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Rückblick aufs Jahrzehnt

30.12.2019

Energiewende im Atomstromland Bayern: Geht bald das Licht aus?

Das Atomkraftwerk in Gundremmingen. Block C soll Ende 2021 vom Netz gehen.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Die Nuklearkatastrophe in Fukushima leitete 2011 im Freistaat die Energiewende ein. Warum die Situation heute besser ist, als viele meinen.

Als im März 2011 ein Tsunami auf die japanische Küste traf und die Nuklearkatastrophe von Fukushima auslöste, gab dieses Unglück letztlich auch in Bayern den Startschuss für eine fundamentale Energiewende. Das war zu Beginn der Zehnerjahre. Und wie schaut es nun aus? Ist die Energiewende jetzt, zum Ende des Jahrzehnts, erfolgreich vollzogen worden? Viele zweifeln daran. Es gibt sogar Ängste, dass in Bayern bald die Lichter ausgehen könnten, weil die Stromversorgung nicht gesichert ist. Das renommierte Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen Prognos mit Sitz im schweizerischen Basel hat die Situation aktuell analysiert. Das Resümee: Die Situation im Freistaat ist beileibe nicht so schlecht wie viele denken.

Bayern war Atomstromland

Zu Beginn der Zehnerjahre war Bayern ein Atomstromland. Mehr als die Hälfte der weiß-blauen Stromerzeugung – 51,5 Prozent – wurden durch die fünf bayerischen Kernreaktoren Isar 1 und 2, Gundremmingen B und C sowie Grafenrheinfeld aufgebracht. Doch schon kurz nach dem GAU in Fukushima wurde Isar 1 vom Netz genommen, Mitte 2015 Grafenrheinfeld abgeschaltet – und Ende 2017 Gundremmingen B. Gundremmingen C soll Ende 2021 vom Netz gehen, Isar 2 Ende 2022.

Gehen bald also die Lichter aus? Die Lücke sollte bekanntlich rasch durch erneuerbare Energien geschlossen werden. Und natürlich ist in den vergangenen zehn Jahren auch in Bayern die Errichtung von Photovoltaik-Anlagen und Windkraftanlagen vorangegangen. Doch jeder weiß: Wenn es ziemlich bewölkt ist oder kein Wind weht, nutzen diese Pfeiler der Energieversorgung nichts.

Energiewende im Atomstromland Bayern: Geht bald das Licht aus?

Es gibt noch weitere Quellen erneuerbarer Energie

Was man gerne vergisst: Es existieren im Freistaat noch weitere wichtige Quellen erneuerbarer Energie: Wasserkraft und Biomasse. 14,4 Prozent der Stromerzeugung in Bayern wurden 2017 per Wasserkraft erbracht. Bei der Biomasse sind es immerhin 10,6 Prozent. Doch die beiden Energieträger reichen nicht aus, um die Lücke bei Wolken und Windflaute auszugleichen. Photovoltaik machte 2017 13,3 Prozent aus, Windkraft 5,4 Prozent. Insgesamt wurden 2017 in Bayern 44,1 Prozent des Stromes durch erneuerbare Energien erzeugt – deutlich vor der Kernkraft (36,8 Prozent), Erdgas (13 Prozent) und Steinkohle (4,5 Prozent).

Während in den vergangenen Jahren die Stromlücke bei Windflaute und bedecktem Himmel immer wieder dadurch geschlossen wurde, dass man Strom etwa aus Österreich dazu kaufte, musste ab dem Winter 17/18 für die Versorgung des Freistaates keine entsprechenden Verträge mehr mit dem Ausland geschlossen werden. Stattdessen legte die Bundesnetzagentur, die für die Versorgungssicherheit zuständig ist, fest, dass noch existierende, mit fossilen Energieträgern betriebene Kraftwerke wie etwa das Kraftwerk Franken in Nürnberg (Gas und Heizöl) als Reservekraftwerke vorgehalten werden müssen. Heißt: Sobald die erneuerbaren Energien an schlechten Tagen patzen, müssen diese Kraftwerke angeworfen werden. Darüber entstand denn auch die Debatte um das Gaskraftwerk in Irsching, eines der modernsten Europas. Und obwohl zwei noch in Betrieb befindlichen Blöcke des Kraftwerks die meiste Zeit still stehen, ist dennoch die Errichtung eines neuen Blocks in Irsching genehmigt worden. Er soll im Jahr 2022 in Betrieb gehen.

10H-Regel lähmt den Ausbau der Windenergie

Erschwerend kam beim Ausbau der erneuerbaren Energien natürlich hinzu, dass die CSU im November 2014 die sogenannte 10H-Regel einführte. Eine Windkraftanlage darf seitdem nicht näher an einer Wohnbebauung stehen als das Zehnfache seiner Gesamthöhe in Metern. Es sei denn, in der Gemeinde ist man sich einig, dass ein niedrigerer Abstand in Ordnung für die Kommune und ihre Menschen ist. Faktisch lähmt die 10H-Regel aber den Ausbau der Windkraftenergie erheblich.

Was bedeuten nun all diese Fakten für die Entwicklung der Energiewende in den Zehnerjahren? Verkürzt gesagt kann man es auf folgenden Nenner bringen: In Bayern ist man schon recht weit fortgeschritten, aber es langt noch längst nicht. Der Freistaat stopft die Lücken mit konventionellen Kraftwerken, die noch so lange nicht dicht gemacht werden dürfen bis endlich Hilfe aus dem Norden kommt. Denn: Etwa 2025 sollen die Stromautobahnen in den Süden – Suedlink und Suedostlink – fertig gebaut sein. Und Strom aus dem Norden der Republik, etwa von den Offshoreanlagen im Meer, in den Freistaat transportieren. Dort soll genug Energie produziert werden, dass es für alle reicht. Auch wenn in Bayern eben kein Wind geht und der weiß-blaue Himmel ausnahmsweise bewölkt ist.

Deutschland wie Bayern wäre nach der Energiewende dann weitgehend unabhängig von Importen konventioneller Energieträger für die Stromerzeugung aus dem Ausland. Gemeint sind Steinkohle (die wir ja selbst nicht mehr wie früher im großen Stil aus der Erde holen, weil es unrentabel ist), Gas und übrigens auch Uran. Bei Braunkohle wäre unser Land zwar nicht auf Importe angewiesen. Davon haben wir genug. Aber Braunkohle macht bekanntlich zuviel Dreck.

Ob die Energiewende nach Fertigstellung der Stromtrassen wirklich geschafft ist, wird sich wohl erst dann genau zeigen. Und Strom ist ja nur ein Teil des Energiebedarfs eines Landes. Beim Heizen und beim Tanken besteht ja nach wie vor und sicher auch noch lange eine riesige Abhängigkeit von Lieferungen aus dem Ausland.

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