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Geschichte

04.06.2019

Leo Hiemer erinnert an Gabi und ihre Familie

Leo Hiemer vor dem Erinnerungsband des ehemaligen Wohnhauses der Familie von Gabi <b>am Predigerberg</b>
Bild: Michael Hochgemuth

Mit dem Film  „Leni“ erinnerte Regisseur Leo Hiemer an ein Mädchen, das im Allgäu  Zuflucht fand und dann in Auschwitz ums Leben kam. Jetzt hat er ein Buch geschrieben.

Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Allgäuer Filmemacher Leo Hiemer mit dem Schicksal von Gabi Schwarz, einem kleinen Mädchen, das von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde. 1995 erzählte er über Gabi in seinem Film „Leni... muss fort“, und jetzt hat er ein Buch vorgelegt: „Gabi (1937 - 1943). Geboren im Allgäu, ermordet in Auschwitz“ (Metropol-Verlag, 24 Euro). Das Buch erzählt auch über Gabis Augsburger Familie, und in Augsburg, in der Gesundbrunnenstraße 3, haben Hiemer und Nachfahren der Familie nun mit der ErinnerungsWerkstatt ein Gedenkzeichen aufgestellt.

Erinnerungsband am Familienanwesen am Predigerberg

Dieses Erinnerungsband trägt – außer dem Hinweis auf Gabi – die Namen von Gabis Mutter Lotte Eckart (1904 - 1942), ihrer Großmutter Anna Schwarz (1870 - 1939) und ihrem Großonkel August Einstein (1868 - 1937). Diese Menschen lebten in dem repräsentativen Gründerzeithaus. Das Familienanwesen am Predigerberg hatte Anna Schwarz schon auf Druck der Nazis verkaufen müssen. Und hier, in ihrer Wohnung in der Gesundbrunnenstraße 3, nahm sie sich 1939 das Leben, weil sie auch diese Wohnung räumen sollte.

Ihr Schwager August Einstein hatte sich schon zwei Jahre zuvor erschossen, um sein Leiden zu beenden. Er war schwer zuckerkrank, und ihm als Juden verweigerten die nationalsozialistischen Ärzte das lebenswichtige Insulin.

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Lotte Eckart, die jüngste Tochter von Anna Schwarz (die beiden älteren Töchter hatten Augsburg längst verlassen), versuchte von dieser Wohnung aus, ihre Auswanderung zusammen mit ihrer kleinen Tochter zu betreiben – vergebens. Sie nutzte dabei ihre europaweiten Kontakte und ihre Verbindungen zum Münchner Kardinal Faulhaber, den sie über ihren verstorbenen Mann Wilhelm Eckart kennengelernt hatte. Sogar taufen ließ sie sich, doch für die Nazi-Machthaber galt sie weiterhin als Jüdin. Im September 1941 wurde sie verhaftet und ins Konzentrationslager Ravensbrück überstellt, wenig später in die Tötungsanstalt Bernburg/Saale gebracht und dort ermordet.

Ihre 1937 geborene Tochter Gabi hatte Lotte Eckart bei der Bauernfamilie Aichele in Stiefenhofen im Allgäu als Pflegekind untergebracht. Dort wurde die Kleine liebevoll umsorgt, aber im Februar 1943 verfügte die Gestapo, dass das Kind in ein Münchner Heim für jüdische Kinder gebracht werden musste, eigentlich ein Sammellager. Der Stiefenhofener Bürgermeister Johann Seelos sorgte dafür, dass die Anweisung umgesetzt wurde. Gabi musste fort, und auch Versuche des Pflegevaters Josef Aichele und des Dorflehrers Johann Pletzer, sie zurückzuholen, scheiterten. Wenige Wochen später wurden alle Kinder des Heims nach Auschwitz deportiert und vergast. Gabi wurde nur fünf Jahre alt.

Erbitterte Kämpfe gegen ein Gedenken

Leo Hiemer hat die hochkomplexe Geschichte der Familie, von der nur zwei Personen überlebt haben, für sein Buch akribisch recherchiert, nutzte dabei auch die vom Institut für Zeitgeschichte betreute kritische Edition der Faulhaber-Tagebücher, bringt eine Fülle von Fakten zu Tage (etwa über die Schicksale von Lottes Schwestern), sprach mit Zeitzeugen und Nachfahren. Besonders eindrucksvoll sind die Nachkriegsereignisse, die Äußerungen von Bürgermeister und Gestapo-Tätern, die juristische Aufarbeitung und die Versuche des Gedenkens. Erst 30 Jahre nach Gabis Ermordung gab es in Stiefenhofen die ersten Versuche, an dieses ausgelieferte Kind zu erinnern (und diese Versuche führten zu erbitterten Abwehrkämpfen in der Gemeinde). Dass es in der Allgäuer Gemeinde Jahre später dann doch ein Gedenkzeichen gab, ist dem Engagement von Bürgern, Artikeln in der Augsburger Allgemeinen, einem Buch ihres ehemaligen Chefredakteurs Gernot Römer und Leo Hiemers Film zu danken.

Jetzt hat Hiemer die Geschichte von Gabi und ihrer Augsburger Familie ausführlich und mit einer Fülle von Fotos dargestellt. Dass diese Geschichte auf großes Interesse trifft, zeigten die zahlreichen Teilnehmer (unter ihnen Mitglieder der jüdischen Gemeinde und viele Schülerinnen von Agnes-Bernauer-Realschule und Stetten-Institut, wo Gabis Mutter einst zur Schule ging), die bei der Aufstellung des von Nachfahren der Familie gestifteten Erinnerungsbandes dabei waren.

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