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Partnerschaft

29.12.2020

30 Jahre als Paartherapeutin: Eine Beziehung will ständig reifen

Immer noch wollen die meisten Paare heiraten. Allerdings reihen sich in etlichen Biografien mehrere Ehen hintereinander. Trennung kommt vor.
Bild: Fotoagentur Westend61, imago

Plus Die Psychologin Helga Kramer-Niederhauser leitete 25 Jahre die Eheberatung der Diözese Augsburg. Woran es liegt, dass Paare heute öfter in die Krise geraten.

Die Welt wird immer unsicherer, die Menschen empfinden sie oft als halt- und orientierungslos. Also suchen sie Halt in Beziehungen – und laden ihnen alles auf, was sie ersehnen: Nähe, Emotionalität, erfüllende Sexualität, Vertrauen und gut aufgehoben sein.

Die Psychologin Helga Kramer-Niederhauser weiß nur zu genau, wie enorm hoch die Erwartungen an Partnerschaft geworden sind. Dreißig Jahre lang hat sie in der Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Diözese Augsburg Menschen in schwierigen Situationen begleitet. Zum Einstieg in den Ruhestand zieht die 64-Jährige Bilanz.

Paartherapeutin: "Der Wunsch nach einer festen Beziehung ist sehr hoch"

Helga Kramer-Niederhauser ist Expertin für Paarbeziehungen.
Bild: Annette Zoepf

„Der Wunsch nach einer festen, verlässlichen Beziehung ist nach wie vor sehr hoch. Ehe und Familie werden an erster Stelle genannt bei der Frage, was Glück ist“, zitiert die Beraterin aus Erhebungen. Immer noch wollen die meisten Paare heiraten. Allerdings reihen sich in etlichen Biografien mehrere Ehen hintereinander.

Trennung kommt vor. „Mir scheint, manche Partner nehmen sich erst in der zweiten oder dritten Ehe die Zeit, genau anzuschauen, was sie wollen“, sagt Helga Kramer-Niederhauser. Nichts anderes, freilich zu einem früheren Zeitpunkt, geschieht in ihrer Paarberatung: „Wir leiten hier ganz viel Nachreife-Prozesse an.“

Als die Jüngste im Team ist sie mit 28 Jahren als Honorarberaterin bei der Diözese eingestiegen und bekam 1992 ihre erste feste Stelle. Bald wurde Helga Kramer-Niederhauser in die Verantwortung genommen, hat die Beratung mit damals 30 Außenstellen zunächst kommissarisch geleitet. 25 Jahre sollten daraus werden – mit heute 100 hauptamtlichen Mitarbeitern in 25 Beratungsstellen.

Vor allem jüngere Leute fühlen sich heute gezwungen, stromlinienförmig das zu tun, was die Gesellschaft vermeintlich von ihnen erwartet

Helga Kramer-Niederhauser kam 2010 in den Arbeitsstab Missbrauchsfälle und übernahm 2014 die Abteilung „Seelsorge in besonderen Lebenslagen“ im bischöflichen Seelsorgeamt – als erste Chefin.

Dass eine Partnerschaft sich entwickelt, ist für die Psychologin absolut notwendig. In der ersten Verliebtheit wird der Partner verklärt und man geht bereitwillig auf alle seine Wünsche ein, begleitet ihn auf den Fußballplatz oder sie ins Ballett. Tritt dann die unvermeidliche Ernüchterung ein, „meinen viele, die Liebe sei weg“.

Aber sie wandelt sich, lernt sich, mit den Eigenheiten des anderen zu arrangieren und eigene Interessen wieder zu artikulieren und auszuleben. Es darf Unterschiede geben, das Paar muss nicht alles gemeinsam unternehmen. Helga Kramer-Niederhauser weiß jedoch, dass vor allem jüngere Leute sich heute gezwungen sehen, stromlinienförmig das zu tun, was die Gesellschaft vermeintlich von ihnen erwartet. „Es dauert länger, die eigene Identität zu finden, was das Meine ist.“ Dazu kommt, dass Ausbildung und Karriere die Paare oft zeitweise räumlich auf große Distanzen trennt und Fernbeziehungen abfordert.

Nichts wirkt stabilisierender auf die Persönlichkeit als eine glückliche Partnerschaft

Noch ein Trend, der sich nach Beobachtung der Beraterin seit der Jahrtausendwende verstärkt, ist die Angst vor der Verletzlichkeit. Man könnte ja abgewiesen werden, wenn man jemand seine Zuneigung zeigt. Helga Kramer-Niederhauser kennt Paare, die sich diesbezüglich nie ihre Ängste eingestanden haben.

Aus ihrer Praxis erzählt sie: „In Einzelgesprächen ist klar geworden, wie sehr einer den anderen schätzt – und sie waren beide selig, das bei uns endlich voneinander zu erfahren.“

Dabei wirkt nichts stabilisierender auf die Persönlichkeit als eine glückliche Partnerschaft. Wunderbar nennt es die Psychologin, die Last von Entscheidungen zu teilen. Und wenn das Leben böse zuschlägt etwa mit Arbeitslosigkeit, hilfsbedürftigen Eltern oder einem schwer kranken Kind, dann sollten die Ressourcen tragen: Was haben wir alles schon gemeinsam gemeistert? „Paare brauchen ein Wirgefühl, um auch in schweren Zeiten füreinander da zu sein“, so die Psychologin.

"Wir dürfen auch so beraten, dass es zu einer Trennung kommt"

Paarberatung in einer kriselnden Beziehung setzt bei der Frage an: Trägt da noch etwas? Persönliche Eigenschaften, die anfangs positiv gewertet wurden, zeigen auf einmal ihre Kehrseite. Klärung ist nötig. „Wir fragen die Paare: Was müsste sich verändern, dass Sie in fünf Jahren noch zusammen sein wollen?“

Auch in einer katholisch-kirchlichen Einrichtung fühlte sich Helga Kramer-Niederhauser immer frei: „Wir dürfen auch so beraten, dass es zu einer Trennung kommt. Man hat es nicht immer in der Hand. Dabei versuchen wir aber immer, mit dem getrennten Paar einen Modus zu erarbeiten, dass sie als Eltern weiterhin für ihre Kinder gemeinsam da sind.“ Noch lieber ist ihr aber zu hören: „Ich wage es noch einmal mit dir.“ Natürlich mit einem Updaten der Beziehung, gern mit religiöser Vertiefung. Denn: „Menschen spüren, wenn sie in ihrer Einmaligkeit wahrgenommen werden.“

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