er aus Kostengründen in Hamburg bedrucken ließ.

Johann Michael Freys Darstellung der Schüleschen Kattunfabrik in Augsburg um 1800.
Foto: Kunstsammlungen Augsburg

Weil ihm Qualität und Menge der Augsburger Webware nicht ausreichten, importierte er im großen Stil Kattune aus Ostindien. Die Weberzunft klagte, er würde mit der unerlaubten Einfuhr das hiesige Handwerk ruinieren, und der Rat der Stadt verhängte 1765 eine hohe Geldstrafe. Schüle reiste nach Wien, wo er die Gunst von Kaiserin Maria Theresia genoss, und klagte erfolgreich gegen die Stadt Augsburg vor dem Reichshofgericht. 1768 nahm er hier die Produktion wieder auf und verarbeitete enorme Mengen. In seiner neuen Fabrik empfing er 1780 Kaiser Joseph II. auf dessen Reise zur Krönung nach Frankfurt. In dieser Zeit beschäftigte Schüle bis zu 3200 Personen und setzte drei Millionen Gulden um. Da Qualität und Dessin hochwertig sein sollten, holte er eine Entwerferin aus Hamburg und förderte die Ausbildung an der Reichsstädtischen Kunstakademie. Auch Schüle selbst war ein begabter Maler: Blumen und Sträuße gehörten zu seinen Motiven.

Auch Schüle konnte den Niedergang der Firma nicht aufhalten

Der Zenit war jedoch überschritten, die Konkurrenz erstarkte, die Napoleonischen Kriege schnitten internationale Handelswege ab. Seine Söhne, die 1792 übernahmen, kamen auf keinen grünen Zweig und als der 80-Jährige erneut einstieg, konnte er den Niedergang nicht aufhalten. Die Firma ging Konkurs, Johann Heinrich Schüle starb 1811.

Wohl deshalb ist nur wenig Material über ihn erhalten. Dazu gehört das ausgestellte Adelsdiplom mit Wappen und respektablem goldenen Bullen. Gestochen wurde die stadtbildprägende Fabrik und auch ein Porträt Schüles, das 1805 die Biografie des Franz Eugen von Seida und Landensberg schrieb. Schüles Selbstbewusstsein dokumentiert ein auftrumpfendes Gemälde, wofür er in roter Jacke posierte – ein Privileg des Adels. In der Königlich Preußischen Porzellan-Manufaktur ließ er sogar ein Kaffeeservice mit seinem erworbenen Wappen bemalen.

Als ob die Stoffe duften würden

Die Hälfte der Kabinettsausstellung bestückt Christoph Nicht mit Design-Entwürfen mit Blumenstudien, Girlanden, Bordüren, Ranken und Bouquets. Oft ziert der Stempel der Akademie das Blatt samt dem Eintrag „Praemium“. In Schüles Stoffen dürften die Träger förmlich den betörenden Duft von Blüten und Kräutern eingesogen haben. Zumal auch die Farben frisch, brillant und fein abgetönt erschienen.

Ausstellung Bis 27. Juni, geöffnet Di. bis So. 10–17 Uhr, Eintritt frei. Zurzeit ist eine Reservierung erforderlich; unter www.kmaugsburg.de/reservierungen können Besucher ein Zeitfenster auswählen und dann das kostenlose Ticket im Schaezlerpalais abholen. Ab 24. März gilt aber erst mal wieder der Lockdown.

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