War das schon immer so, oder ist das neu? Wer regelmäßig das Fugger und Welser Erlebnismuseum besucht, mag sich jetzt, nachdem es wieder geöffnet hat, an manchen Stellen verwundert die Augen reiben. Denn in den vergangenen Monaten hat sich hier eine Menge verändert. Nach der Kritik an einer bisher eurozentrierten Sichtweise der Darstellung der Fugger und Welser vor zwei Jahren, die die blutige Ausbeutung Südamerikas, den Handel mit Sklaven, die Kinderarbeit in den Kupfer- und Silberminen und die Kehrseiten des wirtschaftlichen Erfolgs zu wenig angesprochen hatte, hat das Museum nun erste große Schritte getan, den Blick zu weiten. „Es war richtig, diesen Perspektivwechsel vorzunehmen“, sagt Tourismusdirektor Götz Beck, „wir haben uns auf den Weg gemacht“. Götz Beck und Museumsleiterin Wiebke Schreier zeigten vor Ort die ersten Veränderungen.
Eine Wandmalerei aus dem 16. Jahrhundert zeigt im Fugger und Welser Erlebnismuseum die indigene Perspektive
Am deutlichsten sichtbar ist diese neue Perspektive jetzt im Raum „Die Welser in Venezuela – Augsburger Handelshäuser in der Neuen Welt“. Es fällt eine große Wandmalerei ins Auge, im Vordergrund ein angedeutetes Schiff. Es ist eine Felszeichnung aus dem 16. Jahrhundert, die erst vor wenigen Jahren in La Lindosa, im Süden Kolumbiens, entdeckt wurde. Sie zeigt erstmals eine indigene Perspektive auf die Ankunft der Europäer. Im selben Museumsraum finden sich Ausschnitte aus diesen Felszeichnungen unter dem Titel „Kriegszüge und Menschenhandel“.
Interpretiert hat die Zeichnungen der kolumbianische Wissenschaftler Fernando Urbina Rangel, der seit 1978 die Kultur der Völker im kolumbianischen Amazonasgebiet erforscht. Diese Expertise, wie auch die einer ganzen Reihe anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ist jetzt in die Neukonzeption des Museums eingegangen. Museumsleiterin Wiebke Schreier erläutert einige Szenen der Felszeichnung: Da sind etwa Menschen in Ketten zu sehen, auch Kampfhunde und ein Schwert. Die Zeichnungen, so weiß man es heute, waren wohl als Warnungen gedacht vor den „Entdeckern“, die, wie man es bisher oft sprachlich verbrämt hatte, keine „Entdecker“, sondern „Eroberer“ waren – auf Kriegszügen. Die Hunger, Seuchen und Gewalt über die indigene Bevölkerung brachten, die, auf der Suche des legendären Goldlands Eldorado, Menschen beraubten, ermordeten, versklavten und mit dieser „menschlichen Ware“ ihre Raubzüge finanzierten.
Kupferarmbänder waren die Währung für Sklaven
Im Untergeschoss des Fugger und Welser Erlebnismuseums finden sich an einer Wand „Kupferarmbänder“ in verschiedenen Größen, so genannte Manillen. Das war die Währung für die Sklaven. Um die Welser zur Investition im heutigen Venezuela und Kolumbien zu bewegen, hatte Kaiser Karl V. den Welsern das Privileg eingeräumt, 4000 afrikanische Sklaven einzuführen. Schon vorbereitet sind im Museum die Träger für Tafeln unter den Manillen, die solche Zusammenhänge erklären werden. „Bisher wurde nicht so herausgearbeitet, wie brutal die Europäer vorgingen“, so Götz Beck.
Um die „große, andere Seite“ der Darstellung wird es auch im Obergeschoss des Museums gehen. Dort, wo die Fugger und Welser als global einflussreiche Unternehmer, die auch die Politik mitbestimmten, präsentiert werden, sollen künftig auch die Kehrseiten von Macht und Erfolg gezeigt werden, nämlich, auf wessen Kosten all dies geschehen ist. Götz Beck: „Es geht um ein Sensibilisieren dafür, dass, wenn auf der einen Seite einer gewinnt, der andere etwas verliert.“ Neben die Stele mit dem Video vom Geschlechtertanz soll eine zweite kommen, die darauf hinweist, dass nur zwei Prozent der damaligen Gesellschaft reich waren.
Der Perspektivwechsel ist ein Prozess
Den Perspektivwechsel sieht Götz Beck als einen fortlaufenden Prozess. „Wir erzählen im Museum eine Geschichte“, sagt er, „da können wir auch das aktuelle Geschehen integrieren“. Auch die Veranstaltungen im Fugger und Welser Erlebnismuseum werden von diesem erweiterten Blickwinkel geprägt sein.
Informationen unter www.fugger-und-welser-museum.de