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Häusliche Gewalt
01.03.2021

Kerstin W. berät Betroffene: "Jede Frau kann in Gewaltbeziehung geraten"

Wenn Frauen Opfer häuslicher Gewalt werden, können sie sich unter anderem an die Augsburger Beratungsstelle via wenden.
Foto: B. Weizenegger (Symbol)

Plus Die 31-Jährige arbeitet bei einer Augsburger Beratungsstelle für Frauen, die Opfer von Gewalt werden. Hier schildert sie zwei Fälle, die ihr besonders nahegingen.

Kerstin W. ist eine von drei Sozialpädagoginnen, die bei der Augsburger Beratungsstelle via für von Gewalt betroffene Frauen arbeiten. Der Krisendienst der AWO ist rund um die Uhr unter der Rufnummer 0821/450 339 10 zu erreichen. Im Rahmen unserer Themenwoche "Häusliche Gewalt" schildert Kerstin W. ihre Erfahrungen. Eigentlich heißt die 31-Jährige anders. Aus Sicherheitsgründen haben wir ihren Namen geändert.

Ganz oft beginnen die Anruferinnen das Gespräch mit den Worten „Ich weiß gar nicht, ob ich bei Ihnen richtig bin“. Sie sind unsicher, ob das, was sie erleben, überhaupt als Gewalt einzustufen ist. Wenn sich eine Person verletzt fühlt, auch seelisch, dann ist es Gewalt. Wenn der Leidensdruck so groß ist, dass man bei einer Beratungsstelle anruft, dann steckt in der Regel etwas dahinter. Es wenden sich aber auch Frauen an uns, die Gewalt erleben, bei denen es schon einen Polizeieinsatz gab und die ganz konkret wissen wollen, welche Möglichkeiten sie haben, dem zu entkommen. Bei uns ist alles rund um das Thema Gewalt gelagert: körperliche, psychische und sexualisierte. Neben der Beratungshotline bieten wir auch persönliche Beratungen vor Ort in der Anlaufstelle an oder vereinbaren Termine für eine telefonische Beratung.

Natürlich dürfen sich auch Trans- oder Intersexuelle bei uns melden. Je nachdem, wie sich eine Person liest und wo sie sich wohlfühlt, kann sie bei der Frauen- oder der Männerberatung anrufen.

Der Großteil unserer Anruferinnen ist zwischen 30 und 40 Jahre alt, meist mit dem Täter verheiratet, oft sind gemeinsame Kinder im Spiel. Es kann sein, dass ein Telefonat nur kurz dauert. Es kann aber auch sein, dass wir die Anruferinnen anderthalb Stunden am Telefon beraten. Über das Ende eines Anrufs entscheidet die Klientin. In der Regel erzählt sie erst einmal. Wir fragen, welche Schritte schon unternommen wurden, und erklären, welche noch möglich sind.

Viele Frauen, die Opfer von Gewalt werden, rufen nicht die Polizei

Ganz viele Frauen, die Gewalt erleben, rufen nicht die Polizei oder gehen mit Verletzungen nicht zum Arzt. Vor Gericht steht dann oft Aussage gegen Aussage. Da haben wir schon die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, Beweise zu sammeln. Wir raten daher dazu, Verletzungen unbedingt zu dokumentieren – entweder selbst fotografieren oder zu einem vertrauensvollen Arzt gehen. Wir klären auch auf, wie ein Antrag nach dem Gewaltschutzgesetz abläuft. Darin können Frauen eine Wohnungsüberlassung beantragen, was bedeutet, dass der Täter die Wohnung verlassen muss. Zuletzt geschehen ist das im Fall einer 43-Jährigen, die uns kontaktiert hat. In diesem Fall bestand bereits ein 15-tägiger Platzverweis gegen den Mann, den die Polizei nach einem Übergriff ausgestellt hatte. Gleich im Anschluss ging es dann gerichtlich weiter, sodass er gar nicht mehr in die Wohnung zurückdurfte.

So ein Antrag geht aber auch dann schnell, wenn die Frau unbemerkt zu Gericht geht und ihn stellt. Er wird im Eilverfahren behandelt, ist also in der Regel innerhalb von ein bis zwei Wochen durch. Die Entscheidung wird dem Täter dann zugestellt, er muss sich mit der Polizei in Verbindung setzen, seinen Schlüssel abgeben und darf sich keinen Zutritt mehr zur Wohnung verschaffen. Wenn er das doch tut, sich vor dem Haus herumtreibt oder klingelt, ist wichtig, dass die Frauen dann sofort die Polizei rufen und solche Vorkommnisse immer konsequent melden. Das sind Straftaten, die – je nach Schwere – Bußgelder bis Gefängnisstrafen nach sich ziehen können.

 

Ich arbeite seit dreieinhalb Jahren hier in der Beratungsstelle. Zwei Fälle sind mir besonders im Gedächtnis geblieben:

Einer kam übers Telefon. Die Frau war in großer Not, sie hat ganz fest geweint. Die ersten Minuten habe ich sie kaum verstanden. Sie war mit dem Auto aus einer gefährlichen Situation geflohen. In unserem ersten Gespräch haben wir anderthalb Stunden gesprochen, bis ich sie stabilisieren konnte. Sie hatte ganz massive psychische Gewalt erlebt, Kontrolle, soziale Isoaltion, das volle Programm. Sie hat es dann aber geschafft, sich zu trennen, hat auch das Sorgerecht bekommen. Sie ist danach richtig aufgeblüht und hat in unseren Gesprächen regelmäßig von ihren Fortschritten berichtet und was sie sich jetzt wieder traut.

In einem anderen Fall hat eine junge Frau in meinem Alter sexualisierte Gewalt erlebt und wurde dabei schwer verletzt. Ich habe mich sehr mit ihrer Person identifizieren können. Kurz nach der Tat war sie bei uns, ihre Verletzungen konnte man in unserem Gespräch noch sehen. Sie hat ihre Geschichte damals ganz kühl erzählt, sehr distanziert. Sie hatte das Erlebte noch nicht verarbeitet, ihr schien nicht richtig bewusst zu sein, dass sie diejenige war, der das alles passiert ist. Ich habe sie letztlich in eine Therapie vermittelt, aber leider nicht erfahren, wie ihr Fall ausgegangen ist.

Oft werden Gespräche abrupt beendet - wahrscheinlich, weil der Täter heimkommt

Es gibt natürlich immer mal wieder Fälle, die uns mehr berühren als andere. Zum Glück gelingt es mir und meinen Kolleginnen aber in der Regel sehr gut, die Probleme, die uns geschildert werden, nicht mit nach Hause zu nehmen. Wenn man sich für diesen Bereich entscheidet, ist wichtig, dass man sich abgrenzen kann. Wir tauschen uns viel im Team aus, holen in Gesprächen auch mal eine Kollegin hinzu und können uns in regelmäßigen Supervisionen mit Außenstehenden über Fälle austauschen - natürlich in anonymisierter Form.

In den meisten Fällen bekommen wir leider nicht mit, wie die Geschichte einer Anruferin ausgeht. Viele Kontakte belaufen sich auf lediglich ein oder zwei Gespräche. Oft passiert es auch, dass ein Gespräch ganz abrupt beendet wird – schätzungsweise, weil der Mann, also der Täter, heimkommt. Da bleiben wir natürlich mit ganz vielen Fragezeichen zurück und hoffen, dass die Anruferin sich noch einmal meldet, wenn die Luft wieder rein ist. Aus Sicherheitsgründen rufen wir nicht zurück. Wir kontaktieren Frauen nur dann proaktiv, wenn wir von der Polizei informiert werden. Dabei erleben wir, dass viele Frauen sehr dankbar und froh über die Kontaktaufnahme sind und darüber, dass ihnen geglaubt wird.

Zu Beginn des ersten und zweiten Lockdowns gab es zunächst weniger Anrufe. Viele Männer waren tagsüber zu Hause, die Frauen hatten keinen Freiraum, zu telefonieren. Mit den Lockerungen kamen auch wieder verstärkt Anrufe. Auch die Thematiken haben sich durch Corona ein wenig geändert. Anruferinnen haben vermehrt von Sorgen um die Kinderbetreuung und finanziellen Sorgen berichtet. Im Zuge dessen haben sich auch einige die Frage gestellt, ob es statt einer Trennung doch besser ist, beim Partner zu bleiben, um den Lebensstandard beizubehalten.

Jede Frau kann in eine Gewaltbeziehung geraten

Vielleicht ist es auch ein Thema meiner Generation, aber ich habe den Eindruck, dass ich aufgrund solcher Erfahrungen persönlich noch stärker als mein Umfeld darauf achte, unabhängig zu sein, mein eigenes Geld zu verdienen und für mich allein vorzusorgen.

Zu uns kommen Frauen jeglichen Alters, aus allen sozialen Hintergründen, aus allen Berufsgruppen. Vor einer Gewaltbeziehung ist niemand geschützt, da würde ich mich selbst trotz meiner Arbeit nicht ausnehmen. Solche Beziehungen fangen ganz harmlos an und steigern sich nur langsam. Es ist sehr schwierig, den Punkt zu finden, an dem Taten zu Übergriffen werden, an dem Grenzen überschritten werden – vor allem, wenn man verliebt ist.

Wichtig ist, das Betroffene sich Zeit nehmen und reflektieren. Wichtig ist auch, gesamtgesellschaftlich nicht wegzuschauen, wenn wir bei anderen Personen Veränderungen bemerken. Oft hilft es schon, vorsichtig nachzufragen: „Du, mir fällt auf, dass du dich zurückziehst. Geht es dir gut?“ oder „Ich habe eine Verletzung bei dir bemerkt. Wie ist denn das passiert?“. Auch, wenn das Opfer die Hilfe in diesem Moment vielleicht noch nicht annehmen kann, merkt es, dass es gesehen, dass es nicht alleingelassen wird. Viele Frauen sagen rückblickend: „Ich hätte das doch merken müssen.“ Aber sie waren in diesem Moment verliebt! Und die Täter haben ja nicht nur ein negatives Gewaltpotenzial, sondern auch gute Seiten. Wenn diese Schuldfrage aufkommt, betonen wir, dass die Frauen das Beste gehofft haben und nicht Schuld sind, wie es ausgegangen ist. Es ist nicht das Opfer Schuld an der Gewalt, sondern der Täter, der sie ausübt.

Eine Trennung kann sehr, sehr gefährlich werden

Unsere Erfahrung zeigt, dass es eine der schwierigsten Situationen ist, eine Trennung auszusprechen. Gerade in Gewaltbeziehungen kann das sehr, sehr gefährlich werden. Daher empfehlen wir, das nie allein zu machen, sich nicht allein mit dem Täter zu treffen, immer eine Schutzperson mitzunehmen und das Haus zu verlassen, ohne dass der Täter es weiß. Vor Corona war das einfacher, als die Männer geregelt zur Arbeit gingen.

Wir begleiten Frauen auch auf ihrem Weg ins Frauenhaus. Vergangene Woche hatten wir einen anonymen Anruf, in dem die Anruferin ganz konkret wissen wollte, wie die Aufnahme abläuft und wo ein Platz frei ist. Wir haben die Möglichkeit, in einem Portal tagesaktuell freie Plätze in Frauenhäusern zu finden. In der Regel werden wir schon jeden Tag fündig – der Platz kann dann aber auch in Nürnberg, Murnau oder Aschaffenburg sein. Einige Frauen sind ganz froh, wenn sie nicht in Augsburg bleiben müssen. Andere können sich nicht vorstellen, ihr gewohntes Umfeld zu verlassen. Da ist es dann manchmal leider so, dass sie ein paar Tage warten müssen. In dieser Zeit ist es hilfreich, erst einmal bei einer Freundin unterkommen zu können, bevor ein Platz frei wird.

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