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Interview

17.06.2017

Bruder Barnabas kann auch Krimi

Michael Lerchenberg als Fastenprediger „Bruder Barnabas“ beim traditionellen Starkbieranstich auf dem Nockherberg. M. Lerchenberg
Bild: Tobias Hase, dpa

Schauspieler Michael Lerchenberg spielt am Wochenende im ebenso beklemmenden wie spannenden TV-Zweiteiler „Unter Verdacht – Verlorene Sicherheit“. Und erklärt, warum keiner die Kunst der Doppelmoral besser beherrscht als die CSU

Herr Lerchenberg, Sie spielen in dem aktuellen Fernsehfilm-Zweiteiler „Unter Verdacht – Verlorene Sicherheit“ den Staatssekretär Haberfeld. Die Handlung dreht sich um einen Bombenanschlag beim Trachtenumzug des Münchner Oktoberfests. Das Szenario wirkt erschreckend echt. Warum diese Thematik?

Es ist ja nicht der erste deutsche Krimi, der sich mit dem Thema Terror befasst. Natürlich ist dieser Film hammerhart. Man weiß ja um die Sicherheitsdiskussion auf dem Oktoberfest. Wenn man die Bilder mit realen Anschlägen vergleicht, stellt man fest, die haben eine ähnliche Wirkung. Das sind in dem Film beispielsweise die Bilder vom Brauereipferd, das durch den Bombenrauch schreitet oder von einem Kind in Tracht, das alleine herumsteht. Die gehen richtig unter die Haut. Und das sollen sie auch.

Der Zweiteiler lief bereits bei „Arte“ und hatte dort weit überdurchschnittliche Einschaltquoten geholt. Können Sie das erklären?

Ich sage mal ganz kühn, weil es zwei wahnsinnig gute Folgen sind. Die Filme sind sehr spannend. An diesem Stoff bleibt der Zuschauer atemlos dran. Man wirft ja dem deutschen Fernsehen oft vor, dass es keine guten Krimis machen kann. Da muss man „Unter Verdacht“ aber ausnehmen, und nicht bloß diese zwei Folgen. Als ich die Drehbücher bekommen habe, ist mir schon beim Lesen der Mund offen stehen geblieben.

Kann ein erfahrener Schauspieler schon am Drehbuch erkennen, ob eine Produktion klasse wird oder in die Hosen geht?

Ich würde sagen: ja.

Läuft da beim Lesen in Ihrem Kopf schon der Film mit?

Durchaus. Bei diesem Film ist mir etwas Ungewöhnliches passiert. Als ich den Film vorab gesehen habe, ist es mir tatsächlich so vorgekommen, als hätte ich den Film schon einmal gesehen, was zweifelsohne nicht der Fall war. Das war ganz irre. Das habe ich vorher noch nie erlebt. Das hängt mit dem guten Buch zusammen.

Der Film könnte in München auch zu der Frage führen, wie sicher das Oktoberfest noch ist.

Das ist nicht von der Hand zu weisen. Wir wissen alle, bei all den Sicherheitsdiskussionen, dass es hundertprozentige Sicherheit nicht gibt. Darum ist es wichtig, dass wir immer wieder kommunizieren, uns von dieser Art des Terrors oder der modernen Kriegsführung nicht einschüchtern zu lassen.

Sollte man heutzutage überhaupt noch auf Großveranstaltungen gehen, wo die Gefahr natürlich am größten ist, dass ein Anschlag verübt wird?

Man kann das mit den berühmten Haiangriffen vergleichen. Wie viele Menschen gehen baden? Und wie viele werden von einem Hai gebissen, geschweige denn gefressen? Wenn ich sehe, wie viele Großveranstaltungen alleine in Deutschland täglich, wöchentlich, monatlich stattfinden, und die Zahl der Terrorangriffe gegenüberstelle, dann lässt sich alleine daraus das Risiko ablesen.

Inzwischen gehören Anschläge für viele Menschen, so fatalistisch sich das auch anhört, fast zum Alltag der Gesellschaften. Wie empfinden Sie das?

Ich würde nicht sagen: Alltag. Aber Terror ist in der Tat eine Form der Realität für uns geworden. Das ist eine neue Form des Krieges. Es dauert nun eine Weile, bis sich unsere Gesellschaft auf diese neue Form der Auseinandersetzung einstellt. Aber sie tut das. Die Wahrnehmung der Polizei in der Öffentlichkeit hat sich beispielsweise geändert. Der Polizist ist heute für viele Leute nicht mehr der ungeliebte Bulle, sondern man nimmt die Polizei als Garant der Sicherheit wahr. Da ist ein Wertewandel eingetreten.

Sie wurden gerade mit dem diesjährigen Friedrich-Baur-Preis für Ihre Arbeit als Intendant der Wunsiedler Luisenburg-Festspiele ausgezeichnet. Ist es eine innere Befriedigung, nachdem man dort versucht hat – wie soll man sagen –, Sie zu mobben?

Wenn die Akademie der schönen Künste in Bayern diesen Preis vergibt, ist das schon eine deutliche Anerkennung für meine Arbeit. Das ist meine letzte Spielzeit in Wunsiedel. Wir lassen es noch mal richtig krachen und zeigen, auf welch hohem Niveau wir Open-Air-Festspiele machen können.

Das Publikum in Oberfranken honoriert das?

Ja. Wenn wir jammern, dann auf einem hohen Niveau. Der Zuschauerdurchschnitt liegt bei jährlich 136000 Besuchern. Wenn die heuer wiederkommen, bin ich sehr zufrieden.

Sie haben 23 Jahre den Stoiber auf dem Nockherberg gegeben. Da ist doch sicher etwas „Stoiberiantes“ an Ihnen hängen geblieben – oder?

Es gibt einen Satz, den wir gerne auf Bühne kolportiert haben, der heißt: Wenn man nicht alles selber macht… Als Theaterintendant habe ich den Satz auch oft gesagt. Ich glaube, dass ich Stoiber in der Art der Amtsführung ähnle. Ich bin kein Kontrollfreak, weiß aber gerne über alles Bescheid. Zu Beginn meiner Spielzeit in Wunsiedel hat Stoiber zu mir gesagt: Jetzt zeigen Sie mal den Oberfranken, was oberbayerische Effizienz ist. Und wenn ich meine 14 Jahre als Intendant rückspiegele, glaube ich, diese Effizienz gezeigt zu haben.

Haben Sie manchmal noch Sehnsucht nach den Moralpredigten auf dem Nockherberg?

Das Thema ist durch. Politischer Kabarettist ist ein eigener Beruf. Ich war damals ein Sonderfall, denn ich habe das nur einmal im Jahr gemacht. Das war stressbehaftet, weil man das ganze Jahr über die politische Landschaft beobachten muss. Insofern ist mir auch eine Last von den Schultern genommen.

Warum beherrscht kaum eine Partei die Kunst der Doppelmoral so gut wie die CSU?

Vielleicht, weil sie ständig in Ermangelung einer solchen auch die eigene Opposition machen muss. Es mag vielleicht auch die katholische Dominanz innerhalb der CSU sein. Obwohl, da sind die Protestanten auch nicht besser. Die CSU ist halt eine Partei, die das C im Namen führt, da gehört die Doppelmoral einfach dazu.

Gab es eine Zeit in Ihrem Leben, in dem es Sie selbst gelüstet hätte, in die Politik zu gehen?

Gelüstet nicht wirklich. Dazu kenne ich mich zu gut. Eine sogenannte Parteidisziplin und diese ganzen Intrigen mag ich nicht. In der Politik findet man in hohem Maße egomanische Gschaftlhuber, die würde ich schwer aushalten.

Wo können Sie sich mehr verwirklichen – beim Schreiben, als Regisseur oder als Schauspieler?

Schwer zu sagen. Als Schauspieler bin ich damit beschäftigt, eine Figur zu erfinden und sie lebendig werden zu lassen. Als Regisseur baue ich einen Mikrokosmos auf die Bühne. Das sind doch sehr unterschiedliche Kreativitätsprozesse. Wenn ich den einen im Übermaß mache, vermisse ich den anderen. Schreiben wiederum ist eher Entspannung. Ich bin ein Lustschreiber!

Was haben Sie als Nächstes vor?

Ich gehe gerade jeden Tag durch den Wald und lerne meinen Text, weil ich in Wunsiedel Thomas Bernhards „Theatermacher“ spiele. Ich habe dort als junger Schauspieler vor 37 Jahren begonnen und höre jetzt als Theatermacher wieder auf. Ich mache aber so weiter wie vorher: Ich werde inszenieren, als Schauspieler tätig sein. Dazu kommen Lesungen und Programme. Das Schöne ist in diesem Beruf: Solange man sich bewegen und den Text merken kann, kann man arbeiten. Außerdem verändern sich auch die Rollenangebote. Im Moment bin ich in einer Phase, in der ich jede Falte in meinem Gesicht begrüße. Denn gerade im Alter wird es für einen Schauspieler noch mal sehr spannend. Interview: Josef Karg

der 1953 in Dachau geborene Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor, Autor und Intendant ist am 17. Juni um 20.15 und um 21.45 Uhr im ZDF in der Doppelfolge des Krimis „Unter Verdacht – Verlorene Sicherheit“ zu sehen.

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