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Nationalsozialismus

13.02.2020

Verfolgt, gedemütigt und doch ein Versöhner

Max Bissinger, seine Frau Franziska und die gemeinsame Tochter. Die Ehe zerbrach und Bissinger kehrt 1968 allein nach Augsburg zurück.
Bild: Sammlung Gernot Römer

Als „Mischling“ erlebte der Gögginger Max Bissinger eine schlimme Zeit

Geboren und evangelisch getauft wurde Max Bissinger 1918 im damaligen Wöchnerinnenheim an der Gögginger Straße. So wie viele Gögginger. Er wuchs auf in der Bergstraße gleich neben dem Gasthof „Berghof“. Sein Vater betrieb dort ein Immobiliengeschäft. Er war im ganzen Viertel angesehen. Viele Jahre lang – bis 1933 – hatte er immer an Weihnachten für die Kinder der Baugenossenschaft ein großes Herz: Etwa 40 von ihnen wurden zur Bescherung in sein Haus eingeladen. Der Stadtberger Lokalhistoriker Alfred Hausmann hat in einer seiner neuesten Publikation das einen schlimmen Verlauf nehmende Leben des „Bergstraßlers“ Max Bissinger aufgezeichnet und so der Nachwelt erhalten. In seine Ausarbeitung gehen auch vorausgehende Publikationen des früheren AZ-Chefredakteurs Gernot Römer ein. Jedenfalls war für Max Bissinger zunächst die Welt im Lot: Er besuchte die Gögginger Franz-Schubert-Volksschule, spielte beim TSV Göggingen Fußball und betrieb Leichtathletik. Doch schon 1936 ist er als „Mischling 1. Grades“ – sein Vater war gläubiger Jude – vom Verein ausgeschlossen worden. Lapidar hieß es: Der 18-Jährige sei nicht würdig, einem deutschen Sportverein anzugehören. Weitere Erniedrigungen folgten: Trotz Dienstes bei der Wehrmacht und beim Reichsarbeitsdienst wurde er nachträglich und nach verschärften neuen Bestimmungen als „Mischling“ für wehruntauglich eingestuft.

Als er sich 1936 in die Pferseeerin Franziska Jiricka verliebte, ist gegen ihn wegen eines Verbrechens der „Rassenschande“ ermittelt worden. Der Prozess wurde aber eingestellt, denn noch hatte die NS-Gesetzgebung „Lücken“ aufzuweisen und Max Bissinger konnte einer Bestrafung entgehen. Schließlich betätigte er sich vorübergehend mit Franziska – seit 1941 hatten sie eine gemeinsame Tochter – als Pächter einer Pension, wo er wegen der „Beschäftigung einer nichtarischen Hausangestellten“ zu einer Geldstrafe verurteilt wird. Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) hat ihn jetzt ständig im Visier und verfügt 1944 seine Einweisung in das Arbeitserziehungslager an der Morellstraße. „Asoziale und volksschädliche Elemente“ hatten von dort aus beim Bunkerbau, bei der Beseitigung von Bombenschäden oder von Blindgängern gefährliche Zwangsarbeit zu leisten. Um den zu entgehen, täuschte er einen Selbstmord am Ammersee vor. Ein Freund legt Wehrpass, Lebensmittelmarken und etwas Geld ans Ufer und wirft Abschiedsbriefe in die Briefkästen der Lebensgefährtin und der Mutter. Er weihte sie nicht in seinen Plan ein, weil er sie nicht wegen Mitwisserschaft in Bedrängnis bringen wollte. Bei Bauern und zuletzt in einem Wochenendhaus in Holzhausen bei Gablingen versteckt er sich und erlebt so die Befreiung durch die Amerikaner.

Endlich kann er jetzt Franziska heiraten. Er versucht dann mit Frau und Töchterchen sein Glück in den Vereinigten Staaten. Dort gelingt es ihm aber nicht, so richtig Fuß zu fassen. Die Ehe zerbricht und Max Bissinger kommt 1968 alleine nach Augsburg zurück. Er gewinnt – trotz allem – als geselliger und humorvoller Mensch noch viele Freunde. 1990 verstirbt er. Alfred Hausmann berichtet in seinen Aufzeichnungen über ein Gespräch, das Gernot Römer mit Max Bissinger führte und in dem dieser ausführte: „In Amerika bin ich stets denen entgegengetreten, die das deutsche Volk pauschal für die im Dritten Reich“ begangenen Verbrechen verurteilten.“ Und: „Mir selbst wurde immer wieder in schweren Jahren von zahlreichen Deutschen geholfen.“ Auch Alfred Hausmanns Fazit geht in diese Richtung: „Max Bissingers Leben ist trotz aller Leiden und Erniedrigungen geprägt von einem Gefühl für Gerechtigkeit und Toleranz sowie seinem Glauben, den der evangelische Christ nie verleugnete. Er erinnert aber auch daran, dass die Amtskirche damals kein Wort gegen Ausgrenzung und Verfolgung von Menschen wie Max Bissinger fand.

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