Trennendes, Grenzen, Zäune, Klüfte, gleich ob in politischer oder religiöser Hinsicht, haben wieder Hochkonjunktur. Bertolt Brecht widmet sich in einem späten Gedicht diesem Thema. Es geht um eine Mauer und deren verschiedene Facetten und Funktionen – acht Jahre, bevor tatsächlich eine um die DDR herum gebaut wurde.
Brecht, am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren, war ein Meister der Doppelbödigkeit, schon bei seinen Beiträgen, die er während des Ersten Weltkriegs für Augsburger Tageszeitungen schrieb. Ein Beispiel: Als er sich vom Leid, das der Krieg brachte, zunehmend abgestoßen fühlte, gleich wem es widerfuhr, Freund oder Feind, schrieb er das Gedicht „Der Fähnrich“. Dieser erscheint vordergründig als Kriegsheld. Denn er „erschlägt“ mit einem Degen mehrere Feinde. Ein Degen aber ist eine Stichwaffe. Das Verb „erschlagen“ hat einen doppelten Boden. Die „Heldentat“ nämlich ist, so Brecht, nichts anderes als ein Brudermord. Er spielt auf das Alte Testament an, in dem Kain seinen Bruder Abel „erschlägt“, sich durch diese Tat von Gott entfremdet und mit einem Mal gezeichnet, stigmatisiert wird. Die Schlussfolgerung ist klar: Es ist eine Todsünde, einen Menschen umzubringen – auch und gerade im Krieg.
Die bedrückende Situation des Künstlers in der DDR
Diese Ambivalenz blieb ein Merkmal der Kunst Brechts. Immer wieder wurde auch der Kommunismus Gegenstand dieser Doppelbödigkeit. So im 1953 entstandenen Lyrikzyklus „Buckower Elegien“, in dem er die bedrückende Situation der Kunst im totalitären Staat der DDR reflektiert. Brecht wird hier einerseits erstaunlich deutlich, wenn er zum Beispiel. voller Ironie dafür plädiert, die Regierung solle doch das Volk, wenn es ihr nicht passe oder aufbegehre, einfach auflösen und sich ein neues wählen. Andererseits bedient er sich wieder der bewährten Ambivalenz. So im Gedicht „Der Blumengarten“.
Der Blumengarten
Am See, tief zwischen Tann und Silberpappel
Beschirmt von Mauer und Gesträuch ein Garten
So weise angelegt mit monatlichen Blumen
Daß er vom März bis zum Oktober blüht.
Hier, in der Früh, nicht allzu häufig, sitz ich
Und wünsche mir, auch ich mög allezeit
In den verschiedenen Wettern, guten schlechten
Dies oder jenes Angenehme zeigen.
Es herrschen in der Forschung keine Zweifel, dass dieser Garten eine Metapher für den noch jungen Staat der DDR ist. Das lyrische Ich stellt sich die Frage nach der eigenen Position, dem eigenen „Standort“ darin. Es geht nicht um Wildwuchs. Nein, der Garten wurde neu geschaffen. Es waltete der Plan, die Planwirtschaft. In marxistischer Diktion ist die „Naturwüchsigkeit“ aufgehoben, „weise“ dienstbar gemacht der „klassenlosen Gesellschaft“. Auch die Kunst kann, nach Maßgabe des Gärtners, sich entfalten, „blühen“.
Mit den Panzern kündigte sich die Zeit der Kälte an
Die „Buckower Elegien“ entstanden vor dem Hintergrund des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953, der gewaltsam niedergeschlagen wurde, zum Teil mit Einsatz sowjetischer Panzer. „Wildwuchs“ wurde getilgt, es kündigte sich eine Zeit der Kälte an. Auch unter den Künstlern und Intellektuellen. Würde man sie im Garten wachsen lassen? Oder haben hier nur die Sorten Blumen, diejenigen Dichter Raum, die dem Staat genehm sind?
Das Gedicht legt Letzteres nahe. Das erweisen die Bäume und die Begrenzung des Gartens. „Tann und Silberpappel“ stehen für die große Kunst, die humanistische Ideale vertritt und vom kreativen Widerspruch lebt. Sie kann über die Zeit- und Tagespolitik hinauszuwachsen, buchstäblich höher werden als sie und sie überdauern, zudem auch im Winter existieren.
Solche Bäume täten jenem Garten gut. Doch die Mauer ist so errichtet, dass sie die Bäume ausspart. Oder vielleicht besser: aussperrt? Jedenfalls gehören „Tann und Silberpappel“ nicht dazu. Der Garten befindet sich „zwischen“ ihnen.
Man hätte ihn größer oder „großzügiger“ anlegen, die Mauer so bauen können, dass sie die Bäume umschließt. So aber ist es nicht. Könnte es also eine freie Kunst auf sozialistischen Nährboden überhaupt geben, wo sie doch, laut „Plan“, unerwünscht ist?
Die Mauer ist, ähnlich wie das Verb „erschlagen“ in „Der Fähnrich“, der Schlüsselbegriff. Sie hat zwei Funktionen: Zum einen legt sie die Grenzen des Grundstückes fest, wem auch immer es gehören mag. Alles wirkt wie ein Idyll. Die Welt scheint in diesem Garten in Ordnung. Zweitens „beschirmt“ die Mauer den Garten; vor Wind und Wetter, vor Diebstahl und Vandalismus. Die Mauer „schützt“ damit aber auch vor „Tann und Silberpappel“. Die Freiheit der Kunst und ihr subversives Potenzial sind unerwünscht. Es könnte die Ordnung des Gartens in Gefahr bringen. Das Bild ist eindeutig: Die DDR ist ein totalitärer Staat, in dem „gedeihen“ kann, was opportun ist. Alles andere hat hier nichts zu suchen.
Die 1961 errichtete Mauer um die DDR sollte gleichfalls behüten vor unerwünschtem Eindringen und Einfluss. Ob sie das tat, ist diskussionswürdig; nicht aber, dass die Bürger wie in einem Gefängnis eingesperrt, „eingemauert“ waren und ihr Leben riskierten, wollten sie fliehen und die Mauer überwinden.
Hätte Bertolt Brecht sich einmauern lassen?
Brechts Meisterschüler Egon Monk sagte einmal in einem Interview, dass sich Brecht, hätte er das noch erlebt, niemals hätte „einmauern“ lassen. Aber was hätte er tun sollen? Über die Mauer hinwegklettern, da hin, wo „Tann und Silberpappel“ stehen? Tatsächlich hätte Brecht dort noch weniger Entfaltungsmöglichkeiten gehabt als im „beschaulichen“ Garten der DDR, in dem man ihm immerhin ein eigenes Theaterensemble zur Verfügung gestellt hatte. Im Westen wurde sein Werk wiederholt boykottiert. Mit oder ohne Mauer: irgendwie steckte er fest im neuen deutschen Staat; Grund genug, Elegien zu schreiben.
Reflexionen über die Zukunft des Gartens spart sich das lyrische Ich. Doch ein Analogieschluss liegt nahe. Brecht hatte schon einmal einen künstlichen und getrimmten Garten geschaffen: 1944 im Gedicht „Garden in Progress“. Das war der Garten des Schauspielers Charles Laughton in Pacific Palisades, einer, der noch nicht ganz fertig war: so wie jener Blumengarten des Jahres 1953. Eine „Vorwärtsbewegung“ gab es bei Laugthons Garten dann tatsächlich: Er war auf unsicherem Grund angelegt, rutschte den Hang hinunter und war plötzlich verschwunden. Dass es dem „Blumengarten DDR“ auch so gehen würde, konnte Brecht nicht wissen; bestenfalls konnte er es ahnen oder vielleicht sogar hoffen.
Jürgen Hillesheim ist Leiter der Brecht-Forschungsstätte der Stadt Augsburg.
Das Gedicht "Der Blumengarten" ist folgendem im Insel Verlag erschienenen Band entnommen: Bertolt Brecht – Buckower Elegien und andere Gedichte.