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Römerlager

17.01.2020

Lesung einmal anders mit Simon Strauß

Eine Szene wie in einer Arena. Im Römerlager des Zeughauses las der Schriftsteller Simon Strauß (oben hinten auf der Stufe) aus seinem zweiten Roman „Römische Tage“.
Bild: Mercan Fröhlich

Simon Strauß präsentiert seinen Roman „Römische Tage“. Doch das Literaturhaus, Veranstalter für Kreativität und frische Formate, lässt ihm wenig Raum zwischen Häppchen, Arena und Debatte

Kann es für die Lesung „Römische Tage“ einen besseren Ort geben als das Römerlager? Autor Simon Strauß schreibt im FAZ-Feuilleton und ist der Sohn von Botho Strauß. Aber das ist nicht wichtig an diesem Abend, zu dem der Veranstalter Literaturhaus rund 80 Zuschauer begrüßen konnte. Niemand, die Moderatorin Franziska Diller nicht, Literaturhaus-Gründer Stefan Bronner nicht und auch nicht die Philosophin Florentine Hoetzel, die aus Tübingen angereist war – keiner erwähnte den berühmten Vater. Wohltuend.

Strauß’ Lesung ist kurz, gibt aber einen guten Eindruck von Sprache, Inhalt und Atmosphäre seines zweiten Romans. Die Rahmenhandlung: Ein junger Mann fährt nach Rom. Eigentlich wollte er die Reise mit seinem Freund antreten. Doch der erlag im Jahr zuvor einer Krebserkrankung. Eine harte Erfahrung, von der erst in der Mitte des Buches berichtet wird. Aber das Erlebnis spiegelt sich in den selbstversunkenen, in ihrer Wucht trotzdem leichtgängig formulierten Assoziationen der Hauptfigur.

Er hängt am Fenster und lauscht dem Gemurmel der Stimmen

Sechs Monate wohnt er gegenüber dem Haus Goethes. Er hängt am Fenster, lauscht dem Gemurmel der Stimmen und stellt sich vor, wie gegenüber sich Goethe die Füße wäscht. Er streift durch die Stadt, sinniert über seine Italienischlehrerin, mit der er ein Kind haben könnte. Sozialkritisches klingt an: Die Lehrerin pendelt jeden Tag zwei Stunden in die Stadt, denn römische Mieten muss man sich leisten können. Das Dumme an der Stadt: Alles und jedes hier wurde schon von irgendjemand gesehen, es besteht keine Chance auf das Abenteuer, der erste zu sein.

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Sein Buch sei eine Sammlung von Short Cuts, erklärt Strauß. Kurze reale Momente der Begegnung lösen im Protagonisten eine lange Kette an Tagträumereien aus. Es geht es um Identität und Freiheit, um das Ausbrechen aus vorgefertigten Normen und Karrieren. Der Protagonist will es nicht, ist es aber doch: ein „korrekter Karrierist“. Reisen soll helfen, den heimischen Kokon zu verlassen. Da bröseln Gewissheiten, das Fremde stellt das Eigene in Frage. Die innere Sicherheit, das Gefühl, ein Ganzes zu sein, kann so verloren gehen. „Wenn die Ganzheit wieder erlangt werden kann, das Absolute, das ist für mich Schönheit“, so der Schriftsteller.

Ein bisschen weniger Veranstalter-Tamtam

Die Lesung samt Gespräch hatte viele intime Momente und einen gewollt hippen Touch. Die klassische Sitzordnung wurde sympathisch durchbrochen, indem Moderatorin Franziska Diller ihren Kollegen und Literaturhaus-Gründer Stefan Bronner sowie die beiden Gäste Hoetzel und Strauß wie auf den Rängen einer römischen Arena auf Stufen drapierte. Zwischendurch reichte das Sternerestaurant Sartory aus dem Hotel Drei Mohren ein italienisches Minihäppchen. Ungewöhnlich, ja. Ein bisschen weniger Veranstalter-Tamtam hätte dem Autor, seinem Werk und seinen Gedanken mehr Raum gelassen. Auch der Diskussionsbedarf des Publikums wurde unterschätzt. Mehrere Zuhörerinnen nahmen sich schließlich Rederecht und öffneten die Runde.

Das Literaturhaus sieht sich als innovativen Literaturvermittler zwischen Internet und wechselnden Orten. Als „Besitzer“ gilt Stefan Bronner, der das virtuelle Haus 2015 aus der Taufe hob. Die Webseite gibt sich geheimnisvoll, die Mitarbeitenden sind unkenntlich gemacht. Bronner selbst ist passionierter Literaturwissenschaftler und arbeitet an der Universität von Connecticut (USA). Weitere Termine des Literaturhauses für 2020 wurden noch nicht bekannt gegeben.

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