Der 100-jährige Joachim Hess fährt noch heute einmal pro Woche in seine Firma
Hildegard Doser setzt auf Gymnastik, Spaziergänge und ab und zu etwas Süßes
Ihren 101. Geburtstag hat Josefa Hänle natürlich gefeiert. Im Seniorenheim. Auch sonst sitzt sie gerne mit den Bewohnerinnen und Bewohnern zusammen – manchmal bis spät in die Nacht. Die betagte Seniorin kennt keine Langeweile. Warum sie so alt geworden ist? Nicht nur Hänle verrät ihr Rezept für ein langes Leben. Das tun auch der 100 Jahre alte Joachim Hess und die 96-jährige Hildegard Doser. Vernunft spielt dabei keine große Rolle. Dafür anderes.
Das Zimmer von Josefa Hänle ist noch mit Luftballons und Girlanden geschmückt. Knapp zwei Wochen ist es erst her, dass die Seniorin ihren 101. Geburtstag gefeiert hat, hier im Seniorenzentrum St. Klara in Wertingen. Die Augsburgerin hat ein fröhliches Gemüt und lächelt immerzu, wenn sie Geschichten aus ihrem Leben erzählt. Fragt man sie nach ihrem Geheimnis für ein langes Leben, kommt sie schnell auf dieselbe Antwort wie Anna Klatt: „Viel Arbeit.“
Hänle zog bereits mit 16 Jahren von Burgau (Landkreis Günzburg) nach Augsburg, um in einem Haushalt zu arbeiten. „Weil ich einen Führerschein hatte, habe ich danach im Ersatzteillager einer Kfz-Werkstatt gearbeitet, später in einer Strumpffabrik im Schichtdienst“, erinnert sie sich. „Dort habe ich schließlich 36 Jahre gearbeitet.“ Um sich zu ihrer kleinen Rente etwas hinzuzuverdienen, war sie im Ruhestand noch sechs Jahre als Reinigungskraft tätig.
Tüchtig war Josefa Hänle aber nicht nur im Berufsleben. Als sie noch in Augsburg wohnte, liebte sie es, ins Theater und in Museen zu gehen. Ihr Lieblingsmuseum? „Das Naturmuseum“, sagt die Seniorin mit einem schwärmenden Seufzer. „Ich war viele Jahre im Turnverein Oberhausen und habe viele Urkunden bekommen“, erzählt sie. Mit ihrer Wandergruppe sei sie oft in die Berge gefahren. Überhaupt ist die 101-Jährige ein geselliger Mensch, nimmt noch immer regelmäßig an Gymnastik- und Kochkursen im Seniorenzentrum teil, spielt Brettspiele und feiert mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern bis tief in die Nacht. Trotz aller Widrigkeiten hat sich Josefa Hänle immer ihre Lebensfreude bewahrt: „Was ich nicht mag, ist jammern“, sagt sie.
Auch Joachim Hess aus Ingolstadt legt großen Wert auf Arbeit. Der 100-Jährige ist mit seinem Sohn Martin noch immer Geschäftsführer der Firma Intertec, die er vor 60 Jahren gegründet hat. „Ich beschäftige mich mit der Entwicklung von neuen Dingen. Das operative Geschäft überlasse ich aber meinem Sohn, der schmeißt den Laden“, sagt Hess. Noch heute fahre er einmal in der Woche dorthin und unterhalte sich mit den Angestellten.
Der Schlüssel zu einem langen Leben? „Ich lebe nicht völlig asketisch, sondern feiere gerne. Wenn es Festivitäten gibt, dann haue ich auch schon mal richtig auf die Pauke“, erzählt der Mann. „Zu meinem 100. Geburtstag im vergangenen Jahr gab es eine große Feier zusammen mit den Mitarbeitern von Intertec. Überhaupt bin ich gerne unter Leuten und bin Mitglied bei vielen Clubs und Vereinen“, erzählt er. „Früher habe ich Golf gespielt, heutzutage bin ich noch regelmäßig bei Oldtimer-Rallyes am Start. Bei einer kleinen Rundfahrt sitze ich noch selbst am Steuer, bei der großen bin ich Beifahrer meines Sohnes. In diesem Jahr werde ich wieder dabei sein, das ist schon fest eingeplant.“
Hildegard Doser ist in Augsburg als „Frau Theater“ bekannt. Knapp 60 Jahre hat sie dort gearbeitet. Noch im Alter von 90 Jahren nahm die betagte Dame an der Garderobe Mäntel und Jacken der Besucherinnen und Besucher entgegen, plauderte mit ihnen. Als Corona das öffentliche Leben lahmlegte, war für sie damit Schluss. Inzwischen ist sie zwar noch nicht 100, aber immerhin schon 96 und zu ihrer Tochter nach Karlsruhe gezogen, wo sie in einem Seniorenheim lebt. „Meine Mutter wird auf alle Fälle 100 Jahre alt“, ist Tochter Claudia Doser-Freiheit überzeugt. Begegnungen mit Menschen, Arbeit und viel Bewegung waren Hildegard Doser immer wichtig.
Ihr Leben lang machte sie regelmäßig Gymnastik, spazierte bis ins hohe Alter täglich durch ihre geliebte Augsburger Altstadt. Teilweise war Hildegard Doser mehrere Stunden unterwegs. Auch, weil sie ständig mit Menschen ins Gespräch kam. Den Rollator als Hilfsmittel versuchte sie so lange wie möglich zu vermeiden. Mit 92 ging es aber nicht mehr anders. „Jetzt bin ich ein altes Weib“, sagte sie damals naserümpfend über die Gehhilfe. Am liebsten gab und gibt sie sich mit jüngeren Menschen ab. Sie haben mehr zu erzählen, findet die Seniorin.
Auch im Seniorenheim ist sie ständig unterwegs, um Kontakte zu pflegen. Ein Ratsch geht schließlich immer. Hildegard Doser hat als alleinerziehende Mutter ihr Leben lang gearbeitet. Durch die Beschäftigung am Theater ging sie eher später ins Bett, schlief dafür morgens länger. Letzteres tut sie heute noch gerne. Die 96-Jährige isst so gut wie kein Fleisch, auch weil sie Mitleid mit den Tieren hat. Süßem hingegen kann sie kaum widerstehen. Auch nicht einem Gläschen Rotwein, das sie früher gerne im Kreis von Bekannten oder nach einer Theatervorstellung genoss. Umtriebigkeit, Geselligkeit und ihre unerschütterliche, positive Einstellung sind wohl die Zutaten für ihr langes Leben.
Ende 2024 zählte das Statistische Bundesamt in Deutschland rund 17.900 Menschen, die 100 Jahre alt geworden sind, knapp ein Viertel mehr als noch 15 Jahre zuvor. Ein Beispiel ist auch das Ehepaar Anna und Paul Klatt aus Buchenberg im Oberallgäu, die nicht nur ihren 100. Geburtstag feierten, sondern darüber hinaus ihre Kronjuwelenhochzeit für 75 Jahre Ehe. Auf die Frage, wie man so lange zusammenhält und so alt wird, gab sich Anna Klatt schlagfertig: „Viel schaffen und viel feiern. Wenn man jeden Tag viel Arbeit hat, kommt man nicht auf dumme Gedanken.“
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