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Naturschutz

03.07.2020

Ein Jahr nach "Rettet die Bienen": Blühwiesen liegen im Trend

In Neu-Ulm ist ein Vorzeigeprojekt für den Bienen- und Naturschutz entstanden. 
Bild: Alexander Kaya

Plus Seit dem Volksbegehren gegen das Bienensterben ist in Bayern viel passiert. Teils hat sich die Zahl der insektenfreundlichen Flächen verzehnfacht. Aber wie nachhaltig ist diese Entwicklung?

Blühwiesen, so groß wie 46 Fußballfelder. Die Schutzgemeinschaft für den Neu-Ulmer Lebensraum (Gau) hat ein 33 Hektar großes Paradies für Bienen, Schmetterlinge und allerlei Insekten geschaffen. Nicht am Stück natürlich, sondern auf unterschiedlichen Flächen über den ganzen Landkreis verteilt. Überall blühen dort ganze Äcker bunt auf. 17 Landwirte und die Stadt Neu-Ulm beteiligen sich an dem jungen Projekt, das 2018 mit Staudensamen auf vier Hektar Wiesenfläche gestartet war. Zwei Jahre und das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ später hat sich die Fläche der Blühwiesen mehr als verzehnfacht. Ähnlich sieht der Trend in ganz Bayern aus – aber es gibt einen kleinen Haken. Denn Blühwiese ist nicht gleich Blühwiese.

Der Gau-Geschäftsführer, Wolfgang Gaus, ist jedenfalls stolz auf das Neu-Ulmer Vorzeigeprojekt. „Dass wir innerhalb kürzester Zeit so viele Blühwiesen angelegt haben, ist wohl einmalig in ganz Bayern“, sagt er. Gaus betont, dass sich die Bauern schon vor dem Volksbegehren engagiert hatten, trotzdem habe es der öffentlichen Wahrnehmung einen Schub gegeben. Dabei können sich Privatpersonen nur bedingt einbringen, nämlich in Form von Spenden. „Mit dem Geld finanziert der Gau das Saatgut“, sagt der Geschäftsführer der Schutzgemeinschaft. Und zwar für rund 22 Hektar Blühwiesen, die restlichen elf übernehme die Stadt. Rund 1300 Euro pro Hektar kostet die spezielle hochwertige Wiesenmischung, das macht für den Gau knapp 29.000 Euro.

Gut angelegtes Geld

Doch das Geld sei gut angelegt. Denn die Saatkosten fallen nur im ersten Jahr an und die Landwirte verpflichten sich im Gegenzug, aus ihrem Acker mindestens fünf Jahre lang eine Blühwiese zu machen. Außerdem dürfen die Flächen nicht mehr gedüngt und erst im zweiten Jahr ab Mitte Juni gemäht werden.

Die Schutzgemeinschaft für den Neu-Ulmer Lebensraum, kurz Gau, hat ein 33 Hektar großes Paradies für Insekten geschaffen.
Bild: Alexander Kaya

Trotz dieser Auflagen sei es auch für die Bauern kein Verlustgeschäft. Werden alle Vorgaben eingehalten, gebe es jedes Jahr 740 Euro pro Hektar aus dem Fördertopf des Bayerischen Vertragsnaturschutzprogramms. Oben drauf zahlt der Gau für jeden Hektar jährlich 160 Euro Prämie. Insgesamt könne ein Bauer mit dem Projekt also bis zu 1000 Euro im Jahr pro Hektar Blühwiese erwirtschaften. Das ist im Gegensatz zu den bekannten Blühpatenschaften zwar relativ wenig. „Hier können die Landwirte jedes Jahr bis zu 5000 Euro pro Hektar einnehmen“, erklärt Gaus. „Aber nach meiner Erfahrung geht es nicht immer nur ums Geld, die Bauern engagieren sich auch nicht getrieben durch das Volksbegehren, sondern aus eigener Überzeugung.“

Die Bauern müssen mitziehen

Auf diese setzt auch der Freistaat. „Wir können die Artenvielfalt nur dauerhaft erhalten, wenn wir auch die Grund-Eigentümer dafür gewinnen können“, sagt der bayerische Umweltminister Thorsten Glauber. Sein Ziel ist es, „blühende Bänder durch Bayern zu ziehen“. Dafür habe der Freistaat seit dem Volksbegehren 75 Millionen Euro zusätzliche Mittel und hundert neue Stellen für staatliche Berater zur Verfügung gestellt. Zudem wurden mehrere Projekte für den Artenschutz ins Leben gerufen.

Die Initiative „Blühender Betrieb“ etwa soll Unternehmen animieren, ihre Flächen blüh- und bienenfreundlich zu gestalten. Im Rahmen des Projekts „Natürlich Bayern“ sollen die Landschaftspflegeverbände Flächen der öffentlichen Hand, der Landwirtschaft und des Gewerbes zu artenreichen Lebensräumen für Insekten aufwerten.

Was sich in Augsburg tut

Und genau das passiert derzeit zum Beispiel in Augsburg. Hier hatten Kritiker der Stadt lange vorgeworfen, sie mähe die öffentlichen Grünflächen tot und trage damit zum Artenschwund bei. Nun legt der Augsburger Landschaftspflegeverband mitten in der Stadt neue Blühwiesen auf einer Fläche von 18 Hektar an – das ist etwas größer als der Augsburger Kuhsee. Die größte unter den Flächen mit 7500 Quadratmetern wird beim alten Gaswerk im Stadtteil Oberhausen entstehen. Ähnliche Projekte werden überall in Bayern umgesetzt.

Die Schutzgemeinschaft für den Neu-Ulmer Lebensraum erklärt ihr Engagement für Insekten auch anschaulich.
Bild: Alexander Kaya

Wenn Artenvielfalt aber langfristig erhalten werden soll, führt an den Landwirten kein Weg vorbei. Deshalb wird es auch finanziell gefördert, wenn Bauern Blühflächen anlegen – neben dem Bayerischen Vertragsnaturschutzprogramm gibt es hier etwa auch Geld aus dem Kulturlandschaftsprogramm von EU, Bund und Ländern. Hier schlossen Bayerns Bauern nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in diesem Jahr Verpflichtungen für knapp 3000 Hektar einjährige sowie für knapp 12.000 Hektar fünfjährige Blühflächen ab. Insgesamt bestünden damit knapp 4000 Hektar einjährige und über 19.300 Hektar mehrjährigen Blühflächen im Freistaat.

Warum Blühfläche nicht gleich Blühfläche ist

Längst nicht jede gut gemeinte Blühfläche erfüllt jedoch auch ihren Zweck, gibt der Landesbund für Vogelschutz (LBV) zu bedenken. Aus Sicht der Naturschützer müsse die Blühwiese beispielsweise mindestens fünf Jahre angelegt werden, um überhaupt naturschutzfachlich sinnvoll zu sein und tatsächlich einen Beitrag zum Artenschutz zu leisten. Außerdem müssten Blühflächen nicht extra eingesät werden: „Sie entwickeln sich allein durch den Nutzungsverzicht aus den im Boden vorhandenen und angewehten Samen.“

Im reinen Ackerland tragen die langfristig angelegten Blühflächen nach Ansicht des LBV aber durchaus zum Erhalt der Artenvielfalt bei. Problematisch und oft sogar kontraproduktiv sei es dagegen, wenn bestehende Vegetation umgebrochen werde, um dann an ihrer Stelle Blühflächen einzusäen, warnen die Naturschützer: „Damit helfen wir der Natur nicht, ganz im Gegenteil – wir zerstören so vorhandene wertvolle Biotopstrukturen.“

Das private Engagement der Menschen, etwa bei Blühpatenschaften, begrüßt der LBV trotzdem – empfiehlt allerdings: „Vor dem Abschluss einer Blühpatenschaft sollte aber jeder sicher gehen, dass sein Geld auch wirklich in den Artenschutz investiert wird.“

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03.07.2020

Meine Wiese im Vorgarten wird nicht mehr gemäht und blüht inzwischen in allen Farben. Das Einzige das ich jetzt nachgesäht habe ist Luzerne, denn die lieben nicht nur Biene und Co. sondern auch meine Kaninchen. Und in meine leeren Blumentöpfe im Vorgarten kamen Mariendistel-Samen.

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