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Unterallgäu

06.10.2019

500 Sorten im Garten: Anton Klaus ist der Apfelversteher

Anton Klaus in seinem Garten im Unterallgäuer Oberneufnach: Dort wachsen 500 verschiedene Apfelsorten. Hier begutachtet er einen Gartenmeister Simon. Dieser gilt als ausgesprochen gesund.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Anton Klaus kennt sich so gut aus, dass ihn sogar Behörden um Rat fragen. Warum für ihn ein Prinz Albrecht von Preußen mehr wert ist als ein Golden Delicious.

Der morgendliche Besuch bei Anton Klaus könnte nicht klischeehafter beginnen: Der Unterallgäuer Apfelexperte steht in der Küche seines Hauses in Oberneufnach, das zur Gemeinde Markt Wald gehört – und verspeist noch schnell zwei Äpfel der Sorte Gravensteiner und eine beeindruckend große Birne, eine Margarete Marillat. Natürlich aus dem eigenen Garten. „Ich esse jeden Tag fünf bis zehn Äpfel“, sagt der schlanke 71-Jährige, und zwei, drei Sätze später: „Ich wohne quasi im Apfel mittendrin – ich kann mich in ihn hineindenken.“

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Anton Klaus kennt sich so gut mit Äpfeln aus, dass seine Expertise ständig gefragt ist. Fast jeden Tag muss er gerade – es ist ja Apfelzeit – los, um Apfelsorten zu bestimmen. Oft sind es Privatpersonen, die ihn beauftragen. Aber auch Behörden, wie etwa Bauämter, brauchen sein Spezialwissen. Anton Klaus ist ein Mann, der es geschafft hat, allein an einem Baum in seinem Garten 115 verschiedene Apfelsorten wachsen zu lassen; ein Mann, dessen Erkenntnisse teils sogar in die medizinische Forschung einfließen; ein Mann, der wohl der einzige Pomologe in Schwaben ist. Wie er selbst sagt.

Pomologen sind besonders versierte Obstbaukundler, der Begriff wurde 1758 von Johann Hermann Knoop in seinem Werk „Pomologia“ geprägt. Was auf Anton Klaus gut passt, der jetzt sagt: „Ich habe eine wahnsinnige Neigung zu Äpfeln.“ Anton Klaus lacht. Und dann erzählt er, dass seine Leidenschaft für Äpfel bis in seine Kindheit zurückreicht, im Alter von fünf Jahren sei es losgegangen.

500 Sorten im Garten: Anton Klaus ist der Apfelversteher

Bis zur Rente wollte er 500 Apfelsorten kennen

Aufgewachsen in der Landwirtschaft, wohnt er schon sein ganzes Leben in Oberneufnach im Unterallgäu, einem Dorf mit rund 450 Einwohnern. Hinterm Haus hat er zwei Gärten, insgesamt 4000 Quadratmeter, in denen 110 Obstbäume stehen. So richtig los mit der Pomologie ging es aber erst später, als er vor 35 Jahren einen Baumpflegekurs besuchte. Sein Interesse an dem Thema wuchs, wurde größer und immer noch größer. Anton Klaus belegte weitere Seminare, unter anderem an der früheren Obstbauschule Schlachters unweit des Bodensees, die heute als Versuchsstation für Obstbau eine Außenstelle der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf ist. Er erlernte auch die Kunst des Veredelns, mit der man es schafft, auf einem Baum mehrere Obstsorten gedeihen zu lassen. Und dann das: „Ich war um die 40, da habe ich mir gesagt: Bis zur Rente will ich 500 Sorten kennen.“

Der gelernte Maschinenschlosser war jahrelang für die Obstanlage beim Dominikus-Ringeisen-Werk, einer großen kirchlichen Behinderteneinrichtung in Ursberg, zuständig – er kam viel schneller als gedacht an sein Ziel. Nicht nur, dass er bis zur Rente viel mehr als 500 Apfelsorten kannte. Inzwischen wachsen in seinem Garten sogar 500 Apfelsorten. Dazu kommen 150 Birnensorten, auf die er bei Erkundungstouren ebenfalls gestoßen ist. Anton Klaus fuhr oft in seiner Freizeit umher, mit Rad oder Auto. Sein Ziel: Streuobstwiesen. Oder alte Schlossgärten. „Ich habe zudem 14 Klostergärten beackert“, sagt er. In Benediktbeuern. In St. Ottilien. In Ottobeuren.

Ein Baum, an dem mehr als 100 Sorten wachsen.
Bild: Ulrich Wagner

Was Anton Klaus antreibt, ist eine heftige Abneigung gegen Apfelsorten, die Verbraucher in Supermärkten bekommen: Gala, Golden Delicious, Granny Smith, Jonagold, Pink Lady oder Braeburn. Anton Klaus’ Liebe zu Äpfeln kennt Grenzen. „Ich mag die Marktäpfel einfach nicht: Sie schmecken eintönig-süß“, sagt er. Doch das ist nicht alles, das ihn stört. Aus den handelsüblichen Sorten sei genau das herausgezüchtet worden, was Äpfel eigentlich gesund mache. Draußen, vor dem Küchenfenster, regnet es ohne Unterlass.

Alte Apfelsorten enthalten weniger Allergene

„Etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Apfelallergie“, erklärt Professor Karl-Christian Bergmann, der an der Berliner Charité das Thema Apfelallergie erforscht, später am Telefon. Die Krankheitszeichen sind ziemlich vielfältig, und das Problem ist: „Äpfel wie der Golden Delicious enthalten viele Allergene.“

Es ist nämlich so: Viele alte Apfelsorten wie etwa der Boskoop haben weniger Allergene. Stattdessen weisen sie sogenannte Polyphenole auf. Diese erzeugen einen säuerlichen Geschmack und sorgen dafür, dass das Fruchtfleisch nach dem Anschnitt schnell braun wird. Weshalb man bei den neuen Sorten den Polyphenol-Gehalt herausgezüchtet hat. Dabei sind Polyphenole eine gute Sache. Sie wirken als Antioxidationsmittel, gelten dadurch als entzündungshemmend und krebsvorbeugend. Alte Apfelsorten sind also wesentlich gesünder – und überdies für sehr viele Apfelallergiker, wie Bergmann bei Probanden herausgefunden hat, verträglich. Welche alten Apfelsorten genau welche Reaktion hervorrufen – darüber gibt es jedoch noch keine abschließenden Kenntnisse.

Apfelernte in Oberneufnach.
Bild: Ulrich Wagner

Und hier hilft der Apfelexperte Anton Klaus aus Oberneufnach indirekt dem Allergieexperten Karl-Christian Bergmann aus Berlin. Anton Klaus kommt herum, verschenkt oder verkauft seine Äpfel. Wirken diese allergieauslösend oder eben nicht, erfährt er das bisweilen. Wenn er von allergischen Reaktionen auf bestimmte Sorten hört, bittet er die Betroffenen, dies dem Bund Naturschutz in Lemgo zu melden. Der sammelt deutschlandweit Erkenntnisse zur Verträglichkeit alter Apfelsorten und stellt seine Erkenntnisse auf seiner Website dar. Diese Daten nutzen Wissenschaftler wie Bergmann.

In den Gärten von Anton Klaus in Oberneufnach reiht sich Baum an Baum und ein jeder scheint eine andere Apfelsorte zu tragen. Das sieht man schon an den vielen verschiedenen Farben der Früchte. „Im Handel sind oft keine alten Apfelsorten erhältlich“, sagt Anton Klaus. Viele drohten sogar für immer zu verschwinden. „Ich möchte möglichst viele Sorten vor dem Untergang bewahren“, sagt er. Auch das treibt den 71-Jährigen an. „Ich habe hier einen wichtigen genetischen Pool geschaffen. Der sollte nicht verloren gehen.“ Und findet er auf seinen Erkundungsfahrten zu Streuobstwiesen oder Klostergärten eine alte Sorte, die er noch nicht hat, wendet er das Veredelungsverfahren an. Es gibt insgesamt vier davon.

Auf den kurzen Nenner gebracht, funktioniert es etwa so: Anton Klaus schneidet einen etwa einjährigen Jahrestrieb, einen Ast, gegen Weihnachten ab. Er steckt ihn mit der Schnittstelle in feuchten Sand und bewahrt ihn an der Nordseite eines Gebäudes auf. Ende April muss dann das Ästchen auf einen anderen Baum „gepfropft“ werden. Dazu sägt Anton Klaus einen Ast per Schrägschnitt ab. Den fremden Ast schiebt er an dieser Stelle unter die Rinde. Schlussendlich verbindet er die Stelle mit Naturbast und schmiert sie mit Wachs zu.

Wenn alles klappt, wächst der Ast an. „Dieses Verfahren kann man bei allen Obstsorten anwenden – also auch etwa bei Birnen, Kirschen oder Zwetschgen“, erklärt Anton Klaus. „Viele Menschen wollen ja alte Apfelsorten essen, bekommen sie aber nicht her.“ Vor allem die Sorte Prinz Albrecht von Preußen oder der bekanntere Boskoop lösten so gut wie nie Allergien aus.

Wo aber bekommt man denn überhaupt alte Apfelsorten? Anton Klaus hilft da gerne weiter. „Ich gebe auch Zweige aus meinem Garten her, sofern das nicht Überhand nimmt.“ Manche alte Sorten erhalte man zudem in Baumschulen, wenn auch nicht in allen. Er berichtet nun von einer schwäbischen Sorte namens Jakob Fischer. „Den hat man früher Mitte September gepflückt und er war sechs Wochen haltbar“, erklärt er. „Heute ist er schon Ende August pflückbar – aber er ist nur noch zwei bis drei Wochen haltbar. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.“

Anton Klaus ist beim Klimawandel angekommen. Der sei für ihn als Pomologen unübersehbar. Die Apfelblüte finde heute im Schnitt drei Wochen früher statt als noch vor 40 Jahren – nämlich inzwischen um den 20. April herum. Und da sei noch etwas: Immer mehr Äpfel bekämen eine Art Sonnenbrand, werden an den Brandstellen unansehnlich bräunlich und matschig. „Auch eine Folge des Klimawandels.“

„Das Apfeljahr ist heuer nicht gut“, sagt er

Aus Anton Klaus spricht die Sorge um die Äpfel, um die Natur. Wenn er selbst Sorgen hat, verlässt er einfach sein Haus. „Wenn es mir nicht gut geht, gehe ich in meinen Garten – und dann geht es mir wieder gut.“

Er schreitet jetzt in aller Ruhe durch die Reihen seiner Bäume und begutachtet sie. Es regnet immer noch, Anton Klaus macht das nur wenig aus. „Das Apfeljahr ist heuer nicht gut“, sagt er. Im Mai sei es zu kalt gewesen, zu viel Niederschlag, dazu Hagel. „Dabei ist das die Zeit, wenn die Blüten bestäubt werden müssen.“ Die Bedingungen dafür waren einfach schlecht, meint er. Anders als bei der Birne, die ihre Bestäubungszeit früher im Jahr hat.

Einen Lieblingsapfel hat Anton Klaus nicht, „ich habe 40 Lieblingsäpfel“, sagt er. Dazu gehören der Gravensteiner, der Berlepsch und der Schöne aus Nordhausen. Täglich isst er Äpfel und fühlt sich deswegen fit und gesund. 500 Apfelsorten hat er, aber: In Deutschland gibt es insgesamt 2000 Sorten. Der Mann aus Oberneufnach, der sich in den Apfel hineindenken kann, ja quasi in ihm wohnt – er hat noch einiges vor sich.

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