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Geschichte

06.04.2021

Das Geheimnis der ältesten Viehglocke in den Allgäuer Bergen

Die älteste Viehglocke in den Allgäuer Bergen stammt aus der Römerzeit. Sie befindet sich im Heimatmuseum in Oberstdorf, das derzeit von Ehrenamtlichen wie Karl Schädler in Teilen umgebaut wird.
Foto: Schuhwerk

Eine mehr als 1900 Jahre alte Viehglocke stellt Historiker im Allgäu vor Rätsel und die Frage, ob schon die Römer in den Allgäuer Bergen Alpwirtschaft betrieben haben.

Sie wirkt unscheinbar und ist nur zehn Zentimeter hoch. Dennoch gibt sie bis heute große Rätsel auf. Die wohl älteste Viehglocke in den Allgäuer Bergen stammt aus der Römerzeit und wurde 1928 am Nebelhorn gefunden. „Wenn sie doch nur etwas von ihrer Geschichte erzählen könnte. Dann wäre das Geheimnis endlich gelüftet“, sagt Karl Schädler schmunzelnd. Für den Museumspfleger des Heimatmuseums in Oberstdorf zählt die dunkelgrün patinierte Bronzeschelle zweifelsohne zu den geheimnisvollsten Ausstellungsstücken.

Preisgeben wird sie freilich nichts mehr. Die historische Glocke ist buchstäblich verstummt. Da ihr der Klöppel fehlt, kann über ihren Klang nur gemutmaßt werden. Genau wie über ihre Bedeutung: Ist sie der Beweis für eine Frühform der Alpwirtschaft im Allgäu vor über 1900 Jahren? Oder landete sie nur durch einen Zufall im alpinen Gelände am Nebelhorn?

Fakt ist: Sie wurde vor über 90 Jahren auf einer Höhe von 1600 Metern im Bereich der Vorderen Seealpe von Graf Christoph Voikkfy gefunden. Der damalige bayerische Landesarchäologe Paul Reinecke ordnete die Glocke der Mittleren Kaiserzeit (69 bis 129 nach Christus zu) und maß ihr besondere Bedeutung bei. Sie stellte für ihn ein „willkommenes archäologisches Zeugnis für Almbetrieb“ am Nebelhorn dar.

Woher stammt die Allgäuer Viehglocke?

Zur Begründung schrieb er: „Diese römische Bronzeglocke wird im Altertum schwerlich auf der Jagd in Verlust geraten sein. Ebenso wenig kann sie ein hier des Weges ziehendes Saumtier abgestreift haben, da in dem Fundgebiet überhaupt kein alter Weg oder Paßübergang in Frage kommt. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Glocke doch von einem Tier auf der Weide hier hoch über der Talwanne verloren worden sein.“

Doch ist es denkbar, dass die Römer tatsächlich in diesen Höhenlagen ihr Tier „sömmerten“? So wie es heutzutage während der Sommermonate für etwa 28.000 Jungkühe auf 696 Alpen im Allgäu selbstverständlich ist?

Auszuschließen ist es nicht. Laut dem römischen Schriftsteller Lucius Columella war seinen Zeitgenossen bekannt, dass Rinder im Sommer auf größeren Höhen besser gedeihen als im Flachland. Auch wird vermutet, dass die Menschen am Alpenrand damals bereits käsen konnten.

In Kempten stellten die Römer Käse her

Im römischen Cambodunum, dem heutigen Kempten, belegen dies spezielle Keramikschüsseln für die Käseherstellung. Möglicherweise hing die Bronzeglocke aber auch einer Ziege oder einem Schaf um den Hals. Ob sie alpwirtschaftliche Aktivitäten der Römer nach der Eroberung des Allgäus durch die Feldherren Drusus und Tiberius im Jahr 15 vor Christus belegt, wird wohl nie zweifelsfrei geklärt werden können.

„Vielleicht gehörte sie auch nur einem ausgebüxten Tier, das sich in den Bergen verlaufen hat. Oder sie wurde noch bis in Mittelalter benutzt und ging erst dann am Hang verloren“, sagen die Museumspfleger Karl Schädler und Fritz Schlachter, die in der Corona-Zwangspause Teile des Heimatmuseum umbauen. Sie hoffen darauf, dass es spätestens im Sommer wieder geöffnet werden darf. Dann kann die Viehglocke der Allgäuer Berge neben Hunderten von weiteren Exponaten wieder bestaunt werden.

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