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Friedberg

17.05.2015

Der lange Kampf gegen die Bundeswehr

Dieter Neumann lebt in Friedberg.
Bild: Ulrich Wagner

Der schwerstbehinderte Sohn eines Ex-Radarsoldaten fordert seit Jahren Entschädigung. Die Bundeswehr kämpft dagegen. Aber es gibt Hoffnung für den 53-Jährigen aus Friedberg.

Jetzt, in den ersten Mai-Tagen, fühlt sich Dieter Neumann relativ wohl. Die Sonne ist gut gegen die Phantomschmerzen, die ihn ansonsten Tag und Nacht plagen. Jeder kennt ihn in Friedberg. Mit seinem elektrischen Rollstuhl kann er nach den langen, dunklen Wintermonaten wieder raus und fährt oft durch die Kleinstadt bei Augsburg. Denn Neumann ist schwerstbehindert. Er kam vorgeburtlich gengeschädigt auf die Welt.

Beine und Arme waren deformiert – insgesamt 33 Operationen hat er hinter sich. Dass Neumann überhaupt noch lebt, grenzt an ein Wunder. „Mehr als zwei Jahre haben mir die ersten Ärzte nicht gegeben“, erzählt er. Schwierig ist sein Leben bis heute trotzdem. Nicht nur körperlich leidet er, auch finanziell hakt es. Der Friedberger ist auf Sozialhilfe angewiesen.

Seit fast 15 Jahren versucht der Sohn eines Ex-Radarsoldaten nachzuweisen, dass seine Behinderung mit dem Beruf seines Vaters zusammenhängt. Der sei 30 Jahre lang in der Stellung „Konrad“ auf dem Lechfeld starker Röntgenstrahlung ausgesetzt gewesen, was zu einer Spermienmutation geführt habe. Und Neumann fordert eine angemessene Entschädigung, unter anderem eine Rentenzahlung von der Bundeswehr. Ungezählte Schreiben hat der Behinderte schon verfasst, viele Politiker quer durch alle Parteien haben ihn bei seinem Vorhaben unterstützt, unter anderem auch die SPD-Landtagsabgeordnete Simone Strohmayr. Nur das Verteidigungsministerium mauert.

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"Eine große Katastrophe"

Heinz Dankenbring vom Bund zur Unterstützung der Radargeschädigten hat selbst Hautkrebs, Samenschaden und das Strahlensyndrom. Er schüttelt über den Umgang der Bundeswehr mit ihren früheren „Mitarbeitern“ und den behinderten Kindern ehemaliger Radarsoldaten den Kopf. „Wenn das der Dank des Vaterlandes dafür ist, dass man jahrelang den Kopf hingehalten hat, dann danke schön!“ Vor allem die Reaktion im Zusammenhang mit den gengeschädigten Kindern ist Dankenbring zufolge „eine große Katastrophe“. Fassungslos sagt der Kaufbeurer: „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass in unserem Staat so etwas möglich ist.“

Beim Opferverband führen sie gut 40 Fälle von gengeschädigten Soldatenkindern. Jungen mit verkrüppelten Füßen, Mädchen mit nur einer Brust oder mit sechs Fingern. Das Verteidigungsministerium bestreitet jeden Zusammenhang zwischen der Radarstrahlung und den Behinderungen der Kinder.

Ein Brief vom Staatssekretär

In einem unserer Zeitung vorliegenden Brief antwortet von der Leyens Staatssekretär Ralf Brauksiepe im Namen der Verteidigungsministerin auf ein Schreiben Strohmayrs: „Bisher konnten nur vergleichsweise niedrige Strahlenexpositionen für die Abschätzung des genetischen Risikos der Nachkommen bestätigt werden, die weit unter den Grenzen zur Anerkennung eines Kausalzusammenhangs liegen.“

Der heute 53-jährige Dieter Neumann ist ob dieser Chuzpe verbittert: „Ich bin wütend, weil die Bundeswehr uns seit Jahrzehnten verarscht.“ Doch im Laufe der Jahre ist das Verteidigungsministerium in die Defensive geraten. SPD-Politkerin Strohmayr sieht für Neumann Grund zum Optimismus. Denn im jüngsten Urteil des Landessozialgerichts Bayern wurde einem krebskranken früheren Radarmechaniker aus Memmingen nach jahrelangem Kampf Entschädigung zugesprochen. Das Gericht wirft der Bundeswehr vor, „irreführende“ und „nachweislich falsche“, ja „fast groteske“ Argumentationen und Behauptungen angebracht zu haben.

Zweifel an der Darstellung der Bundeswehr-Experten hat auch ein Arzt der Berliner Charité: Aus dessen Vorstudie zum Fall Neumann geht hervor, dass ein Zusammenhang zwischen verstrahlten Vätern und missgebildeten Kindern nicht unwahrscheinlich ist. Klarheit soll nun eine Erbgutanalyse liefern. Diese ist teuer, Sozialhilfeempfänger Neumann kann sie nicht finanzieren. Strohmayr glaubt, dass es dennoch klappt. Über die Härtefallstiftung der Bundeswehr oder Spenden will sie Geld sammeln.

Neumann fordert Gerechtigkeit

„Wir müssen alle Hebel in Bewegung setzen, damit die Studie erstellt werden kann. Wenn das Gutachten positiv ausfällt, hätte Dieter Neumann gute Chancen, entschädigt zu werden“, so die Juristin. Der Betroffene, dem von der Härtefallstiftung bereits 50000 Euro Unterstützung in Sachwerten (neuer Rollstuhl etc.) zugesprochen wurden, will nicht aufgeben: „Jetzt bin ich 53. Ich hab’s also geschafft, über 25 Mal so alt zu werden wie prognostiziert. Und ich werde 100 Jahre werden, um von der Bundeswehr Gerechtigkeit zu fordern.“

Was sind Radar-Soldaten?

Gesundheitsschäden: Durch militärische Radaranlagen haben Soldaten und Zivilangestellte der Bundeswehr und der Nationalen Volksarmee (NVA) Gesundheitsschäden erlitten, die bis in die 1980er Jahre an Radargeräten Dienst taten. Sie waren der Röntgen- und Mikrowellenstrahlung der Geräte ausgesetzt. Viele von ihnen erkrankten, vor allem an Krebs, der mit der Röntgenstrahlung in Verbindung gebracht wird.

Bearbeitungszeit: Von den 2950 Fällen, die durch die Bundeswehrverwaltung bearbeitet wurden oder werden, weisen 42 Fälle eine Bearbeitungsdauer von mindestens zehn Jahren auf. Im „Bundeswehr-Journal“ heißt es: „Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es noch keinem Verteidigungsminister gelungen ist und wahrscheinlich nicht gelingen wird, die Ministerialbürokratie dem politischen Willen zu unterwerfen.“

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