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Kunst im öffentlichen Raum

17.02.2021

Kunst an der Nahtstelle zur menschlichen Anatomie

Franz Bernhard mit Skulptur "Die große Sitzende" steht vor der Agentur für Arbeit in Augsburg.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Franz Bernhards Skulptur aus Corten-Stahl und Bongossi-Holz steht als kühner Zug in die Höhe vor der Augsburger Agentur für Arbeit.

Es fällt auf, dass viele der öffentlichen Skulpturen Franz Bernhards vor Arbeitsämtern Platz gefunden haben. Das ist so in Braunschweig, Villingen, Aachen, Lübeck, Mainz, Saarbrücken – und in Augsburg. Offensichtlich hat sich hier vielerorts der Kunstsinn einer Behörde niedergeschlagen. Mit einer gewissen Logik insofern, als hier „Arbeiten“ vor dem Arbeitsamt stehen (heute heißt es Agentur für Arbeit). Zitat Bernhard: „Was in unserer Zeit Kunst war, werden die nächsten Generationen entscheiden. Ich möchte ihnen nicht vorgreifen, deshalb nenne ich meine Skulpturen Arbeiten.“

Das ist so bescheiden wie richtig gesagt. Der 1934 in Neuhäuser/Tschechoslowakei geborene Künstler, der Bildhauerei bei Wilhelm Loth und Fritz Klemm in Karlsruhe studierte, war von 1972 bis zu seinem Tod 2013 im pfälzischen Jockgrim ansässig. Bernhard, gelernter Schreiner und Schlosser, versteht sich aufs Handwerk. Seine Kunst lebt aus der Materialität von Holz und Eisen bzw. Corten-Stahl bei den öffentlichen Arbeiten. Sie tragen nicht selten die Erinnerung an bäuerliche Gerätschaften weiter, fügen sich aus Gliedern und Gelenken, aus Bögen und Winkeln, die den Rost ebenso vorzeigen wie Schweißnähte und Schraubenköpfe.

Franz Bernhard hat die Skulptur in einer Schiffswerft herstellen lassen

Aus dem in der Schiffswerft Braun in Speyer getätigten Herstellungsprozess, der sich vom Konstruktionsplan über Segmentierungsschablonen, von statischen Berechnungen, dem Zuschnitt der Stahlteile, ihrer Verbindung bis hin zur endgültigen Aufstellung erstreckt – aus diesem Werksatz erstehen Haltungen wie Liegen, Lehnen, Sitzen und Aufsteigen. Sie markieren die Nahtstelle zur menschlichen Anatomie. So kommt es, dass Bernhard seine Skulpturen auch als „Figuren“ (bzw. Köpfe) und als „anthropomorphe Zeichen“ bezeichnet. Wobei die Körperanalogie teils so stark abstrahiert ist, dass die Tektonik und Dynamik der Skulpturen den menschlichen Bezug eher verbirgt, als preisgibt.

Franz Bernhards Skulptur "Die große Sitzende".
Bild: Ulrich Wagner

In dieser Hinsicht macht es die Skulptur in Augsburg dem Betrachter nicht allzu schwer. Aufs Erste springt die Dreiteiligkeit ins Auge. Sie lässt sich – der Einfachheit halber – durchaus als Fuß, Rumpf und Kopfteil ansprechen. In diese Richtung weist auch der Titel: „Große Sitzende“ (1990).

Die Augsburger Sitzende ist schön gelagert am Senkelbach

Die Körpernähe und die Körperferne demonstrieren zwei Statements des Künstlers. Das eine: „Von Anfang an war für mich Bildhauerei ohne Menschenbild undenkbar.“ Das andere: „Ich gestalte Übergänge. Ich mache Dinge. Meine Dinge greifen in den Raum. Ich gestalte Räume.“ Die Augsburger Sitzende, schön gelagert am Senkelbach auf einem Rasenstück mit lockerem Baumbestand, „verkörpert“ eine Bewegungsenergie, die aus der Vertikalen zu einem kühnen, steil in die Luft gestellten Höhenzug ansetzt. Sie mutet an wie eine auseinandergeklappte, sich öffnende Materialgestalt.

Die auf zwei Steinen aufruhende Arbeit schwebt knapp über dem Boden. Stabilisiert erscheint sie durch zwei nahezu rechtwinklig abgespreizte Schenkel, der eine stumpf endend, der andere spitz zulaufend und am Boden aufsitzend. Der Blick wandert die Längsachse entlang, die in einer stark verwinkelten Diagonale nach oben führt zu dem in einer Stahlfassung gehaltenen, vierkantigen Balken aus witterungsbeständigen Bongossi-Holz. Er endet stumpf (mit einer Eisenkappe) in rund fünf Metern Höhe.

Die Nahsicht verrät, wie sehr Innen- und Außenneigungen, gegenläufige Richtungsenergien, Kippeffekte und aus der Achse gedrehte Schrägen der Stabilität der „Großen Sitzenden“ zuwiderlaufen. Zumal sich – wie so oft bei den Arbeiten Franz Bernhards – beim Herumgehen völlig überraschende Perspektiven offenbaren. (Manchmal so sehr, dass man meint, eine neue Arbeit vor sich zu haben, wie es etwa bei der „Augsburger Schwester“, der „Großen Sitzenden“ (1991) vor der Polizeistation in Mainz-Hechtsheim, der Fall ist.)

Doch trotz aller Schrägen, Bögen, Winkel und Instabilitäten: Der so entschiedene, exponierte Schub in die Höhe macht die Augsburger Arbeit zu einem Versprechen.

Hier finden Sie weitere Folgen unserer Serie "Kunst im öffentlichen Raum":

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17.02.2021

Wenn es denn immer Kunst wäre, was bei Großprojekten als Beiwerk geboten wird. Teilweise scheinen das schon Halbherzig gekaufte Werke zu sein, das der Künstler nicht verhungert. Hauptsache wir haben die Auflagen erfüllt, und das Geld verbraucht, scheint hier bei vielen öffentlichen vergaben der wichtigste teil zu sein.

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