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Ausstellung

03.10.2019

Maximilian Prüfers Birnenernte ohne Bienen

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2 Bilder
Maximilian Prüfer (rechts) lernte in China das Bestäuben von Obstbäumen
Bild: Maximilian Prüfer

Kunstpreisträger Maximilian Prüfer zeigt in Oberschönenfeld eine Konzeptschau, die er in China erarbeitet hat. Dort lernte er, Obstbäume von Hand zu bestäuben – denn die Bienen sind ausgerottet

Aus der Natur schöpft Maximilian Prüfer seit jeher nicht nur Inspiration für seine Kunstwerke. Er lässt sie auch für sich arbeiten. Prüfer zeichnet die Spuren von Ameisen und Fliegen auf, er lässt Schnecken nächtelang über Papier kriechen, lässt Regentropfen „malen“, nimmt farbige Abdrücke von Schmetterlingsflügeln. Der 33-Jährige nutzt kreatürliche Prozesse, die er mit eigenwilligen Methoden aufzeichnet und sichtbar macht, für seine Kunst. Insekten spielen darin seit Jahren eine wichtige Rolle. In seiner jüngsten Arbeit nun hat sich Maximilian Prüfer mit einer Leerstelle in der Natur beschäftigt: Wie ist es, wenn es keine Bienen mehr gibt?

Des Künstlers Nachforschungen und Bildfindungen zu einer Welt ohne natürliche Blütenbestäuber sind jetzt in einer Ausstellung in der Schwäbischen Galerie im Museum Oberschönenfeld zu sehen. Es ist eine karge Konzeptschau, in deren Zentrum ein zwölfminütiger Film steht, in dem Prüfer assoziativ und poetisch von seinem Eintauchen in eine Welt ohne Bienen erzählt. Prüfer, der sein Atelier in Augsburg hat, inzwischen aber auch viel Zeit in Wien verbringt, ist mithilfe eines Reisestipendiums als Kunstpreisträger des Bezirks Schwaben mehrfach nach China geflogen. Dort, nahe der Stadt Chengdu in der Provinz Sichuan, gibt es keine Bienen mehr, die die Obstbäume bestäuben könnten. Aber Birnen werden dort trotzdem geerntet.

Sinnbildlicher lässt sich die Bedeutung der Bienen nicht zeigen

In den 1950er Jahren hatten die Chinesen begonnen, Vögel als „Ernteräuber“ auszurotten, was zu einer dramatischen Vermehrung der Insekten führte, weil es keine Vögel mehr gab, die sich von ihnen ernährten. Also wurden massenweise Pestizide eingesetzt, um die Insekten zu vernichten. Die Folge: Es starben die Bienen aus.

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Die Bauern mussten nun deren Arbeit übernehmen – das Bestäuben der Obstbäume. Das geschieht von Hand – Blüte für Blüte. So klettern sie in die Obstbäume und betupfen mit Bambusstecken, an deren Ende ein Büschel Hühnerfedern befestigt ist, die Blüten. Das sieht aus wie Abstauben mit Staubwedeln … Die Bienen kommen auf Mopeds. In der Ausstellung sind die Werkzeuge der Bestäuber zu sehen. Auffälligstes Objekt im weitgehend leeren Raum ist eine goldene Birne, die auf chinesischem Zeitungspapier in einer Erntekiste liegt. Die Plastik ist der vergoldete Bronzeabguss jener einen Birne, die Maximilian Prüfer in China selbst geerntet hat. Der Birnbaum, den er gekauft hatte, trug erwartungsgemäß nur eine einzige Frucht – weil der Künstler eben auch nur eine Blüte an „seinem“ Baum bestäubt hatte.

Sinnbildlicher lässt sich kaum zeigen, welche Bedeutung die Bienen haben und welche Lücken ihr Verschwinden in den Kreislauf der Natur reißt. Maximilian Prüfers Film aus Sichuan ist keine Dokumentation. Er zeigt aber die Arbeit der menschlichen Ersatzbestäuber. Es hat etwas Meditatives, zärtliches, wie sie in den Baumkronen stehen und wieselflink tupfen. So leicht der Blütenstaub im Frühjahr, so schwer im Herbst die Früchte, für deren reiche Ernte die Menschen ein zweites Mal in die Bäume steigen.

BIEN hat der Künstler seine Ausstellung betitelt. Das ist ein historisch gewachsener Begriff für die Verfasstheit eines Bienenvolkes, dessen Gemeinschaftsorganismus mit all den Strukturen als eine Analogie zur Gesellschaft aufgefasst werden kann. Wir sehen, wie Menschen als Bienenersatz funktionieren – und tatsächlich reüssieren. Aber das Prothesenhafte, Befremdliche dieser „künstlichen Befruchtung“ vermittelt sich gleichwohl. Die Qualität der Ausstellung liegt weniger im Schauwert als in ihrer konzeptionellen Erzählung. Zu sehen sind neben den Bestäubungswerkzeugen auch zwei Fotografien – und zwei Obstbaumblütenzweige aus China, hinter Glas eingelegt in Honig wie in Bernstein. Ein Glaskolben auf einer Messingscheibe, wie ein Schrein anmutend, enthält Industriehonig. Maximilian Prüfer tupft seine Expedition ins Reich ohne Bienen mehr in die Galerie, als dass er auftrumpfte damit. Einmal ist in seinem Film eine Biene in Nahaufnahme zu sehen. Die Flügel zittern im Wind. Ist sie tot? Lebt sie? Nicht weit von der Galerie findet sich an einem Stadel ein Plakatanschlag des Imkervereins Stauden. Wer aus Maximilian Prüfers BIEN kommt, liest das nun anders als zuvor. „Fremdbestäubung ist ein Plan der Natur! Deshalb müssten Bienen gehalten werden, selbst wenn sie keinen Honig eintragen würden. Honig kann importiert werden, die Bestäubungsleistung der Honigbienen und all der anderen Insekten aber nicht!“

Laufzeit bis 24. November, geöffnet Di. bis So. 10 – 17 Uhr

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