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Landsberg

06.01.2020

Der Brand und die Angst vor dem nächsten: Wieder schlägt der Feuerteufel zu

Nur noch ein „Hanomag-Friedhof“: Karl Fernsemer mit seinen Söhnen Andreas und Thomas in dem, was von der Scheune geblieben ist.
Bild: Thorsten Jordan

Plus Erst wurden Mülltonnen und Heuballen angezündet. Dann brannte ein Feldstadel nach dem anderen. Auf den Dörfern fragt man sich: Wen trifft es als nächstes?

Den Moment, in dem das Dach mit einem lauten Knall einstürzt, wird Karl Fernsemer nicht vergessen. „Rummmmmms hat es gemacht“, sagt der 57-Jährige und seine Hände gehen nach unten. „Wie ein Kartenhaus ist der Stadel eingefallen.“ Gut 20 Minuten vorher wird der Landwirt an jenem 14. Dezember 2019 unsanft geweckt. Es ist der Milchfahrer, der an der Haustür der Familie in Rott (Kreis Landsberg) Sturm klingelt. „Dein Stadel brennt lichterloh“, sagt er. Fernsemer eilt mit seiner Frau zum Feldstadel, der ein paar hundert Meter außerhalb der Ortschaft liegt. „Das kann nicht sein“, denkt er in diesem Moment einfach nur.

Von dem, was vor Wochen noch ein Feldstadel war, ist jetzt nur ein Haufen Schutt übrig. Gerippe von alten Traktoren, die nebeneinander stehen. Dazwischen ein Pflug, ein Ladewagen, ein Kreiselheuer, alle ausgebrannt. Auf dem Schutthaufen liegen verkohlte Balken.

Fernsemer ist nicht der Einzige, der vor den Trümmern steht. Am Tag, nachdem sein Feldstadel in Flammen aufgegangen ist, brennt es 14 Kilometer westlich, in Leeder. Am Wochenende darauf bricht 20 Kilometer östlich, im Landkreis Weilheim-Schongau, ein Feuer aus, außerdem im nahen Guttenstall, Ende Dezember brennt es zwei Mal nahe Reichling. Und jedes Mal sind es Feldstadel auf freier Flur, in denen Stroh, Heu und Maschinen gelagert werden, die in Flammen aufgehen.

Am 26. Dezember bei Reichling: Feuerwehrkräfte löschen Stroh im ausgebrannten Stadel ab.
Bild: Julian Leitenstorfer

Die Polizei geht von einem Serientäter aus. Alles beginnt am 13. Dezember in der Gemeinde Fuchstal. Mitten in der Nacht brennen mehrere Mülltonnen. Die Flammen schlagen auf einen Fahrradunterstand einer Schule über. Doch die Feuerwehr kann Schlimmeres verhindern. Seitdem heulen in der Region vermehrt die Sirenen, weil abgelegene Feldstadel mitten in der Nacht in Flammen aufgehen. Wenn die Feuerwehr eintrifft, stehen die Gebäude bereits voll in Brand. Die Einsatzkräfte können nur noch ablöschen. Neun Fälle zählt die Polizei inzwischen zu dieser Serie, erklärt Michael Graf vom zuständigen Polizeipräsidium Oberbayern Nord.

Am Dreikönigstag hat es wieder gebrannt - dieses Mal sterben 200 Schafe

Gut möglich, dass ein zehnter hinzugekommen ist. Am Dreikönigstag rücken die Feuerwehren gegen 6.30 Uhr aus, nahe Scheuring brennt eine Stallung lichterloh. Weder die 200 Schafe noch das Gebäude können gerettet werden. Noch sind die Ermittler nicht sicher, ob auch dieses Feuer auf das Konto des Brandstifters geht. Es wäre der erste Fall im nördlichen Landkreis Landsberg.

Wer so etwas tut? Was jemanden dazu treibt, zum Feuerteufel zu werden? Das fragen sich gerade viele. Karl Fernsemers Frau Heike sagt: „Der ist doch krank.“

Wer verstehen will, was die Fernsemers verloren haben, muss sich nur an ihren Esstisch setzen und die Fotos anschauen, auf denen der Stolz der Familie dokumentiert ist. Die Oldtimer-Traktoren der Marke „Hanomag“. „Der 50er“, den noch Karl Fernsemers Opa gekauft hat, Baujahr 1950. „Der Flatterdach“, weil er so ein altes, flattriges Dach hatte, zugelassen 1961. „Der 3545“, der 35 PS hatte, aber so verstellt werden konnte, dass auch zehn mehr möglich waren.

Fernsemers Hanomag-Geschichten sind Familien-Geschichte – von den beiden Buben, die schon als Babys mitgefahren sind bis zum Opa, der bis kurz vor seinem Tod auf seinem Lieblingstraktor saß. Von abenteuerlichen Abholfahrten und gemeinsamen Bulldog-Wallfahrten. 40 Oldtimer hatte Fernsemer, den sie im Ort den „Hanomag-Bauer“ nennen, bis vor Kurzem – Jahrgang 1951 bis 1971. Jetzt sind es 13 weniger. Auf 80.000 Euro schätzt der Landwirt allein den Wert der zerstörten Traktoren, insgesamt dürfte der Schaden bei rund 200.000 Euro liegen, schon, weil eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach angebracht war. Fernsemer schaut noch einmal auf die Hanomag-Bilder, auf das, was nicht mehr zurückzuholen ist. Dann sagt er: „Egal. Ist schon rum.“

Karl Fernsemer konnte nur zuschauen, wie der eigene Feldstadel nahe Rott abbrannte.
Bild: Polizei Landsberg

Die Polizei geht mittlerweile von einem Schaden in Höhe von rund einer halben Million Euro aus – plus rund 100.000 Euro Schaden beim Brand am Dreikönigstag. Auch im Nachbarlandkreis Weilheim-Schongau gab es in den vergangenen Wochen solche Fälle. Einmal brannte eine Scheune bei Wielenbach, ein anderes Mal bemerkte ein Landwirt am helllichten Tag, dass bei Wessobrunn an einem Stadel Heuballen zu brennen begannen. Er zog die Ballen mit seinem Traktor ins Freie und konnte so Schlimmeres verhindern. Nach den Worten von Kriminalhauptkommissar Michael Graf aus Ingolstadt besteht ein Zusammenhang – auch wenn der Nachbarlandkreis zum Polizeipräsidium Oberbayern Süd gehört. „Der mutmaßliche Täter hält sich nicht an Präsidiumsgrenzen.“ Dennoch arbeiten die Ermittler eng zusammen. Bei der Kripo Fürstenfeldbruck wurde die Ermittlungsgruppe „Feldscheune“ eingerichtet. Zehn Beamte arbeiten sind dem Täter auf der Spur.

„Wir können ja nicht die ganze Nacht draußen bleiben“, sagt einer

Hermann Dempfle weiß, wie es sich anfühlt, wenn das, was man sich mühevoll aufgebaut hat, in Flammen aufgeht. „Es kommt einem vor, als würden einem scheibchenweise die Finger abgehakt.“ Dempfle, 62, kariertes Hemd, grauer Vollbart, steht auf seinem Balkon in Rott und zeigt auf die neu gebauten Häuser. Im Oktober 2004 war da noch seine Hofstelle. Es ist gegen halb vier Uhr morgens, als Dempfle glaubt, ein Knistern zu hören. Also steht er auf und sieht, dass Feuer aus dem Nebengebäude dringt. Er eilt nach draußen, holt geistesgegenwärtig die Gasflaschen aus der Werkstatt, rennt die paar Meter zum Feuerwehrhaus und löst die Sirene aus. Den Schweinestall können die Einsatzkräfte nicht mehr retten, 90 Tiere sterben. Auch das Gebäude für die Direktvermarktung, die Werkstatt und eine Halle werden zerstört. Schaden: eine halbe Million Euro. In Dempfles Fall aber ist schnell klar, dass kein Brandstifter am Werk war. Ein technischer Defekt wird als Grund für den Brand ausgemacht.

Dempfle hat den Bio-Betrieb mittlerweile an seinen Sohn übergeben, die neue Hofstelle samt Milchviehstall und Maschinenhalle liegt außerhalb. Die Familie aber wohnt im Dorf. An der Hofstelle haben sie vor ein paar Jahren Überwachungskameras angebracht. Und seit der Brandstifter sein Unwesen treibt, lasse man nachts das Licht brennen. „Wir können ja nicht die ganze Nacht draußen bleiben.“

Dass ein Feldstadel nach dem anderen in Flammen aufgeht, das ist an sich schon ungewöhnlich. Brandserien wie diese kennt man auch bei der Polizei nicht. Auch deswegen ist auf den Dörfern südlich von Landsberg in diesen Tagen vielen mulmig zumute. Hier steht bisweilen alle paar hundert Meter einer dieser Holzstadel, in denen die Bauern ihr Stroh und Heu lagern und landwirtschaftliches Gerät unterstellen. Manche haben reagiert und die Gebäude leer geräumt, Futter und Maschinen auf die Höfe geholt. Andere steigen nachts ins Auto, fahren Feldwege ab, notieren sich fremde Kennzeichen. Man ist aufgeschreckt – auch wenn viele glauben: Wer so etwas tut, der kennt sich hier aus.

Die Angst vor dem unbekannten Feuerteufel ist auch Thema bei den Feuerwehren. Jedes Mal, wenn ein Stadel brennt, wird ein Großaufgebot aus dem halben Landkreis alarmiert. Viele der Ehrenamtlichen sind selbst Landwirte. „Jeder Zweite von uns hat selber einen Stadel“, sagt Kommandant Thomas Lindner aus Pflugdorf-Stadl. Bei den Brandschützern hat man vorgesorgt. Zwei gereinigte Güllefässer stehen für den Fall der Fälle bereit, um Löschwasser zu den meist außerorts gelegenen Einsatzstellen zu transportieren.

Zehn Landwirten patrouillieren Tag und Nacht und stehen in Kontakt mit der Polizei

Denn eines haben die Brandstellen gemeinsam: Sie liegen außerhalb geschlossener Ortschaften, aber unweit von Kreis- oder Staatsstraßen. So schaffte es der Täter bislang immer, schnell zu flüchten. Zurück bleiben dann meist nur verkohlte Reste von landwirtschaftlichem Gerät, Heu und Stroh sowie die Gerippe niedergebrannter Stadel. Dennoch: „Es gibt genügend Spuren, um eine Serie zu erkennen. Aber in welcher Qualität ist halt immer die Frage. Es ist leider sehr dürftig“, sagt Polizeisprecher Michael Graf. Die Ermittlungsgruppe „Feldscheune“, die sich aus erfahrenen Kriminalern und ortskundigen Beamten zusammensetzt, wird von Experten unterstützt. „Die sogenannte operative Fallanalyse ist bayernweit aktiv. Das sind unsere Profiler“, erläutert Graf. Mit allen Spuren, die bislang gesichert wurden, und anhand von Tatausführung und Zeitpunkt werde ein Täterprofil erstellt. Und damit erhofft man sich einen raschen Ermittlungserfolg.

Bislang sind einige Hinweise zu Fahrzeugen und Personen eingegangen, die sich zu ungewöhnlichen Tages- und Nachtzeiten in unwegsamem Gelände aufhielten. Doch ein Treffer war bislang nicht dabei. „Es ist momentan die Suche nach der Nadel im Heuhaufen“, sagt Polizeisprecher Graf. Keinerlei Anhaltspunkte gebe es, dass der Brandstifter in den Reihen der Freiwilligen Feuerwehr zu suchen sei. Dafür bekommt die Polizei ungewöhnliche Unterstützung. Graf berichtet von rund zehn Landwirten, die Tag und Nacht im südlichen Landkreis patrouillieren und in Kontakt mit der Polizei stehen.

Auf dem Kromerhof, der außerhalb von Reichling liegt, wacht Schäferhündin Gina. „Die tut nichts“, sagt Matthias Graf. „Sie geht nur auf Brandstifter los.“ Er lacht ein gequältes Lächeln. Manchmal hilft eben nur noch Galgenhumor. Graf, 42, hat in den letzten Wochen einige Feldstadel brennen sehen. Auch er war mit dem Güllefass unterwegs, wenn die Feuerwehren Löschwasser brauchten. Doch seit die Nächte kalt geworden sind, bringt auch das nichts mehr. Das Wasser in den Fässern gefriert.

Graf macht sich auf den Weg zu seinem Feldstadel, der südlich von Reichling in der Mühlau liegt. Nur 300 Meter entfernt steht die Scheune, die am zweiten Weihnachtsfeiertag gebrannt hat. Geblieben ist davon nur das Gerippe, darunter ein verkohlter Wagen und ein kaputter Traktor. Der Besitzer soll an jenem Abend noch um 19 Uhr vor Ort gewesen sein, um nach dem Rechten zu schauen, heißt es. Eine Stunde später kam die Meldung, dass die Scheune in Flammen steht. Das Großaufgebot an Feuerwehrkräften konnte nicht verhindern, dass sie komplett niederbrennt.

Graf schüttelt den Kopf. „Dieser Brand hat doch nicht in sein Konzept gepasst.“ Weil der Stadel an einer Stichstraße liegt, die zum Lech führt. Wer hier weg will, muss denselben Weg zurück nehmen. In Reichling erzählt man sich, dass in jener Nacht ein Auto gesichtet wurde, das ohne Licht unterwegs war. „Es wird viel geredet“, sagt Graf.

Er fährt den Weg weiter, zu seinem Feldstadel, in dem Stroh und Heu lagert, aber auch Platz für das Jungvieh ist. Scheunen, in denen Tiere stehen, hat der Brandstifter bisher verschont. „Aber man weiß ja nie, wie weit er geht.“ Der Brand am Dreikönigstag war der erste, bei dem Tiere umgekommen sind. Landwirt Graf zeigt auf die Reifenspuren, die sich in der Wiese neben seinem Stadel abzeichnen. Sie stammen aus der Nacht, in der der Nachbarstadel gebrannt hat. Es sieht aus, als hätte hier jemand gewendet. „Vielleicht war er hier.“

In Rott nähert sich ein silbernes Auto der abgebrannten Scheune der Fernsemers. Die drei jungen Männer bleiben im Auto sitzen, starren auf die ausgebrannten Traktoren. „Hanomag-Friedhof“ nennen die Fernsemers diesen Anblick. So schnell wird er ihnen nicht erspart bleiben. Erst braucht es eine Freigabe der Versicherung, dann muss eine Firma gefunden werden, die sich um die Entsorgung kümmert.

Und bis dahin? Die Hanomag-Traktoren lassen sich nicht ersetzen, sagt Karl Fernsemer. Vielleicht kaufen sie einen neuen „3545er“, der Sohn ist schon auf der Suche. „Aber ich hab noch drei Feldstadel“, sagt der Vater und man sieht ihm die Sorgen an. Die wertvollsten Traktoren hat Karl Fernsemer inzwischen auf den Hof geholt. Jedes Mal, wenn die Sirene geht, sagt seine Frau, steigt er ins Auto und schaut, ob wieder eine der Scheunen brennt.

Nicht nur die Fernsemers hoffen, dass der Spuk bald ein Ende hat. Sie sind überzeugt, dass der Feuerteufel von Landsberg, wenn es ihn denn gibt, gefasst wird. „Auf jeden Fall“, sagt Heike Fernsemer. Und ihr Mann meint: „Irgendwann macht er einen Fehler.“

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