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Gerd Sonnleitner hört auf

03.05.2012

Der Abschied des „Sonnenkönigs“

Präsident des Deutschen Bauernverbands Deutscher Bauernverband Bayerischer Bauernverband Bauern Landwirte Gerd Sonnleitner

Der kompromisslose Gerd Sonnleitner tritt nach 21 Jahren als bayerischer Bauernpräsident ab

Herrsching Vor rund zwei Wochen konnte man noch einmal gut beobachten, welches Selbstverständnis Gerd Sonnleitner stets angetrieben hat: Agrarminister Helmut Brunner (CSU) hatte an diesem Tag in München eine Regierungserklärung abgegeben. Inhaltlich hatte der scheidende bayerische Bauernverbandspräsident daran zwar nichts zu kritteln. „Irritiert“ zeigte sich Sonnleitner vom Zeitpunkt der Grundsatzrede im Landtag. „Sie fand zeitgleich mit der Wahl zur Landesbäuerin statt“, empörte er sich.

Auf die Idee, dass möglicherweise der Schwanz mit dem Hund wedeln könnte, würde sich der Landtag bei der Ansetzung seiner Sitzungen nach verbandsinternen Terminen richten, kommt einer, der sich in 21 Jahren als erster Bauern-Lobbyist im Freistaat Spitznamen wie „Sonnenkönig“ oder „Bauernpapst“ erarbeitet hat, wohl nicht. Denn Sonnleitners Anspruch war immer schon ein absoluter: Nur sein Verband repräsentiert aus seiner Sicht die Interessen aller Landwirte im Freistaat. Entsprechend kompromisslos war auch stets seine Erwartungshaltung gegenüber der bayerischen Politik.

Doch nun leitet der 63-jährige Multifunktionär mit der Stabübergabe als Verbandspräsident in Bayern den schrittweisen Rückzug in den Ruhestand ein. Ende Juni wird Sonnleitner auch als Präsident des Deutschen Bauernverbandes nicht mehr antreten, den er seit 1997 führt. Noch bis 2013 steht er an der Spitze des europäischen Bauernverbandes Copa. Von Trennungsschmerz will er aber nichts wissen: „Alles hört einmal auf, man muss den richtigen Zeitpunkt finden“, sagt er.

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Zweifellos war Sonnleitner in den letzten Jahren einer der mächtigsten Agrarlobbyisten in Europa. Egal, ob Brüssel, Berlin oder München: Immer, wenn es um die Landwirtschaft ging, saß der umtriebige Niederbayer mit am Tisch. Dass man sich mit einer solchen Machtfülle nicht nur Freunde macht, ist wohl unvermeidlich. Doch wer in München mit Verbandsleuten und Landwirtschaftsexperten spricht, merkt schnell: Sonnleitners Lebensleistung nötigt zwar selbst politischen Gegnern Respekt ab. Er ist allerdings auch einer, der sogar im eigenen Bauern-Lager polarisiert.

Besonders deutlich wird dies am vor gut vier Jahren hochgekochten Streit mit den bayerischen Milchbauern. Die warfen angesichts niedriger Milchpreise nicht zuletzt Sonnleitner vor, sich für ihre Interessen nicht genügend einzusetzen. Als sich Unzufriedene schließlich mit dem Milchbauernbund BDM selbstständig machten, bekämpfte Sonnleitner die Abweichler bis aufs Blut. Aufs „Durchregieren“ habe der Verbandspräsident gesetzt, einen „rabiaten Umgang“ gepflegt – vor allem aber die Brisanz des Themas unterschätzt, heißt es selbst in Münchner Regierungskreisen hinter vorgehaltener Hand. Und: „Er hat damit einen Keil getrieben zwischen den Bauernverband und die Bauern.“

Vor allem in Südbayern hat der Streit in vielen Orten bis heute tiefe Gräben hinterlassen – und damit auch den selbst gesetzten Alleinvertretungsanspruch für Bayerns Landwirte ins Wanken gebracht. „Im Bauernverband gilt noch immer die Regel: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“, glaubt Adi Sprinkart, Agrarexperte der Grünen im Landtag. Ein diskussionsfeindlicher Ansatz, dem viele selbstbewusste Landwirte nicht mehr folgen wollten. „Und für die kleinen Bauern hat Sonnleitner in all den Jahren sehr wenig gebracht“, kritisiert der Ökobauer aus dem Allgäu.

Den Zwang zu größeren Strukturen auch in der bayerischen Landwirtschaft hätte niemand stoppen können, hält der unterfränkische Bauernverbandspräsident Bernhard Weiler solcher Sonnleitner-Schelte entgegen. Eine Art Blitzableiter sei der Verbandschef in der Milchkrise zudem gewesen, findet Weiler: „Da hat sich auch manches Gewitter entladen.“ In der Sache könne die bayerische Bauernschaft dem Präsidenten dagegen keinen Vorwurf machen: „Da hat er immer sehr zielgenau verhandelt.“

Ein „hervorragender Netzwerker“ sei Sonnleitner, lobt auch die schwäbische Freie-Wähler-Agrarexpertin im Landtag, Ulrike Müller. Und ein „politischer Stratege“. Als solcher habe er in seinen vielen Funktionen gerade auch für Bayerns Bauern viel erreicht: „Da sind die Fußstapfen nach so vielen Jahren doch sehr groß“, findet die Bäuerin aus Missen-Wilhams.

In diese Fußstapfen soll nun Walter Heidl treten, der zwar wie Sonnleitner aus Niederbayern stammt, vom langen Schatten des markanten Vorgängers aber rein gar nichts wissen will: Er trage seine eigenen Schuhe, sagt Heidl kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten im oberbayerischen Herrsching selbstbewusst. Und: „Ich schätze Gerd Sonnleitner sehr, würde mich aber nicht als sein Ziehsohn bezeichnen.“

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