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Bayern

23.07.2019

Ein Schulpsychologe für 1700 Kinder: Kann das wirklich gut gehen?

Ein Schulpsychologe soll für die Kinder an Bayerns Schulen da sein, wenn sie ein Problem nicht mehr loslässt. Doch die Zahl der Lehrer, die eine psychologische Zusatzausbildung haben, ist je nach Schulart stark schwankend.
Bild: Alexander Kaya (Symbol)

Plus Streit mit den Eltern, Lernstörungen, Depressionen: Bei Problemen sollen Experten Jugendlichen helfen. Doch es gibt zu wenig Personal. Wie ist die Situation?

Schulpsychologen sollen Vertrauenspersonen sein. Sie sollen Schülern bei kleinen und großen Krisen helfen, Eltern zuhören, die sich um ihre Kinder sorgen. Aber zum Zuhören braucht man Zeit. Und die haben Bayerns Schulpsychologen oft nicht.

Denn so ein Experte ist in Schwaben gleichzeitig für mehrere hundert Kinder zuständig. Am schlechtesten sind Grund- und Mittelschulen versorgt: Dort kommt durchschnittlich ein Schulpsychologe auf 1742 Kinder. An Realschulen kümmert sich ein Experte um 1335 Schüler. Am Gymnasium ist die Ausstattung am besten. Dort hat fast jedes schwäbische Haus seinen eigenen Psychologen, einer ist im Schnitt für 775 Schüler da.

„Es fehlt an allen Ecken und Enden“, solche Sätze hört man seit Jahren von Schulpsychologen im Freistaat. Sie klagen, dass die Versorgung „auf Kante genäht“ sei, dass Fälle von Kindern mit Problemen teils wochenlang liegen blieben. Schulpsychologen sind in der Regel Lehrer mit einer Zusatzausbildung. Neben ihrem normalen Unterricht fahren sie meist zwischen den Schulen in ihrem Zuständigkeitsbereich hin und her. Wie viel Zeit in der Woche sie für die psychologische Beratung aufwenden dürfen, ist unterschiedlich.

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Schüler wollen mehr Aufklärung über Depressionen

Seit ein paar Monaten bekommt der Umgang mit psychisch gefährdeten Kindern und Jugendlichen an Bayerns Schulen besonders viel öffentliche Aufmerksamkeit: Denn mehr als 43.000 Schüler haben im Frühjahr eine Petition oberbayerischer Abiturienten unterschrieben, die mehr Aufklärung über Depressionen an Schulen forderte – mit Erfolg.

Bildungspolitiker aller Parteien beauftragten das Kultusministerium mit einem Konzept, wie das Thema Depression künftig im Unterricht behandelt wird. Jetzt hat das Haus von Minister Michael Piazolo (Freie Wähler) einen Zehn-Punkte-Plan entworfen. In dem Papier, das unserer Zeitung vorliegt, heißt es unter anderem, dass jeder Lehrer ab dem kommenden Wintersemester zum Thema Depression geschult werden soll – wie genau, ist nicht näher definiert. Außerdem soll das Institut für Schulqualität und Bildungsforschung in Bayern nächstes Schuljahr „Möglichkeiten darstellen“, wie die Thematik in den Lehrplan aufgenommen werden kann. Im kommenden Schuljahr sollen die rund 900 Schulpsychologen in Bayern zudem Verstärkung von 100 weiteren Psychologen und Sozialpädagogen bekommen – das war vorher schon bekannt.

Ein Psychologe, mehr als 1700 Schüler: „Total schockierend“

Simone Strohmayr, SPD-Bildungsexpertin aus Stadtbergen im Kreis Augsburg, will ganz genau hinschauen, ob all die Punkte umgesetzt werden. Ein Psychologe auf mehr als 1700 schwäbische Schüler: Strohmayr ist „total schockiert“ von den bisherigen Zahlen, die ihre eigene Anfrage an das Kultusministerium zutage gefördert hat.

Der Alltag eines Schulpsychologen sieht meist so aus: Er berät bei Lernstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten oder wenn ein Kind Probleme daheim zu haben scheint. Aber er soll eben auch erkennen, wenn eine ernsthafte psychische Erkrankung vorliegt und laut Jobbeschreibung, wenn nötig, „außerschulische Therapieangebote vermitteln“. Mediziner schätzen, dass zwischen drei und zehn Prozent der Schüler zwischen zwölf und 17 Jahren depressiv sind. Bei etwa 70 Prozent aber bleibt die Depression unerkannt.

Simone Strohmayr, selbst dreifache Mutter, fordert angesichts dieser Statistik gegenüber unserer Redaktion einen „konkreten Stufenplan“, um die Stellen für Schulpsychologen in den kommenden Jahren „angemessen“ zu erhöhen. „Sonst greift die Zahl von Kindern mit psychischen Problemen schneller um sich, als Hilfe an den Schulen kommt.“

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar: Schüler mit Problemen brauchen gute Psychologen

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