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Polizei München

23.08.2020

Außergewöhnlich: Polizist Wolfgang S. ist ein Super Recogniser

Gesichter erkennen und nicht mehr vergessen: Diese seltene Gabe hat der Münchner Polizist Wolfgang S. Er arbeitet als Super Recogniser.
Bild: Sven Hoppe, dpa (Archiv)

Plus Seit zwei Jahren arbeiten ausgewählte Beamte des Polizeipräsidiums München als Super Recogniser. Wie sieht der Alltag der Gesichtserkennungs-Spezialisten aus?

Wenn Wolfgang S. einen Menschen auf der Straße sieht, dann kann es gut sein, dass er ihn auch zehn Jahre später wiedererkennt und sogar noch weiß, wo er ihn getroffen hat. Das liegt an einer besonderen Fähigkeit, die S. von Geburt an hat: Er ist ein sogenannter Super Recogniser. Als solcher sichtet er Tag für Tag Überwachungsbilder von Videokameras auf der Suche nach Straftätern und hilft dabei, Zusammenhänge zwischen einzelnen Fällen herzustellen und Verdächtige zu identizifieren.

S. ist Kriminalhauptmeister und arbeitet seit zehn Jahren in der Abteilung Einsatz des Polizeipräsidiums München, vor zwei Jahren wurde er schließlich für seine Tätigkeit als Super Recogniser freigestellt. Dabei waren ihm seine besonderen Fähigkeiten lange Zeit gar nicht bewusst, sagt S.: "Es war mein Chef, der vor einigen Jahren festgestellt hat, dass ich bei der internen Fahndung deutlich öfter Personen erkenne als viele Kollegen", sagt der 47-Jährige. Den Begriff Super Recogniser kannte zu dem Zeitpunkt bei der Polizei in München aber noch niemand.

Polizei München setzt seit zwei Jahren Super Recogniser ein

Das änderte sich, als der Münchner Polizeipräsident von einem Projekt der Metropolitan Police in London erfuhr, die als erstes gezielt Polizisten mit dieser Fähigkeit für die Fahndung einsetzte. "Im Jahr 2016 reisten dann Kollegen aus München nach London, um sich Informationen einzuholen", erklärt Tanja Herrmann, die als Sachbearbeiterin für die Koordinierungsstelle Super Recogniser zuständig ist. "Kurz darauf kam dann die Silvesternacht in Köln, in deren Nachgang die Polizei Super Recogniser angefordert hat, die bei der Auswertung der Videodaten helfen sollten." Kurz darauf startete die Polizei München ihr eigenes Testverfahren mit dem englischen Psychologen Dr. Josh P. Davis von der University of Greenwich, London, der den Test für die Metropolitan Police entwickelt hatte.

Dieses Testverfahren durchlief auch S., der heute einer von zwei hauptamtlichen Super Recognisern beim Polizeipräsidium München ist, 23 weitere Kolleginnen und Kollegen werden bei Bedarf für Einsätze von ihren eigentlichen Dienststellen hinzugezogen - etwa, um bereits bekannte gewaltbereite Fans bei Fußballspielen vor Ort zu identifizieren. Sie gehören zu rund zwei Prozent der Bevölkerung, die Davis zufolge diese Begabung haben.

 

Seit S. die Bezeichnung für seine Fähigkeit kennt, kann er sich auch so manche Begegnung erklären: "Mittlerweile wundere ich mich nicht mehr, wenn ich Menschen grüße und sie mich nicht mehr erkennen. Früher habe ich mich manchmal schon vor den Kopf gestoßen gefühlt", erzählt er. Als belastend empfindet er seine Fähigkeit aber nicht. "Das läuft im Hintergrund mit, an- und abschalten lässt sich das Gesichter merken nicht. Sobald ich jemanden gesehen habe, erinnere ich mich mit einer großen Wahrscheinlichkeit auch an ihn", sagt der 47-Jährige. Bis heute könne er etwa problemlos seine ehemaligen Mitschüler aus der Grundschule zuordnen, aber auch flüchtige Begegnungen bleiben ihm oft in Erinnerung - so erkannte er etwa einen bis dahin unbekannte Kollegen beim Abschlusstest wieder. Sie waren sich Tage zuvor in der S-Bahn begegnet.

Hinweise der Super Recogniser reichen nicht als Beweise vor Gericht

In seinem Berufsalltag sichtet S. täglich Fahndungsbilder von unbekannten Tatverdächtigen und bereits ermittelten Tätern und versucht dann, Delikte zusammenzuführen, die von der gleichen Person begangen wurden: "Manchmal wissen wir zwar dann immer noch nicht, wie der Verdächtige heißt. Aber wir haben eine Spur, dass es sich etwa bei mehreren Diebstählen immer um den gleichen Täter handelt und können daraus eine Serie erstellen", sagt S. Zum Einsatz kommt er immer dort, wo es auch Bildmaterial gibt. Seine Hinweise gibt S. im Anschluss an die zuständigen Kollegen weiter, die seine Informationen für weitere Ermittlungen nutzen können. Seit die Super Recogniser in München ihre Arbeit aufgenommen haben, habe es etwa 1000 Hinweise gegeben, sagt Herrmann.

Anders als ein biometrisches Gutachten sind die Hinweise der Super Recogniser aber nicht gerichtsverwertbar, erklärt Polizei-Pressesprecher Werner Kraus. Doch Menschen wie S. können dort ansetzen, wo die Computertechnik aktuell noch überfordert ist - etwa dann, wenn Kamerabilder eine schlechte Bildqualität oder einen zu großen Aufnahmewinkel haben, wie es bei Überwachungskameras oft der Fall ist. "Wenn ich ein Gesicht abgespeichert habe, erkenne ich den Menschen auch aus einem anderen Winkel, einer grobkörnigen Aufnahme oder mit einer Maske im Gesicht wieder", erklärt S.

Super Recogniser Wolfgang S.: "Erkenne Gesichter auch mit Mund-Nasen-Schutz"

Welche Merkmale es sind, an denen er einen Menschen wiedererkennt, kann S. gar nicht genau sagen. "Das läuft unterbewusst ab. Manche Kollegen achten besonders auf den Bereich um die Augen, andere auf das Kinn, das ist sehr subjektiv", sagt S. Es gebe aber Gesichtszüge wie etwa besonders helle Augen, große Nasen oder hohe Wangenknochen, die sich bei ihm besonders gut einprägten. Ob ein Tatverdächtiger seinen Bart abrasiert, seine Haare gefärbt oder stark ab- oder zugenommen habe, ändere für Super Recogniser meistens nichts daran, ob sie einen Menschen wiedererkennen oder nicht, erklärt S.: "Da müssen die Unterschiede schon massiv sein."

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