1. Startseite
  2. Bayern
  3. In Bayern leben und leiden hunderttausende Straßenkatzen

Tiere

19.09.2019

In Bayern leben und leiden hunderttausende Straßenkatzen

In der Region gibt es zu viele herrenlose Katzen. Sie verwahrlosen und stecken sich gegenseitig mit Krankheiten an, an denen sie oftmals zu Grunde gehen.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Es gibt zu viele streunende Katzen in der Region. Sie verwahrlosen und stecken sich gegenseitig mit Krankheiten an. Warum gibt es keine Kastrationspflicht?

Andreas Brucker kämpft gegen Windmühlen. Der Tierschützer möchte das Katzenleid auf Bayerns Straßen eindämmen. Die Streuner vermehren sich unkontrolliert und verbreiten untereinander Krankheiten. Auch in der Region tritt das Problem wieder verstärkt auf, bestätigt die Leiterin des Augsburger Tierheims. Aber die Katzenflut zu bekämpfen ist schier unmöglich - auch wegen der Uneinsichtigkeit mancher Katzenbesitzer.

Mancherorts wehren sich einige Besitzer regelrecht gegen eine Kastration, erzählt Brucker, der für den Bayerischen Tierschutzbund tätig ist. "In einem Dorf habe ich mal ordentlich ausgemistet und die nicht kastrierten Katzen eingefangen, um sie kastrieren zu lassen", sagt er. Ein Erfolg? Fehlanzeige. Jetzt gebe es dort dreimal so viele wie vorher. Der Grund: Ein Bewohner, der sich um einige der Katzen kümmert, hat Wind von seiner Aktion bekommen. Brucker sagt, dass er denjenigen kenne: "Er hat drei oder vier unkastrierte Tiere eingesperrt und später wieder freigelassen." Und prompt ging das Katzenelend von vorne los.

 

ecsImgBannerNewsletter250x370@2x-1315723864673274678.jpg

Unkastrierte Katzen vermehren sich explosionsartig

Erwischt Brucker nämlich nicht alle Tiere, vermehren sie sich aufs Neue rasend schnell. Katzen sind nach vier bis sechs Monaten geschlechtsreif. "Mit einem Wurf können fünf neue Katzen geboren werden, die ebenfalls nach kurzer Zeit trächtig sind. Dadurch explodiert die Population", sagt Brucker. Mit drastischen Folgen für die dann meist herrenlosen Katzen: Die Nahrung ist knapp, sie verwahrlosen und Krankheiten machen unter den Tieren die Runde. Bereits seit mehreren Jahren versuchen Tierschutzvereine die Situation zu verbessern. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland über zwei Millionen Streuner, in Bayern vermutet Brucker drei- bis fünfhunderttausend. "Bayern ist ein großes Bundesland mit weiten ländlichen Strukturen. Dort ist es schlimmer", sagt der 56-Jährige.

Die wildernden Tiere würden sich beispielsweise besonders gerne auf Bauernhöfen ansiedeln. Brucker, der früher selbst eine Landwirtschaft betrieben hat, sagt das nicht, um den Landwirten den schwarzen Peter unterzujubeln. Es sei schlicht so, dass es dort meist schon eine oder mehrere Hauskatzen und somit Futter gebe. Das lockt weitere Artgenossen an. Für die Bauern sei es aber zu teuer, die im Schnitt 100 Euro Kastrationskosten pro Tier zu stemmen. Da könne man keinem einen Vorwurf machen, findet der Tierschützer. Aber trotzdem sei eine Kastration notwendig und habe ausschließlich positive Effekte für die Tiere. "Die Katzen werden relaxter, sesshafter, das Fell verändert sich und sie sind nicht mehr so aggressiv gegenüber ihren Artgenossen. Dadurch geraten sie seltener in Raufereien, bei denen sie sich verletzen", sagt Brucker.

Schätzungen zufolge gibt es in ganz Deutschland etwa zwei Millionen streunende Katzen. In Bayern schätzen Experten die Zahl auf drei- bis fünfhunderttausend.
Bild: Julian Stratenschulte, dpa

Krankheiten bei Streunern: "Die Katze wird elendig daran verrecken"

Dem kann Sabina Gaßner, Geschäftsführerin im Tierschutzverein Augsburg, nur zustimmen. Sie weiß, was das Leben auf der Straße für die vernachlässigten, oftmals unkastrierten Katzen und Kater bedeutet. Ihr Tierheim nimmt jährlich rund 450 Katzen auf, ein Großteil davon sind Fundkatzen und nicht selten von Krankheiten gezeichnet. "Die Tiere haben verklebte Augen, Rotznasen oder die Augen treten teilweise schon aus den Augenhöhlen heraus", sagt Gaßner. Rotznase beziehungsweise Katzenschnupfen höre sich zwar niedlich an, sei aber ein gewaltiges Problem, für das die Tierschützerin deutliche Worte findet: "Die Katze wird elendig daran verrecken. Sie geht qualvoll und unter erheblichen Schmerzen daran zugrunde."

Wird im Augsburger Tierheim eine Fundkatze abgegeben, pflegt das dortige Team sie gesund, kastriert und vermittelt sie wenn möglich an ein neues Zuhause. Gaßner betont, dass es richtig und wichtig von besorgten Bürgern sei, das Tierheim auf unversorgte Streuner aufmerksam zu machen oder sie direkt selbst einzufangen und vorbeizubringen. Eine Gefahr für den Menschen durch eventuelle Krankheiten bestehe nicht. "Dafür müsste man schon auf extrem engen Kuschel-Kurs mit der Katze gehen, mit ihr in einem Bett schlafen oder Ähnliches", sagt Tierheim-Leiterin Gaßner.

Auch in Augsburg sind die vielen streunenden Katzen ein großes Problem

Wie akut die Katzenflut auch hier in Augsburg ist, zeigt die derzeitige Auslastung im Tierheim. "Wir können keine weiteren Katzen mehr aufnehmen", sagt Gaßner. Mit etwa 80 teils trächtigen Katzen sei die Einrichtung voll belegt. Damit sich an der Situation künftig etwas ändert, lautet Gaßners Appell, die Augen nicht vor streunenden Katzen zu verschließen. Stattdessen müssten Tierschutzvereine über die Aufenthaltsorte der Streuner informiert werden.

Einer dieser Tierschutzvereine ist beispielsweise Attis (Aktionsgemeinschaft der Tierversuchsgegner und Tierfreunde in Schwaben). Wie die stellvertretende Vorsitzende Marianne Schimmer-Ripperger erklärt, kümmere sich der Verein darum, herrenlose Katzen einzufangen und zu kastrieren. "In diesem Jahr ist es besonders schlimm", klagt Schimmer-Ripperger. Heuer habe der Verein bereits etwa 400 Tiere behandelt und kastriert. Im Schnitt sind es jährlich etwa 500 Kastrationen, schätzt sie. Hinzu kommen noch die vielen verletzten und kranken Tiere, die ebenfalls einen beträchtlichen Anteil ausmachen, sagt Schimmer-Ripperger. Im Anschluss versucht auch Attis die Katzen zu vermitteln.

Das ist aber nicht immer möglich: Katzen, die zu lange allein in freier Wildbahn gelebt hätten, müssten nach abgeschlossener Behandlung wieder in die Natur ausgesetzt werden. Zu groß sei die Skepsis und Zurückgezogenheit gegenüber Menschen. Daher betreut der Verein in der Region um Augsburg 20 Futterstellen, die täglich neu befüllt werden. "Es macht keinen Sinn, die Tiere für eine Menge Geld zu behandeln und anschließend wieder sich selbst zu überlassen", sagt die Attis-Mitarbeiterin. Denn der Verein muss mit seinen Ressourcen haushalten, da er sich ausschließlich über Spenden finanziert. "Am einfachsten wäre es, wenn die Leute ihre Tiere einfach kastrieren lassen würden", sagt Schimmer-Ripperger.

Rund 20 Futterstellen betreibt der Tierschutzverein Attis im Raum Augsbur, zu denen abends wild lebende Katzen zum Fressen kommen - wie diese Aufnahme einer festinstallierten Kamera zeigt.
Bild: Marianne Schimmer-Ripperger

Andere Bundesländer verzeichnen Erfolge mit der Kastrationspflicht für Katzenhalter

Eine Alternative dazu wäre, eine Kastrationspflicht einzuführen. Für Tierschützer Andreas Brucker führt an dieser Maßnahme sowie an einer Kennzeichnungspflicht kein Weg vorbei. Dafür seien die jeweiligen Kommunen und Gemeinden zuständig. Das Modell in Paderborn gilt in dieser Hinsicht als Vorzeige-Projekt. Vor mehr als zehn Jahren führte die Stadtverwaltung die Verordnung ein, dass Katzenhalter ihre Katzen ab dem fünften Lebensmonat kastrieren und durch eine Tätowierung oder einen Mikrochip kennzeichnen lassen müssen. Als Katzenhalter gilt auch, wer regelmäßig freilaufende Katzen füttert.

Andere Städte in ganz Deutschland zogen nach und verbuchen damit Erfolge. In Bayern sei man allerdings noch nicht so weit, sagt Brucker. Hier gebe es vereinzelt Gemeinden, die Pilotprojekte gestartet hätten. Er hofft, dass das Problem der Katzenflut auch hier möglichst bald flächendeckend angegangen wird. Solange setzt Brucker seinen Kampf gegen Windmühlen eben weiterhin gemeinsam mit seinen Tierschutz-Kollegen auf eigene Faust hin fort.

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

 

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren