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Film

20.02.2021

Oberste Komparsenregel: Schauspieler anquatschen geht nicht!

Ein Traum, mal als Komparse vor der Kamera zu stehen? Unser Autor hat ihn sich auch mit der Serie "Biohackers" erfüllt.
Bild: Netflix

Plus Als Komparse beim Dreh? Unser Autor wird neuerdings für kleine Auftritte gebucht und erzählt von seinen Eindrücken, wenn er sich plötzlich unter Nazis befindet.

München im November. Alles wirkt beängstigend und bedrohlich. Ich fühle mich unwohl hier am Odeonsplatz zwischen Hofgarten und Feldherrnhalle. Nicht nur wegen der Minusgrade. Links neben mir schäkern zwei SS-Sturmbannführer, die gerade von zwei Passanten mit dem Hitler-Gruß gegrüßt werden. Fünf Jugendliche von der Hitler-Jugend spielen Fußball. Als ich die Straße überquere, die mit 30er-Jahre-Autos gesäumt ist, lese ich auf einer Litfaßsäule: „Kauft nicht bei Juden.“

Es fühlt sich alles echt und authentisch an. Soll auch so sein, ist es aber Gott sei Dank nicht. Der Streamingdienst Netflix dreht eine neue Serie: „Munich 1938.“ Wie der Titel schon sagt, geht es um Ereignisse rund um die Münchner Konferenz im Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, und ich bin als Komparse mit dabei. Topstar dieser Produktion ist Jeremy Irons, der den britischen Premier Neville Chamberlain spielt und dem wir am nächsten Tag begegnen werden.

Die erste Rolle als Komparse ist einfach - über den Platz laufen, ohne zu stolpern

An diesem 18. November 2020 wird am Odeonsplatz eine Verfolgungsszene mit Jannis Niewöhner und George MacKay gedreht. Es ist immer die gleiche Szene, die wiederholt werden muss. Meine Rolle, die mir der Regieassistent zuweist, ist einfach. Während ich über den Platz laufe, muss ich in einer Propagandazeitung der Nazis schmökern und die nächste Straße überqueren. Gelingt mir, ohne zu stolpern. Schon fast ein Albtraum: 24 Stunden später muss ich am Münchner Königsplatz Adolf Hitler und Benito Mussolini zujubeln.

Wolfgang Langner als Clochard bei „Felix Krull“: Wolfgang Langner.
Bild: Wolfgang Langner

Beim Film zu arbeiten ist natürlich trotzdem ein Traum. Für einen wie mich, der früher damit geprahlt hat, alle Streifen von Charles Bronson und Clint Eastwood gesehen zu haben, sowieso. Wer es nur macht, um damit Geld zu verdienen, sollte es bleiben lassen. Der Lohn für einen Komparsen ist, wenn man die Fahrtkosten abzieht, eher im unteren Segment. Also fast nur die Liebe (zu Film und Fernsehen) zählt. Darauf gebracht hat mich eine Kollegin, als ich noch als Redakteur in der Sportredaktion der Augsburger Allgemeinen gearbeitet habe. Sie hat mir erzählt, dass sie nebenbei als Komparsin tätig ist und als Statistin beim Film „Trautmann“ von Marcus Rosenmüller dabei war. Als Fußball-Berichterstatter habe ich mir natürlich den Film um die Torwart-Legende angesehen, und tatsächlich – unter den Zuschauern im Stadion sah ich die Kollegin.

Die erste Anfrage kam für eine Thomas-Mann-Roman-Verfilmung

Von da an war dieser Gedanke im Hinterkopf. Wenige Monate, nachdem ich in den Ruhestand gegangen war, ließ ich mir die Kontaktdaten der Agentur für Komparsen und Kleindarsteller in München geben und versuchte mein Glück. Online anmelden, ein paar Bilder hochladen und ab die Mail-Post. Die Zweifel waren jedoch groß: Karteileiche? Oder Leiche beim „Tatort“? Doch schon nach zwei Wochen bekam ich per E-Mail die erste Anfrage. Ob ich Zeit und Lust hätte, dabei zu sein bei der Produktion zum Film „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Ich war baff. Die auf dem Roman von Thomas Mann basierende Felix-Krull-Verfilmung mit Horst Buchholz hatte ich in den 70er Jahren schon mal gesehen.

Wolfgang Langner als strammer Deutscher beim Dreh zu „Munich 1938“.
Bild: Wolfgang Langner

Dieses Mal dreht Regisseur Detlev Buck. Natürlich hatte ich Lust, und wie. Allerdings gibt es bei Anfragen immer einen Haken, denn eine Anfrage ist noch keine Buchung. Das musste ich später häufig bei Anfragen wie für „Die Chefin“, „Sturm der Liebe“ oder „Die Rosenheim-Cops“ erfahren. Die Firma lotet zunächst aus, ob man überhaupt verfügbar ist. Dann erst wird die Auswahl getroffen. Innerhalb von 24 Stunden bekommt man Bescheid. Wie die Auswahl vonstattengeht – keine Ahnung.

Jedenfalls für „Felix Krull“ wurde ich gebucht. Einige Wochen vorher war die Kostümprobe. Ich erkannte mich kaum wieder. Drehtag war in Regensburg, und meine Rolle, wenn man von einer Rolle sprechen darf, war die eines Clochards, der unter der Brücke lebt. Das Leben als Komparse kann manchmal etwas langweilig sein. Schließlich dauerte es gut fünf Stunden, ehe ich überhaupt für eine kurze Szene zum Einsatz kam. Es ist also ratsam, etwas zum Lesen mitzunehmen.

Die Leute am Set sind auf ihre Arbeit fokussiert

Die Leute am Set, egal ob Maskenbildner, Komparsenbetreuer oder Regieassistenten, sind sehr fokussiert auf ihre Arbeit, aber auch herzlich und bemüht. Und in Zeiten von Corona vor allem sehr vorsichtig. In den Tagen vor dem Dreh sind fast immer zwei Corona-Tests notwendig. Beim Dreh selber müssen nach jeder Einstellung sofort wieder die Masken aufgesetzt werden. Etwas nervig, aber die Bestimmungen lassen nichts anderes zu. Überhaupt gibt es für Komparsen klare Regeln am Set. Fotografieren ist verboten und das Anquatschen der Schauspieler sowieso.

Mittlerweile wurde ich öfter gebucht. So habe ich bei der Netflix-Serie „Biohackers“ mein Geld auch schon einmal buchstäblich im Schlaf verdient, weil ich gute vier Stunden nur in einem Krankenhausbett liegen musste. Als Obdachloser durfte ich in einem Münchner Park der Kommissarin beim „Polizeiruf 110“ mit einer Flasche Bier zuprosten.

Das eigene Fernsehverhalten hat sich auch verändert

Im Gegensatz zur Vor-Komparsenzeit hat sich mein Verhalten beim Anschauen von Filmen im Fernsehen oder im Kino schon verändert. Man beachtet jetzt viel mehr auch die Figuren im Hintergrund. Vielleicht kennt man ja einen der Kolleginnen oder Kollegen. Bei „Die Chefin“ spielt jedenfalls immer einer mit, der auch unter den Komparsen von „Felix Krull“ dabei war.

Kürzlich wurde ich für ein weiteres Projekt gebucht: „Magic flute“ – Mozarts „Zauberflöte“. Vier Drehtage, zwei Corona-Tests. Blockbuster-Ikone Roland Emmerich gehört zu den Produzenten. Eine märchenhafte Kulisse in einem der vielen Münchner Filmstudios. Alles ist dabei: Sklaven, Tempelpriester, König, Prinzessin. Man sieht, dass Iwan Rheon, der in „Game of Thrones“ den sadistischen Ramsay Bolton spielt, in Wirklichkeit ein ganz netter Kerl ist. Oder dass Stefan Konarske, Bösewicht und Obernazi in der Sky-Serie „Das Boot“, witzig und vor allem ein genialer Schauspieler ist. Und dann spürt man, dass man selber mittendrin ist – als kleiner Teil in einer großen Filmproduktion.

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