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Aichach Friedberg

08.12.2016

In den Kreiskliniken landen weniger junge Komasäufer

Viele Jugendliche kennen ihr Maß beim Alkohol nicht und landen im Krankenhaus.
Bild: Alexander Kaya (Symbolfoto)

Jugendpfleger Matthias Matuschka führt dies auf funktionierende Präventionsprogramme zurück. Die Ärzte in den Kreiskrankenhäusern machen trotzdem oft erschütternde Beobachtungen.

Feiern gehen, tanzen, zu viel Alkohol trinken und in der Notaufnahme enden – das passiert Jugendlichen auch im Wittelsbacher Land regelmäßig. Laut einer Pressemitteilung der Krankenkasse DAK sind hier im vergangenen Jahr 51 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gekommen. Das ist im Durchschnitt einer pro Wochenende. Doch die Zahlen sind rückläufig, teilt die DAK mit. Im Vergleich zum Vorjahr waren es 3,8 Prozent weniger. Die Werte hat die DAK vom Bayerischen Landesamt für Statistik.

"Dass die Zahlen zurückgehen, können wir bestätigen", sagt Matthias Matuschka. Gleichzeitig ist die Zahl der jungen Leute gestiegen, die Hilfe vom Präventionsprogramm Halt (Hart am Limit) annimmt. Matuschka ist Jugendpfleger am Kreisjugendamt Aichach-Friedberg. Eine seiner Aufgaben ist es, Kinder und Jugendliche über süchtig machende Stoffe wie Alkohol oder Drogen aufzuklären und Prävention zu betreiben.

Die Projekte im Landkreis funktionieren

Dass es weniger Fälle gibt, ist für ihn ein Zeichen dafür, dass die Projekte im Landkreis funktionieren. Trotzdem ist das für ihn kein Grund, mit der Aufklärung kürzerzutreten – zumal der Rückgang von 3,8 Prozent nicht sehr hoch ist. "Wir müssen weiter am Ball bleiben. Außerdem bekommen wir beim Jugendamt nicht jeden Fall mit", sagt er. Die tatsächliche Zahl dürfte viel höher liegen.

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Seine Informationen dazu erhält das Jugendamt von der Caritas Augsburg, die das bundesweite Projekt Halt in der Region organisiert. Das spricht mit Jugendlichen, die mit einer Alkoholvergiftung in die Notaufnahme gekommen sind, und deren Eltern. Ihnen bietet Halt Hilfe in Form von Kursen oder Gesprächen an. Aber nur, wenn die Eltern dem zustimmen und in der Klinik eine Schweigerechtsentbindung unterschreiben, sagt Sabrina Stellner-Fietz von der Caritas. Sie organisiert Halt im Landkreis Aichach-Friedberg.

Eltern als Vorbilder

Auch das Krankenhaus in Friedberg nimmt mit Halt Kontakt auf, wenn die Eltern dem zustimmen. Die meisten sind bereit, dass die Kontaktdaten ihrer Kinder weitergegeben werden. Wie viele dann tatsächlich Hilfe bei Halt suchen, wissen die Ärzte allerdings nicht.

Warum viele junge Leute beim Trinken kein Maß kennen, kann Matthias Matuschka nicht pauschal sagen. "Dafür gibt es verschiedene Gründe. Viele können nicht abschätzen, wie viel sie vertragen. Außerdem spielt der Coolness-Faktor eine Rolle", sagt der Jugendpfleger. Das Bild des komasaufenden Jugendlichen möchte er aber nicht zeichnen. Matuschka sieht den Alkohol eher als gesellschaftliches Problem, weil es normal ist, bei Feiern Alkohol zu trinken. "Die Eltern leben das ja auch oft vor", sagt er.

Manche Ärzte sind erschüttert

Kommt ein Jugendlicher mit Alkoholvergiftung in die Notaufnahme nach Friedberg wird er dort erstversorgt. Die Jugendlichen bleiben dann über Nacht in der Klinik und schlafen sich auf der sogenannten Wachstation aus. Manche von ihnen seien so betrunken eingeliefert worden, dass jegliche Schutzreflexe fehlten, berichtet Chefarzt Dr. Albert Bauer. Der stellvertretende Leiter der Notaufnahme und seine Kollegen machen teilweise erschreckende Beobachtungen.

"Was uns erschüttert ist, wenn es Eltern mehr oder weniger egal ist", sagt Bauer. Insgesamt stellen die Ärzte aber fest, dass die Zahl der betrunkenen Jugendlichen in der Notaufnahme sinkt. Das könne daran liegen, dass es in der näheren Umgebung keine Diskothek mehr gebe, vermutet Bauer. Gleichzeitig seien manche Jugendliche noch stärker betrunken als früher – vielleicht, weil sie zuhause mit billigem Schnaps und Mixgetränken "vorglühen", statt Bier teuer in Lokalen zu kaufen.

Auch andere Drogen spielen eine Rolle

Um den Fällen betrunkener Jugendlicher vorzubeugen, gibt es das Projekt Klik (Klar im Kopf) des Landkreises. Die Initiative setzt dort an, wo Jugendliche einen Großteil ihrer Zeit verbringen: in der Schule. Für Zweit- und Drittklässler sowie Schüler der siebten und achten Klasse bietet das Projekt Unterrichtsmaterial zu Sucht und Gewalt an.

Alkohol spiele aber gar keine so große Rolle mehr wie in den Jahren zuvor, sagt Matuschka. "Das ist schon auffällig." Zurzeit interessierten sich Schulen mehr für den Bereich "Computer und Medien", erklärt er. Dabei geht es beispielsweise um Internetsucht oder Cybermobbing. Ein Thema, das auch immer häufiger aufschlägt, sind Designerdrogen wie Kräutermischungen oder das sogenannte Badesalz, an denen sich Jugendliche berauschen.

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