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Urlauber aufgepasst: Auf Mallorca und Co. gilt ab Montag eine strenge Maskenpflicht
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Corona

19.06.2020

Grenzfall Tourismus: Österreich lockert, und die Allgäuer ärgern sich

Empfang mit Mundschutz: Noch müssen die Mitarbeiterinnen an der Rezeption des Hotels König Ludwig in Schwangau die Masken tragen.
Bild: Benedikt Siegert

Plus In Österreich ist die Maskenpflicht teils passé. Und ein paar Kilometer weiter? Über leere Saunen im Allgäu, Unterschiede im Supermarkt und die Frage, was richtig ist.

Die tief hängenden Wolken haben den Tegelberg verschluckt und Schloss Neuschwanstein in ein tristes Grau getaucht. Auf dem Forggensee dümpeln ein paar Boote vor sich hin, der Regen will nicht aufhören, auf die Wasseroberfläche zu plätschern. Drinnen, im Hotel König Ludwig in Schwangau, geht Florian Lingenfelder vorbei an der Teestube, der Kurs Lodge und dem Panorama-Ruhehaus, immer Richtung Schwimmbad. Lingenfelder öffnet die Tür, sagt: „Heute wäre man doch gerne hier.“

Zugegeben, man könnte es hier schon aushalten inmitten von 6600 Quadratmetern Spa-Bereich, im beheizten Innenpool, in einer der sieben Saunen – zumal bei elf Grad Außentemperatur und Dauerregen Mitte Juni. Nur, man darf es nicht. Nicht solange in Corona-Zeiten die Bayerische Staatsregierung Wellnessbereiche, Innenpools und Saunen geschlossen hält.

 

Grenzfall Tourismus: Österreich lockert, und die Allgäuer ärgern sich

Nun mag man sagen, die Aussichten für Florian Lingenfelder werden ja besser. Schon weil Ministerpräsident Markus Söder am Dienstag angekündigt hat, dass ab 22. Juni auch Hallenbäder, die Innenbereiche von Thermen und Hotelschwimmbäder samt Wellnessbereichen wieder öffnen dürfen. Und weil Lingenfelder inzwischen eine Sondergenehmigung beim Landratsamt Ostallgäu erwirkt hat, die ihm das schon am Freitag erlaubt. Nur: An diesem regnerischen Morgen hilft das dem Hotelgast im König Ludwig erst einmal wenig. Zumal das anderswo schon längst erlaubt ist.

Hotelchef Florian Lingenfelder sagt: „In der absoluten Grenzregion zu Tirol merken wir, dass sich das in einer Stornierungswelle niederschlägt.“
Bild: Benedikt Siegert

Also mussten Lingenfelder und seine 150 Mitarbeiter den Gästen bislang erklären, warum die Ludwig Schwitzalm, das Sissistüberl und das Neuschwansteiner Schwitzschloss geschlossen sind, warum die Gäste zwar in den beiden Außenpools, nicht aber drinnen, im Schwanenbad, ihre Bahnen ziehen durften. Und warum das ein paar Kilometer weiter kein Problem ist – in Baden-Württemberg etwa. Und in Österreich.

Corona an der Grenze: Manche stornieren und buchen stattdessen in Österreich

Im König Ludwig kommen die Hotelgäste zwar zurück, seit das Resort an Pfingsten wieder geöffnet hat. Im Juni dürften knapp 75 Prozent der 111 Zimmer ausgelastet sein, sagt Lingenfelder und nennt das „sehr zufriedenstellend“. Aber es gibt eben auch die, die anrufen und ihre Reservierung unter einem Vorwand löschen. Oder die, die bei der Stornierung offen einräumen, dass sie stattdessen lieber in Österreich gebucht haben – dort, wo die Corona-Auflagen schneller gelockert wurden. Lingenfelder, 35, der einen beigen Mundschutz zu Trachtenjanker und Jeans trägt, will nicht jammern. Aber ein Problem ist es trotzdem. „In der absoluten Grenzregion zu Tirol merken wir, dass sich das in einer Stornierungswelle niederschlägt“, sagt er. Und fügt hinzu: „Ich kann’s den Leuten ja auch nicht verübeln.“

 

Zu Beginn der Corona-Krise, als der Skiort Ischgl zu einem der Infektionsherde in Europa mutierte, waren die Österreicher schnell, was Beschränkungen und Auflagen betraf – und stets ein Vorbild für Söders Corona-Kurs. Nun, wo es um die Lockerungen geht, ist davon nicht mehr viel geblieben. Während man hierzulande auf die Maskenpflicht im öffentlichen Raum schwört, hat sich Österreich von der Verordnung verabschiedet.

Wer im König Ludwig in Schwangau eincheckt, wird an der Rezeption mit Mundschutz begrüßt. Die Mitarbeiterin, die die Koffer aufs Zimmer bringt, trägt Maske, genauso wie der Barmann, der in der schicken Lounge einen Kaffee unter Kronleuchtern anbietet. Für Hotelchef Lingenfelder ist das gar nicht das Thema. Er hält sich an die Auflagen – schon weil es darum geht, die Gesundheit der Gäste und Mitarbeiter sicherzustellen. Ihn stört, dass die Politik nun, wo es um Lockerungen geht, die heimische Hotellerie hintenanstehen lasse.

„Man tut jetzt alles dafür, dass der Flugtourismus anläuft, lässt deutsche Urlauber nach Mallorca, aber was den Tourismus im eigenen Land betrifft, da kasteien wir uns selbst.“ Für Lingenfelder heißt das, dass er den Service bewusst verschlechtern muss. Weil die Gäste keinen festen Platz mehr im Restaurant haben. Das Abendessen in zwei Schichten stattfinden muss. Wer um 18 Uhr kommt, muss spätestens um Viertel vor acht wieder den Tisch räumen. Lingenfelder schaut sich in der Stube um, schüttelt den Kopf. „Das hat schon was von einem amerikanischen Diner.“ Dabei seien es gerade die kleinen Dinge, die einen Urlaub in dieser Kategorie ausmachen – die Nüsschen und der Tee im Wellnessbereich, der Absacker in der schicken Hotelbar nachts um halb zwölf. Doch jetzt, in Corona-Zeiten, ist all das gestrichen.

Im Außenpool des Hotels trotzt ein Paar dem Regen, der jetzt in feinen Schnüren vom Himmel fällt. Vom Wasser aus kann man Schloss Neuschwanstein sehen. An der Rezeption lassen sich Gäste in Regenjacken die schnellste Busverbindung dorthin erklären. Wer ins Auto steigt, ist in ein paar Minuten dort – und ein paar Minuten später in Österreich. Das Navi meldet „Achtung, Landesgrenze!“ und die Verkehrsregeln, die im Nachbarland gelten. Um die neuen Corona-Regeln muss man sich selbst kümmern.

Im Supermarkt braucht man in Tirol keinen Mundschutz mehr

Die Frau an der Kasse zieht Nudeln, Schokolade und Getränke über das Band. Dann lächelt sie, es ist der erste Arbeitstag, an dem man es wieder sehen kann. „Hier in Österreich brauchen Sie keinen Mundschutz mehr, in Deutschland schon.“ Wer jeden Tag wie sie die paar Kilometer von Pfronten im Ostallgäu nach Grän ins Tannheimer Tal zum Arbeiten fährt, ist froh über die Lockerungen in Österreich. „Wenn man acht Stunden dieses Ding aufhat, kriegt man irgendwann keine Luft mehr. Und am Abend hat man Kopfweh.“

Obwohl, wer in einem bayerischen Supermarkt arbeitet, kann auch in ein paar Tagen wieder durchatmen. Von Montag an fällt auch hierzulande die Maskenpflicht im Supermarkt – allerdings nicht für Kunden, sondern für die Kassierer, sofern sie mit einer Trennscheibe abgeschirmt sind. Gleiches gilt für Hotelrezeptionen. Damit kommt man Österreich ein Stück näher.

 

Wer hier, in Haldensee im Tannheimer Tal, das Hotel Tyrol betritt, wird trotzdem mit Mundschutz begrüßt. Hotelchef Peter Schädle, 35, trägt ein helles Exemplar passend zur Jeans, dazu blaues Hemd und Turnschuhe. Und wie so oft in diesen Tagen erklärt er erst einmal, was erlaubt ist und was nicht. Dass in Österreich ein Mindestabstand von einem Meter reicht und nur, wenn dieser nicht eingehalten werden kann, der Mitarbeiter eine Maske tragen muss – nicht aber der Gast im Hotel oder im Restaurant. Dass der 3000 Quadratmeter große Wellnessbereich schon seit Pfingsten geöffnet ist – samt Panorama-Hallenbad, Stubensauna, Familien- und Gartensauna. Dass, selbst wenn das Tyrol wie jetzt an den Wochenenden mit 250 Gästen voll belegt ist, alle zeitgleich ins Restaurant können. „Es macht eben einen Unterschied, ob man 1,50 oder einen Meter Abstand halten muss“, erklärt Schädle, zuckt fast entschuldigend mit den Schultern und sagt: „Wir haben da einen klaren Wettbewerbsvorteil.“

Peter Schädle führt das Hotel Tyrol im Tannheimer Tal und profitiert von deutlich geringeren Beschränkungen. „Wir haben da einen klaren Wettbewerbsvorteil“, sagt er.
Bild: Sonja Dürr

Draußen, auf dem Parkplatz, stehen Autos mit Günzburger und Unterallgäuer Kennzeichen, mit Kennzeichen aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Ob so mancher seinen Urlaub in der Heimat storniert hat und lieber hierher kommt? So genau kann Schädle das nicht sagen, wohl aber, dass viele seiner Gäste verwundert sind, was hier erlaubt ist. Schädle führt durch den Wellnessbereich, begrüßt Urlauber im Bademantel, nickt denen zu, die in der Sauna sitzen. Ob er versteht, warum die Regelungen diesseits und jenseits der Grenze so unterschiedlich sind? „Ehrlich gesagt nicht. Aber unser Kanzler setzt eben ein Stück weit mehr auf die Eigenverantwortung der Menschen.“

Auch in Neu-Ulm und Ulm kennt man das Wirrwarr

Österreich hatte als eines der ersten Länder in Europa die Maskenpflicht eingeführt – zu einer Zeit, als das in Bayern noch kein Thema war. Und es ist ja auch anderswo so, dass die Geschwindigkeiten unterschiedlich sind. Im März hatten in Neu-Ulm die Eisdielen geöffnet, nicht aber in Ulm. Umgekehrt waren in Ulm die Baumärkte offen, nicht aber in Neu-Ulm. Während sich in Bayern bis Anfang der Woche nur Angehörige zweier Haushalte treffen durften, erlaubte Baden-Württemberg Feiern in Gaststätten mit bis zu 99 Personen. Der Ulmer Oberbürgermeister Gunter Czisch hat längst genug von den ständig wechselnden Vorgaben. „Ich schaue gerade keine ,heute-show‘ mehr an. Die Verordnungen reichen als Satire“, sagt der CDU-Mann.

Und dann ist da die Corona-Grenze zwischen Bayern und Thüringen, die mittlerweile eher einem Graben gleicht. Hier Ministerpräsident Söder mit seinem restriktiven Kurs, der sich gern als Mahner und Bremser gibt, dort der Linken-Politiker Bodo Ramelow, der Tempomacher, der bereits Ende Mai den Ausstieg aus den Kontaktbeschränkungen verkündete. Die Politik solle „nicht ständig mit Angst machenden Vorschriften um die Ecke kommen“, schimpfte er. Stattdessen müsse man den Menschen wieder mehr Eigenverantwortung zutrauen. In Thüringen heißt das: Empfehlungen statt Verbote, Regelmodus statt Krisenmodus. Und Söder? Sprach von einem „fatalen Signal“, nannte es „unverantwortlich“. Und sein Innenminister Joachim Hermann polterte: „Wir werden sicher nicht tatenlos zusehen, wie Ramelow große Erfolge im Kampf gegen das hochgefährliche Corona-Virus sorglos zunichtemacht.“

Hier, im Tannheimer Tal, ist man dem Allgäu bisweilen näher als dem Rest Österreichs – zumindest seit die Grenze wieder offen ist. Weil es nach Pfronten nur ein Katzensprung ist, nach Kempten eine Dreiviertelstunde. Nach Innsbruck, in die Hauptstadt Tirols, aber braucht man doppelt so lang. Aber was heißt das schon?

In Tannheim dreht die Bergbahn einsame Runden, nur wenige zieht es an diesem trüben Regentag aufs Neunerköpfle. An schönen Tagen aber sind die gelben Gondeln voll besetzt – einzige Bedingung in Österreich: Die Fahrgäste müssen Mundschutz tragen. Das ärgert so manchen im Allgäu, wo man die Bahnen nur zu einem Bruchteil auslasten darf. In den Kabinen der Pfrontener Breitenbergbahn ist nur eine Person oder eine Familie zugelassen, Platz wäre für vier Personen. In den Gondeln zum Tegelberg, wo sonst knapp 40 Passagiere befördert werden, erlaubt die Vorschrift nur noch 16. Kein Wunder also, dass, wer auf den Tegelberg will, an schönen Wochenenden auch mal ein paar Stunden Schlange steht.

Im Sonderangebot: 20 dreilagige Mund-Nasen-Schutzmasken für 10 Euro

Gut 20 Minuten braucht Christine Kreische von ihrem Wohnort im Oberallgäuer Wertach bis nach Tannheim. Aber hier, im österreichischen Supermarkt, gibt es das Olivenöl, das sie so gern mag. Außerdem ein Sonderangebot: 20 dreilagige Mund-Nasen-Schutzmasken für 10 Euro. Die Auslage ist voll, die Nachfrage gering. Die meisten, die hier einkaufen, tun es ohne Mundschutz. Auch Christine Kreische ist froh, dass das hier wieder möglich ist. „Unangenehm ist mir das mit der Maske. Das macht einfach keinen Spaß.“

Auf halber Strecke nach Pfronten gibt das Navi Laut. „Achtung, Landesgrenze!“ Dann noch einmal kurz vor Füssen. Dort spazieren Menschen mit Regenjacken, Schirm und Mundschutz durch die Fußgängerzone. Bei Mode Mundi trägt Bettina Germann ein schwarzes Exemplar mit einem breiten Smiley darauf. Nur jetzt zeigen dessen Mundwinkel nach unten, zu oft hat Germann die Maske heute schon auf- und abgesetzt. Ja, ein leidiges Thema, sagt die Frau mit dem blonden Pferdeschwanz. Daheim, im Tiroler Reutte, hat sie sich früh an den Mundschutz gewöhnt – beim Bäcker, bei der Post, beim Arzt –, eben weil dort die Vorschrift eher galt. Da war das in Füssen noch kein Thema. Jetzt ist es umgekehrt. „Dieses Hin und Her ist schon schwierig“, sagt Germann. Aber dass sich daran etwas ändert? Das glaubt sie nicht.

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