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Großprojekt

22.11.2016

Ein Haus für das sudetendeutsche Gedächtnis

So wird das Sudetendeutsche Museum bei seiner für 2018 geplanten Eröffnung in der Hochstraße in München-Haidhausen aussehen.
Bild: Quelle: Museum

In München entsteht für 30 Millionen Euro ein kubistisches Bauwerk. In dem modernen Museum können sich Besucher auf fünf Ebenen über die Geschichte der Vertriebenen informieren.

Baulärm zieht seit Wochen vom Sudetendeutschen Haus in München-Haidhausen aus hinab zu den Isarauen. Der Krach ist einerseits enervierend für die Mitarbeiter und doch über viele Jahre lang herbeigesehnt: Seit mehr als 20 Jahren verfolgt die Sudetendeutsche Stiftung ihr Ziel, ein zentrales Museum zu schaffen – jetzt wird das Großprojekt umgesetzt.

Bis 2018 soll alles fertig sein

Das Museum wird das bestehende, lang gestreckte Gebäude verlängern, sich jedoch durch einen modernen, skulpturalen Baukörper davon auch deutlich absetzen. Geplant ist, den in einem Wettbewerb erfolgreichen Entwurf des Münchner Büros pmp Architekten bis 2018 zu verwirklichen.

„Eine Herzensangelegenheit“ nannte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) das Vorhaben bei der Grundsteinlegung im September. Eine Liebeserklärung, die längst nicht nur auf ideellen Säulen ruht: Schließlich stellt der Freistaat 20 Millionen Euro für das Vorhaben zur Verfügung, weitere zehn Millionen Euro fließen aus Bundesmitteln.

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Betreiber und Eigentümer wird die Sudetendeutsche Stiftung sein. Ortfried Kotzian, der im vergangenen Jahr dem langjährigen Vorsitzenden der Stiftung, Franz Pany, nachfolgte, freut sich, dass das Museum in absehbarer Zeit eine Lücke schließen wird. Denn anders als den Ost- und Westpreußen, Schlesiern, Donauschwaben, Pommern oder Siebenbürgern fehlt den Sudetendeutschen ein zentrales Museum mit bundesweiter Ausstrahlung.

Die Erwartungen sind groß

Für die moderne Dauerausstellung werden gut 1000 Quadratmeter zur Verfügung stehen – weitere 500 sind für Sonderausstellungen reserviert. Dass ein 30-Millionen-Projekt hohe Erwartungen erzeugt, ist klar. „Natürlich gab und gibt es unter den Sudetendeutschen verschiedene Vorstellungen, wie ein solches Museum aussehen sollte“, sagt Kotzian, der seit vielen Jahren in Augsburg zu Hause ist, im Gespräch mit unserer Zeitung. Als umso praktikabler habe sich der Ansatz der Projektleiterin Elisabeth Fendl erwiesen, die Struktur der Dauerausstellung behutsam auf Basis der greifbaren Dokumente und Exponate zu entwickeln: Ein umfangreiches Konvolut mit Plakaten, Bildern und Urkunden lagert im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München. Gegenstände aller Art aus der verlorenen Heimat sind in einem Depot bei Taufkirchen untergebracht. Darunter profane, aber sehr anrührende Dinge des Alltags, wie Geschirr, Kleidung oder Münzen. Viel Wertvolles musste zurückgelassen werden, vieles ging auf der Flucht unwiederbringlich verloren.

Umso wichtiger sind daher Ankäufe: „In den letzten Jahren hat sich die Bereitschaft der tschechischen Museen zur Zusammenarbeit spürbar verbessert“, sagt Kotzian. Das zeigt sich auch an der Besetzung des wissenschaftlichen Beirats für das Museum: Der Vorsitzende, Professor Hans-Martin Hinz, arbeitet auch mit tschechischen Experten zusammen.

Mit welchem Konzept will die Stiftung nun erreichen, dass neben den Vertriebenen und deren Nachfahren möglichst viele geschichtlich Interessierte in die Münchner Hochstraße kommen? Unterteilt in fünf Ebenen soll die multimediale Ausstellung mit Hörstationen über die alte Heimat und das Schicksal der Deutschen in Böhmen und Mähren und Sudetenschlesien – zusammengefasst unter dem relativ neuen Begriff Sudetendeutsche – informieren. Eine Heimat, die bis 1945 von dem oft fruchtbaren, dann immer schwieriger werdenden Zusammenleben zwischen Deutschen und Tschechen geprägt wurde.

Die Rolle der Sudetendeutschen im NS-Staat wird ausführlich behandelt

Zunächst wird der Besucher Grundlegendes über Herkunft, Religion und Brauchtum und regionale Vielfalt erfahren. Sachthema Nummer zwei: Wirtschaft, Industrie und das reichhaltige kulturelle Leben in den weit verstreuten Siedlungsgebieten. Es folgt die chronologische Dokumentation – unterteilt in die Ebenen „Verlust der gemeinsamen Heimat“, „Flucht und Vertreibung“ sowie „Neue Heimat finden“. Eine Zeitreise, die mit dem erstarkenden nationalen Bewusstsein in Europa Anfang des 19. Jahrhunderts beginnt. Diese Entwicklung hatte für viele Minderheiten in Europa fatale Auswirkungen. Auch die Sudetendeutschen in der Tschechischen Republik bekamen die Folgen schmerzhaft zu spüren.

Ausführlich behandelt wird die Rolle der Sudetendeutschen im NS-Staat nach 1938 – mit der Begeisterung für die neuen Machthaber, aber auch mit der Verfolgung Andersdenkender. Dann die Flucht und Vertreibung von Millionen aus der Heimat, die sich in das Bewusstsein der Sudetendeutschen eingebrannt haben.

Symbolisch soll ein Handwagen, den ein heute noch lebender Zeitzeuge für das Museum zur Verfügung gestellt hat, an das Leid der Flucht erinnern. Ein „Bollerwagen“, in dem einige Habseligkeiten des damals Zehnjährigen und dessen Mutter und Schwester auf dem Weg Richtung Bayern verstaut waren. Den chronologischen Abschluss bildet der schwierige Neuanfang in einem fremden Land.

Dort, wo ihnen die Chance dazu gegeben wurde, engagierten sich die Sudetendeutschen in ihrem neuen Umfeld oft mit großer Entschlossenheit. Ortfried Kotzian, dessen Eltern sich nach ihrer Flucht aus dem Erzgebirge schließlich in Illertissen ansiedelten, erinnert sich: „In den sechziger Jahren hatten von den 20 Vereinen der Stadt 19 einen Vorsitzenden, der zu den Vertriebenen zählte.“ Auch solche Geschichten will das neue Museum erzählen.

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