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Trainingslager

07.01.2019

Hinteregger, ein Mann der klaren Worte

„Nach Italien möchte ich schon noch einmal. Ich war schon von klein auf Juventus-Fan.“„Ich versuche, dass ich kein Geschwafel daherrede“, sagte Fußball-Profi Martin Hinteregger und hielt sich daran. Im Gespräch mit unserem Redakteur Robert Götz erzählte er unter anderem, wie er seine verschiedenen Verletzungen erlebt und überstanden hat.
Bild: Klaus Rainer Krieger

Der Innenverteidiger des FC Augsburg erweist sich als authentischer und interessanter Gesprächspartner. Er redet offen über seine Verletzungen, seine berufliche Zukunft und seinen inneren Schweinehund

Für Martin Hinteregger, dem österreichischen Innenverteidiger des FC Augsburg, soll das Trainingslager im spanischen Alicante ein Neuanfang werden. Und das in mehrerlei Hinsicht. „Das ganze Jahr 2018 war nicht gut, wir haben nur 32 Punkte geholt, das ist für ein Jahr wirklich schlecht“, sagt der 26-jährige Kärntner. Deshalb hofft er, dass Trainer Manuel Baum an der Costa Blanca den Reset-Knopf findet, „damit wir wieder richtig in die Spur kommen“.

Dabei war es gar nicht so sicher, dass er überhaupt mit ins Trainingslager fährt. Es lief am vorletzten Spieltag bei Hertha BSC die 28. Minute, als Martin Hinteregger, der zuvor das 1:0 für den FCA erzielt hatte, am Mittelkreis mit Herthas David Selke im Luftkampf zusammenstieß und regungslos liegen blieb. Der Schiedsrichter ließ weiterspielen, Hertha erzielte das 1:1 und als Hinteregger draußen behandelt wurde, auch gleich noch das 2:1.

Dass später Ja-Cheol Koo noch den 2:2-Endstand für den FCA gelang, bekam Hinteregger gar nicht mehr so richtig mit. Er war in der Halbzeit benommen ausgewechselt worden. „Es war ganz komisch, ich war nicht ganz weg, sondern nur einfach etwas neben der Spur. Mir fehlen die ersten 20 Sekunden vor dem Aufprall und noch ein, zwei Minuten nach dem Zusammenprall“, erzählt er. Gegen Wolfsburg fehlte er, bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag litt er sogar noch an den Folgen der Gehirnerschütterung. „Ganz einfache Sachen wie Treppensteigen waren anstrengend. Das war ein ungutes Gefühl, wenn du zehn Stiegen raufgehst und schnaufst und dir ein wenig schwindlig wird.“

Es war nicht die erste Kopfverletzung Hintereggers. So musste er nach einem Nasenbeinbruch im November 2016 mehrere Wochen mit einer Carbonmaske spielen. Viel schlimmer hatte es ihn aber am 31. März 2013 erwischt. Im Spiel mit RB Salzburg gegen Austria Wien war er in der 46. Minute eingewechselt worden. Sechs Minuten später prallte er beim Kopfballduell mit dem Wiener Alexander Gorgon zusammen. „Ich bin noch in der Luft bewusstlos geworden und dann ungebremst wie ein nasser Sack auf den Boden geprallt. Ich war 20 Minuten weg“, erzählt er. Zwei Tage Erinnerung fehlen, zwei Monate musste er pausieren. Danach habe er wieder richtig trainieren müssen, in die Kopfballduelle zu gehen. „Seitdem denke ich, ein bisschen Aufpassen ist bestimmt nicht schlecht, wenn man alt werden will.“ Doch diesmal sei alles halb so schlimm gewesen. „Es ist alles wieder gut.“

So ist Hinteregger, der kernige Österreicher. Einer mit einem eisenharten Schädel, aber auch mit einem tiefgründigen Intellekt, der sich kritisch mit dem Profifußball und seinen Auswüchsen auseinandersetzt. Er ist ein Spieler mit zwei Seiten, ein Profi mit Widersprüchen, der im glattgebügelten Fußball-Business versucht, sich selbst treu zu bleiben.

Einer, der, wenn viele seiner Mitspieler im Winterurlaub kurz nach Dubai jetten, lieber in die Kärntner Heimat ins kleine Skigebiet Hochrindl mit vier Schleppern und einem Doppelsessellift zum Skifahren fährt. Was er laut Vertrag auch darf, wie er versichert. Einer, der Ziehharmonika spielt, aber auch gerne den Golfschläger schwingt.

Er ist einer, der zugibt, eigentlich faul zu sein, aber der dennoch mit seinem Personal-Trainer, dem Ex-Stabhochspringer Tim Lobinger, in München zusätzlich an seiner Rumpf-Stabilität und Schnelligkeit arbeitet. „Wenn ich die Woche nicht gehe, fühle mich nicht gut. Ich brauche es, um am Wochenende topfit zu sein.“

Er ist einer, der versucht hat, vier Monate ohne Smartphone auszukommen, nur mit einem alten Klapp-Handy zum Telefonieren und SMS-Schreiben. Jetzt hat er wieder beides. Denn seitdem er nicht mehr in der mannschaftseigenen WhatsApp-Gruppe war, hatte er oft Termine versäumt oder war zu spät gekommen. Der Trainer hat es ihm nahegelegt und seine Strafenrechnung am Monatsende hat ihn da restlos überzeugt.

Er ist einer, der in der Jugendakademie von Red Bull Salzburg groß geworden ist, aber selbst die E-Jugend des TSV Haunstetten trainiert. Weil er dort noch die Sache sieht, die im Profi-Fußball immer mehr abhandenkommt, die er aber in den 90 Minuten auf dem Spielfeld doch immer wieder findet: den Spaß am Spiel. „Ich habe schon oft überlegt, was wäre, wenn ich jetzt aufhören würde. Ich könnte schon etwas anderes machen, aber in drei oder vier Jahren würde ich mich extrem ärgern, weil der Fußball mir abgehen würde.“

Fünf, sechs Jahre will er noch spielen. In der Rückrunde hat er nur ein Ziel: den Klassenerhalt. „Mehr ist nicht mehr drin. Das ist bis Mai das Einzige, was zählt“, sagt er. Was danach kommt? Er ist jetzt 26, sein Vertrag beim FCA läuft noch bis Sommer 2021, doch Hinteregger träumt davon, einmal in Italien zu spielen, in der Serie A. „Nach Italien möchte ich schon noch einmal. Ich war schon von klein auf Juventus-Fan. Für so einen Spitzenklub reicht es bei mir zwar nicht mehr, das geht sich nicht aus, aber die Serie A ist wieder im Kommen.“ Es klingt wie ein Bewerbungsschreiben.

Er ist einer, der von und mit dem Profi-Fußball gut lebt, der aber trotzdem damit seine Probleme hat. Der Fußball-Übertragungen im Fernsehen nach dem Abpfiff vor den Interviews sofort abschaltet. „Das interessiert doch keine Sau. Man weiß doch eh, was kommt.“ Der aber versucht, es doch etwas anders zu machen. „Ich bin vorsichtiger geworden, aber ich versuche schon, dass ich kein Geschwafel daherrede.“

Das Gespräch in der Lobby des Fünf-Sterne-Resorts, das FCA-Pressesprecher Dominik Schmitz mitverfolgt, dauert jetzt über 30 Minuten. Schmitz mahnt zum Aufbruch, sie müssen zum Mittagessen pünktlich sein. Hinteregger erklärt noch, warum die Interviews mit Profi-Fußballern aus seiner Sicht immer langweiliger werden: „Du gibst ein Interview, der Pressesprecher sitzt daneben und passt ein bisschen auf. Es wird zum Verein geschickt und alles wird korrigiert. Es geht nicht mehr anders, aber es ist bei jedem Verein ja das gleiche.“ Er steht auf. Als Schmitz fragt, ob Hinteregger die Zitate zur Autorisierung sehen will, winkt der ab und sagt: „Das passt schon.“

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