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Tim Allhoff lässt sich von Haruki Murakami inspirieren

Augsburg

Der Soundtrack für Murakamis Romane: So klingt das neue Album von Pianist Tim Allhoff

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    Gefühle aus dem Piano: Der Pianist Tim Allhoff wandelt mit seinem neuen Album auf den Spuren des Bestsellerautors Haruki Murakami.
    Gefühle aus dem Piano: Der Pianist Tim Allhoff wandelt mit seinem neuen Album auf den Spuren des Bestsellerautors Haruki Murakami. Foto: Maximilian König

    Schreiben mag ja ganz nett sein und zahlt sich gerade in seinem Fall allemal finanziell aus. Aber so eine geheime Leidenschaft drängt halt immer wieder mit aller Macht nach oben und will ausgelebt werden. Also schrieb Haruki Murakami einfach über die
    Musik, die er bis heute so sehr liebt und lässt seine Obsession regelmäßig Teil seiner Erzählungen werden. Dass der legendäre japanische Kultautor sogar einmal einen Jazzclub besaß, wissen die wenigsten. Aber all seine bekannten Werke atmen förmlich durch die Musik.

    „Die Energie von Murakamis Bücher fasziniert mich“, sagt Tim Allhoff

    Deshalb ist der 77-Jährige für den Pianisten Tim Allhoff mehr als bloß ein Lieblingsschriftsteller. „Die Energie seiner
    Bücher fasziniert mich“, sagt Allhoff. „Die Zwischenwelt, dieses ‚Between‘.“ Deshalb hat der gebürtige Augsburger nun Murakamis magisch-realistischen, voller Poesie durchzogenen Welten, in denen Alltägliches mit Surrealem verschmilzt, ein ganzes Album gewidmet – allein am Flügel, inzwischen seine erklärte Lieblingsdisziplin: „Between Here And Nowhere“ (Neue Meister). Weil die Protagonisten des großen Japaners stets zwischen Erinnerung, Fantasie und Gegenwart hin und her mäandern und sich dabei von musikalischen Eckpfeilern leiten lassen, die irgendwo zwischen Jazz, Klassik und Pop, zwischen Thelonious Monk, Schumann, Radiohead und den Beatles liegen, spielt Allhoff nun seinen persönlichen Murakami-Roman. Gerade durch ihn wird einem erst richtig bewusst, dass die Musik dabei mehr ist als nur Kulisse. Sie ist emotionaler Puls, modelliert Atmosphären, öffnet Räume und löst verschüttete Sehnsüchte aus.

    Allhoff sieht in Haruki Murakami eine Art Seelenverwandten. Denn die Musik in dessen Romanen decke sich auf erstaunliche Weise mit seinem eigenen Geschmack, erzählt der Mann, der in Augsburg den musischen Zweig des St. Stephan Gymnasiums besuchte und heute in München lebt. „Genau diese Titel haben mich ein ganzes Leben lang begleitet und geprägt. Nun wollte ich sie anthologisieren. Das bedeutet, dass ich wesentliche Stücke einerseits als Coverversionen vertont und andererseits selbst etwas zu einzelnen Charakteren komponiert habe. Es ist quasi ein Soundtrack zu den Büchern geworden.“ Jeder, der einmal „Naokos Lächeln“ las, diese Ich-Erzählung, in der Murakami sich in alte Zeiten zurückversetzt, zu seiner Begegnung mit der zerbrechlichen, geheimnisvollen Naoko, hat diese überfallartig einbrechenden Gefühle wahrscheinlich schon am eigenen Leib verspürt. Ausgerechnet ein altbekannter Song löst einen emotionalen Tsunami aus. Und das beginnt so: „Nach der Landung erlosch das Nichtrauchen-Schild, und aus den Kabinenlautsprechern ertönte leise Hintergrundmusik, eine gedämpfte Instrumentalversion des Beatles-Stückes ‚Norwegian Wood‘. Wie immer ließ diese Melodie mich erschauern, nur diesmal heftiger denn je.“

    Der Augsburger Allhoff hat Haruki Murakami ein Vinyl seines Werkes geschickt

    Jedes in den Romanen erwähnte Stück sei nicht nur als literarische Verzierung gedacht, sondern besitze einen starken narrativen Charakter, der sich wie ein roter Faden durch nahezu alle Bücher ziehe, weiß Allhoff. In „Kafka am Strand“ etwa hört der Trucker Hoshino gerne Duke Ellington und freundet sich mit Nakata an, in „Die Chroniken des Aufziehvogels“ zieht sich Rossinis Oper „Die diebische Elster“ als Motiv durch die gesamte Erzählung und kündigt unter menschliche Abgründe an, während in „1Q84“ die „Sinfonietta“ von Leoš Janáček den Übergang aus der normalen Welt in eine seltsam verschobene Realität markiert. Gleich zu Beginn hört Aomame das Werk im Taxi auf der Stadtautobahn. Es steht für etwas Feierliches, Bedrohliches und zugleich Entrücktes – wie die Stimmung des Romans.

    Da haben sich zwei gefunden, ohne sich (bislang) zu kennen. Allhoff hat Murakami ein Vinyl seines Werkes geschickt, die Resonanz sei überaus positiv und wohlwollend gewesen. Denn das subtile Streuen musikalischer Spuren des Autors findet im Spiel des Augsburgers eine kongeniale Entsprechung. Wobei die Auswahl der Stücke das Schwierigste überhaupt gewesen sein muss. Beim Durchstöbern aller Romane sei er schnell auf rund 150 Titel gekommen – definitiv zu viel für ein Album. Bei der finalen Auswahl kam es letztendlich auf eine gute Mischung an: „Michelle“ von den Beatles, „Optimistic“ von Radiohead, Bon Dylans „A Hard Rainʼs A-Gonna Fall“, „Little Red Corvette“ von Prince, Schumanns „The Bird Has Prophet“ oder „Blue In Green“ von Miles Davis, der leise Dialog zweier verlorener Seelen in einer regennassen Nacht. „Aber es musste auch zum Klavier passen“, erklärt Tim Allhoff. Und zum Mindset eines Menschen und Künstlers, der Genregrenzen hinter sich gelassen hat. Denn jeder kreiert den Soundtrack seines Lebens ganz allein.

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