Prozess-Besucherin: „Mir geht das Schicksal der Ermordeten sehr nahe“
Augsburg
Besucherin im Nina H.-Prozess: „Mir geht das Schicksal der Ermordeten sehr nahe“
An jedem Verhandlungstag ist der Zuschauerraum voll besetzt: Die Besucher verfolgen den Prozess um das Verbrechen an Nina H. aus unterschiedlichen Gründen. Was eine Tierärztin erzählt.
Justizbeamtin Aysel Bozdag kümmert sich, dass sich die Prozessbeobachter an die Gepflogenheiten im Gericht halten. Auch der Vorsitzende Richter Michael Eberle hat immer einen Blick darauf.Foto: Ina Marks (Collage)
Sorgenvoll schüttelt die Besucherin den Kopf. Die Frau kommt aus dem Schwurgerichtssaal, in dem sie den ganzen Tag die Verhandlung um den Mord an Nina H. aus Haunstetten verfolgt hat. „Ob die Wahrheit noch ans Tageslicht kommt, ich weiß es nicht.“ Nicht nur sie ist überrascht vom Widerruf des Angeklagten Gino F. Dieser hatte am Dienstag plötzlich seine Einlassungen zurückgenommen. Und damit auch die Aussage, in der er seinen Ziehvater Christian S. als Täter bezichtigt und die Schuld von sich selbst zurückgewiesen hatte. Die Aufregung unter den Zuschauern ist danach groß. Seit Februar läuft der Prozess um das Verbrechen am Landgericht. An jedem Verhandlungstag wartet eine Schlange an Besuchern vor dem Gerichtssaal 101 auf Einlass. Sie verfolgen den Mordprozess aus unterschiedlichen Gründen.
„Guten Morgen zusammen“, begrüßt Aysel Bozdag die rund 50 anstehenden Besucherinnen und Besucher. Die Justizbeamtin schließt die Tür zum Zuschauerraum auf. Die hochgewachsene Frau in Uniform ist freundlich, aber auch streng. Die Beamtin hat ihre Augen überall. „Handys aus, Käppis runter, es wird nicht gegessen, getrunken und gelacht“, ermahnt Bozdag nochmal alle. Schnell füllt sich der große Zuschauerraum. Angehörige und Freunde des Mordopfers und des Angeklagten nehmen Platz, aber auch fremde Menschen. Wie etwa die 79 Jahre alte Frau aus Göggingen.
Besucherin des Augsburger Prozesses um Mord an Nina H.: „Da fühle ich mit“
„Mir geht das Schicksal der Ermordeten sehr nahe. Sie war eine Mutter mit drei Kindern, da fühle ich mit“, erklärt die Seniorin, warum sie fast keinen Verhandlungstag verpasst hat. Ihren Namen möchte sie nicht nennen, so wie die anderen Befragten auch nicht. „Mich interessiert auch, wie der Fall juristisch bearbeitet wird“, so die Göggingerin. Sie bewundere den Vorsitzenden Richter Michael Eberle für seine Übersicht und Umsicht. „Für mich ist der Richter ein Genie, weil er die Anklage, die Verteidigung und auch die Zeugen so gut managt“, sagt sie über den Richter, der Vizepräsident des Landgerichts Augsburg ist. Für die Frau haben die Prozessbesuche einen persönlichen Nebeneffekt.
Sie hat sich inzwischen mit anderen Besucherinnen angefreundet. Etwa mit einer Frau ihren Alters aus Haunstetten. Diese besucht die Verhandlung, „weil mich die Menschen dahinter interessieren. Der Angeklagte, die Zeugen ... Ich bin gespannt, wie es ausgeht.“ An Überraschungen jedenfalls mangelt es in diesem Verfahren nicht. Am Dienstag erst nimmt der Angeklagte Gino F. seine bisherigen Aussagen plötzlich zurück. Sein Widerruf beinhaltet auch die Beschuldigung seines Ziehvaters Christian S., dieser habe Nina H. erschossen. Für die Verteidiger Jörg Seubert und Michael Weiss kommt die Kehrtwende ihres Mandanten unerwartet. „Für uns ist der Widerruf auch überraschend. Aber wir wissen, dies einzuordnen“, sagt Jörg Seubert. Was der Widerruf nun bedeutet?
„In Kaufering gibt es viele, die vor ihm Angst haben“
Zumindest der Fortlauf des Verfahrens wird nicht beeinflusst. Wie geplant, werden jetzt am Donnerstag die Plädoyers gehalten, nächste Woche soll das Urteil gegen Gino F. fallen. Auf dieses könnte sich sein Widerruf durchaus negativ für ihn auswirken. Doch Gino F. scheint das einerlei zu sein. Zumindest sagt er im Laufe der Verhandlung irgendwann genervt, er wolle nur noch, dass es zu Ende gehe. Das Strafmaß sei ihm inzwischen egal. Unter den Prozessbeobachtern glauben manche an seine Unschuld.
Die Verteidiger Jörg Seubert (links) und Michael Weiss waren vom Widerruf ihres Mandanten Gino F. überrascht.Foto: Ina Marks
„Ich kenne Gino aus seiner Zeit in Kaufering, als er dort mit seiner Mutter und den Geschwistern aufwuchs“, sagt eine 62-Jährige aus dem Ort bei Landsberg. „Er war immer nett, höflich und zuvorkommend.“ An Christian S. hingegen, der einst mit Ginos Mutter ein Paar war, lässt sie kein gutes Haar. Zu Wutausbrüchen habe dieser geneigt. „In Kaufering gibt es viele, die vor ihm Angst haben.“ Sie habe Christian S. nur einmal gesehen, sagt eine ehemalige Arbeitskollegin von Nina H., ebenfalls Prozessbeobachterin. Diese Begegnung habe ihr gereicht.
Nina H. aus Haunstetten war laut der Tierärztin ein „unfassbar, liebenswerter Mensch“
„Er hatte etwas Furchteinflößendes und Bedrohliches“, meint die Tierärztin über S., der wegen des Verdachts der Anstiftung zum Mord in U-Haft sitzt. Die Tiermedizinerin erinnert sich mit warmherzigen Worten an Nina H., die eine Ausbildung zur Tierarzthelferin angefangen aber wegen der Kinder offenbar abgebrochen hatte. „Sie war ein unfassbar liebenswerter Mensch, eine liebevolle Mutter und so talentiert für den Beruf.“ Kurz vor dem Mord habe sie Nina H. noch getroffen und ihr ans Herz gelegt, die Ausbildung zu beenden. Das Verbrechen an ihrer Kollegin bewegt die Ärztin immer noch. Auch deshalb kommt sie zu den Verhandlungen.
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