Augsburg wächst. Mittlerweile wohnen laut städtischem Statistikamt gut 308.000 Menschen in der Stadt. Das Bevölkerungswachstum ist vor allem auf Migration zurückzuführen. Zum Jahreswechsel lebten erstmals mehr Menschen mit Migrationshintergrund oder ausländischem Pass als deutsche Staatsbürger ohne Migrationshintergrund in Augsburg. Das birgt Chancen, aber auch Risiken. Die Form des Zuzugs hat sich in den vergangenen 25 Jahren verändert. Vor allem der Zustrom aus Asien und Afrika spielt eine zunehmend größere Rolle. Ein Migrationsforscher und Oberbürgermeisterin Eva Weber (CSU) rufen zur Differenzierung auf, blicken aber auch auf die Herausforderungen.
Die Geschichten derer, die laut Statistik unter die gut 50 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund fallen, unterscheiden sich stark. Dazu zählen Menschen, von denen ein Elternteil aus Polen oder Italien stammt, genauso, wie der Flüchtling, der vor wenigen Jahren aus Eritrea nach Augsburg kam. Zum Jahreswechsel lebten etwa 82.000 Menschen mit ausländischem Pass in Augsburg. Rund 75 Prozent davon stammen aus anderen europäischen Ländern. Die meisten kommen aus der Türkei (11.100), gefolgt von Rumänien (9300), der Ukraine (6200) und Kroatien (5700). Der Anteil der Menschen mit türkischem Pass hat seit 1999 stetig abgenommen. Dies dürfte damit zu tun haben, dass etliche Türkischstämmige den deutschen Pass oder eine doppelte Staatsbürgerschaft haben. Indes lebten 1999 nur 722 Rumänen in Augsburg; bei ihnen hat durch die Freizügigkeit in der Europäischen Union seither eine Verdreizehnfachung stattgefunden. Die Zahl der Ukrainer in Augsburg hat sich seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 versechsfacht.
Türkische Gastarbeiter waren in Augsburg in der Textilindustrie und im Maschinenbau tätig
Viele der vor allem türkischstämmigen Augsburger sind Nachfahren von Gastarbeitern. „Die Anwerbeabkommen der 50er und 60er Jahre waren gezielt dafür da, Arbeitskräfte für die Industrie zu bekommen“, erklärt Günther Kronenbitter, Professor für Europäische Ethnologie an der Universität Augsburg. In Augsburg seien diese vor allem für die Bereiche Maschinenbau und Textilindustrie vorgesehen gewesen. „Das Eintrittsticket in der Migration war am Anfang eindeutig Arbeit“, sagt der Professor.
Neben der klassischen Arbeitsmigration gibt es „Ausnahmesituationen“, wie Kronenbitter es nennt; also Migration, die nicht primär aus Arbeitsgründen erfolgt, sondern beispielsweise weil Menschen vor politischer Verfolgung oder Krieg fliehen. Diese Gruppe macht einen verhältnismäßig kleinen Teil (rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung) aus, hat aber zugenommen. Viele dieser Menschen kommen statistisch gesehen aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Afrika. In Augsburg hat es in den vergangenen Jahren einen starken Zustrom aus diesen Regionen gegeben. Zum Jahreswechsel lebten gut 4000 Menschen mit syrischem Pass oder einem deutschen und syrischen Pass in der Stadt. Hinzu kommen rund 3400 Afghanen bzw. Deutsch-Afghanen. Zum Vergleich: 2009 lebten 150 Afghanen und Deutsch-Afghanen in Augsburg, 95 Prozent weniger als heute. Bei den afrikanischen Ländern steht Somalia mit knapp 1000 Staatsbürgern derzeit an erster Stelle. Um die Jahrtausendwende waren es 14.
Die Zuwanderung ist eine Herausforderung für die Stadt. „Es ist eine krasse Anstrengung auf allen Ebenen, die Stadt mit wachsen zu lassen“, sagte Oberbürgermeisterin Eva Weber jüngst im Live-Interview mit unserer Redaktion. Strukturelle Fragen nach bezahlbarem Wohnraum oder ausreichend Betreuungsmöglichkeiten für Kinder stellen sich. Hinzu kommen zwischenmenschliche Aspekte. Dabei geht es laut Weber zum einen um das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger. Augsburg ist zwar seit Jahren auf Platz zwei der sichersten Großstädte in Deutschland. „Die objektive Sicherheitslage in Augsburg ist super“, so Weber. Dennoch nimmt bei einigen Bürgern das subjektive Sicherheitsgefühl ab. Daneben bestehe die Angst vor Kulturverlust, so Weber. „Da ist es wichtig, dass man sich darauf einlässt, das andere auch kennenzulernen.“ Erkennbar ist aber auch, dass für einige Augsburger in den zurückliegenden Jahren zu viel Migration aus dem islamischen Kulturkreis stattgefunden hat. Bei einer Umfrage unserer Redaktion vor wenigen Wochen zum Thema „Handel und Attraktivität der Innenstadt“ kam teilweise die Antwort von Lesern, dass man sich in der Stadt mittlerweile „wie im Ausland“ und „fremd“ fühle.
„Migrationsbewegungen sind komplex“, sagt Ethnologe Kronenbitter. „Statistiken erfassen deren Ausdifferenziertheit und Vielschichtigkeit kaum.“ Kronenbitter verweist auf die türkische Community, innerhalb derer es neben Muslimen etwa auch viele syrisch-orthodoxe Gläubige gebe. Dass Augsburg seit dem 19. Jahrhundert in dem Maße gewachsen ist und neue Arbeitsplätze entstanden, wäre ohne Migration nicht möglich gewesen. Kronenbitter sagt, es gebe immer Leute, denen Einwanderung nicht gefällt. „Die Abwehr gegen die, die kommen, ist in allen Einwanderungsgesellschaften ein Dauerbrenner.“ Auch unter denjenigen, die selbst einst aus dem Ausland nach Augsburg gekommen sind, gibt es welche, die skeptisch sind, wenn es weitere Zuwanderung gebe, so der Professor. „Ich werbe immer dafür, dass man stereotype Bilder aufbricht. Augsburg ist durch Zuwanderercommunitys und unterschiedliche Erfahrungen vielfältiger geworden.“
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