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Bildung
05.03.2018

Pilotprojekt: Wie Mittelschüler ihre eigenen Talente erkennen

Mittelschulen sind keine Resteschulen. Im Rahmen des Taff-Projektes sollen Talente gefördert werden.
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Mittelschulen sind keine Resteschulen. Im Rahmen des Taff-Projektes sollen Talente gefördert werden.
Foto: Alexander Kaya

Bei einem bayernweiten Pilotprojekt werden Jugendliche der oft verrufenen Schulart gezielt in ihren Talenten gefördert. Am Ende sollen alle Schüler profitieren.

Konzentriert beugen sich die Schüler über kleine Stücke aus Holz. Sie feilen an einer Kante, notieren ihre Ergebnisse auf einem Blatt. Zwischendurch gehen einzelne Jugendliche an einen Tisch, auf dem Löt-Werkzeuge aufgebaut sind. Die Achtklässler der Mittelschule Senden (Landkreis Neu-Ulm) arbeiten an einem ungewöhnlichen Projekt: Sie bauen einen maßgeschneiderten Schrank für den Musiksaal, in den auch große Instrumente hineinpassen sollen. Ein gekauftes Möbelstück könnte sich die Schule auf absehbare Zeit nicht leisten. Und normalerweise hätten die Jugendlichen für so ein aufwendiges Vorhaben laut Lehrplan auch keine Zeit – doch sie besuchen keinen normalen Werkunterricht.

Mittelschüler auf der Suche nach den eigenen Talenten

Die Sendener Werner-Ziegler-Mittelschule macht beim Projekt Taff (Talente finden und fördern) mit, das die Stiftung Bildungspakt Bayern im Schuljahr 2015/16 initiiert hat. Das Modell läuft vier Jahre. Momentan befindet sich Taff in der Halbzeit. Wenn die Testphase vorbei ist und alles evaluiert wurde, sollen die Ergebnisse in einer Art Anleitung für den Schulalltag zusammengefasst werden. Das Ziel ist, die Erfahrungen von Schulen wie in Senden in alle Mittelschulen in Bayern zu integrieren.

Die Verantwortlichen wollen für die Mittelschule und ihre Absolventen etwas tun, sagt Ralf Kaulfuß von der Stiftung Bildungspakt Bayern. Die Kinder sollen nach ihrem Abschluss der Schule positiv in den Berufsalltag starten – mit dem Wissen, in mindestens einer Sache talentiert zu sein.

Der Achtklässler Fabian wollte eigentlich Kfz-Mechaniker werden, „aber jetzt werde ich vielleicht Schreiner, weil mir die Arbeit mit dem Holz viel Spaß macht“, sagt er. Lehrer Mario Braun hat die Kinder angesprochen, die für das Schrank-Projekt geeignet schienen. Denn Taff nimmt auch die Lehrer in die Pflicht. Sie erkennen die Stärken der jungen Leute und können sie gezielt in diesem Bereich fördern. Die am Projekt beteiligten Lehrer in Senden freuen sich zu sehen, dass ihr Engagement etwas bewirkt.

Dass Mittelschul-Lehrer oft mit ihrer eigenen Schule hadern, zeigt eine Studie des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). Dort bezeichnen 71 Prozent der befragten Lehrer den Begriff der „Restschule“ als zutreffend für die Stellung der Mittelschule im bayerischen Schulsystem. Der BLLV forderte nach der im Jahr 2015 publizierten Studie mehr Aufmerksamkeit für Mittelschulen. Taff ist ein erster Schritt dorthin.

Schüler sollen sich selbst einschätzen können

In Senden funktioniert der Gedanke, Talente von Schülern zu finden und dann zu fördern. Das liegt an der Begeisterungsfähigkeit der Schüler – aber zum großen Teil auch an den engagierten Lehrern, wie Schulleiterin Birgit Plechinger sagt. Neben dem Handwerk hat sich die Sendener Schule Soziales und Mathematik als Test-Projekte für Taff ausgesucht.

Wie echte Integration geht, erleben die Mittelschüler in einer Arbeitsgruppe mit Kindern der Lebenshilfe. Die Schülerinnen Vanessa und Emilia können nun einschätzen, ob ihnen ein sozialer Beruf liegt. So liebevoll, wie Vanessa von den Kindern der Lebenshilfe spricht, tut er das. „Ich mag sie und ich weiß, dass sie was können.“

Gerade vor Mathe hätten viele Angst, weiß Schulleiterin Plechinger. Sie möchte die Kinder deswegen mit Spaß dafür begeistern. Zum Beispiel hat die Schule ein Casting organisiert: Einmal pro Woche wurden die Schüler mit einer Knobelaufgabe herausgefordert. Diejenigen, die sich dafür interessieren, treffen sich nun jede Woche zum Knobelkurs. Er besteht aus Schülern aller Jahrgangsstufen.

Kaulfuß hat sich die Fortschritte in Senden inzwischen angesehen – ebenso wie Vertreter des Kultusministeriums. Er kann sich nach eigenen Angaben „kein besseres Konzept vorstellen“. Für die Schüler sei es mit das Wichtigste, sagen zu können, „da ist jemand an mir und meinen Fähigkeiten interessiert“. Jetzt gelte es, mehr solcher Situationen zu schaffen – und zwar nicht nur im Landkreis Neu-Ulm.

So funktioniert das Projekt Taff

Modellschulen: Bayernweit nehmen zehn Mittelschulverbünde und zwei eigenständige Mittelschulen teil: in Schwaben die Verbünde Senden und Vöhringen (Landkreis Neu-Ulm) sowie Schwabmünchen und Untermeitingen (Landkreis Augsburg).

Partner: Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft unterstützt Taff, die Universität Erlangen-Nürnberg begleitet das Projekt wissenschaftlich.

Ziele: Schüler sollen Stärken kennenlernen, Lehrer für das Fördern von Talenten sensibilisiert werden. Am Ende steht eine Handlungsanleitung für alle Mittelschulen.

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