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Interview
26.09.2021

Virologe Hendrik Streeck: "Es wird keine Herdenimmunität geben"

Professor Hendrik Streeck sitzt in einem Labor seines Institutes. Der Virologe rechnet in Deutschland nicht mit einer Herdenimmunität gegen das Coronavirus.
Foto: Federico Gambarini, dpa

Exklusiv Der Bonner Virologe Hendrik Streeck widerspricht Bundesgesundheitsminister Spahn. Eine Herdenimmunität hält er nicht für möglich, da das Virus auch unter Geimpften übertragen werde.

Herr Professor Streeck, Sie gehören zusammen mit Professor Drosten zu den bekanntesten Virologen der Republik. Sie galten bislang immer eher als eine Art liberalerer Vertreter, was den Umgang mit der Pandemie angeht. Heißt also, Sie waren kein Verfechter strenger Maßnahmen. Wo stehen Sie jetzt?

Hendrik Streeck: Ich war kein Verfechter liberaler Maßnahmen, sondern ich war für differenzierte Maßnahmen und Pragmatismus. Die hat es aber nicht gegeben. Ich habe dafür plädiert mit dem Skalpell zu arbeiten und nicht immer wieder mit dem Hammer drauf zu hauen. Der generelle Lockdown etwa oder die Bundesnotbremse – das war zu allgemein, zu undifferenziert. Dabei hatte man zum Beispiel nicht im Blick, dass sozial schwächere Gruppen sich gar nicht an alle Regeln halten konnten, weil sie zum Beispiel keinen entsprechenden Platz, nicht genug Wohnraum haben.

Was würden Sie – Stand jetzt – denn anders machen?

Streeck: Deutschland ist bis heute in großen Teilen eine Datenwüste, Daten zur Pandemie werden nicht ausreichend erfasst. Das ist etwa in Großbritannien, Israel oder Katar anders, da werden sie systematisch erfasst. Wir brauchen gute Daten, um mit Corona umzugehen. Wir wissen zum Beispiel schlicht und einfach nicht, wie häufig Infektionen unter Geimpften vorkommen, da wir vollständig Geimpfte meistens nicht mehr testen. Dabei wäre das wichtig zu wissen – um einschätzen zu können, wie häufig Geimpfte das Virus weitergeben können.

Wie stehen Sie überhaupt zum Thema Impfen? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat jüngst gesagt, im kommenden Frühjahr ist die Pandemie vorbei – auch, weil dann Herdenimmunität besteht.

Streeck: Ich bin Impf-Fan, aber ich bin auch für 3G. Man muss den Menschen klipp und klar sagen: Die Impfung dient dem Eigenschutz. Ich kann durch die Impfung nicht mehr schwer erkranken. Aber ich kann Corona auch als Geimpfter weiter übertragen. Darum wird es durch die Impfung alleine auch – anders als das gerne gesagt wird – keine Herdenimmunität geben.

Sie leiten das Institut für Virologie an der Uniklinik Bonn. Welche ganz aktuellen Erkenntnisse zum Thema Covid können Sie uns nennen?

Streeck: Wir waren ja seinerzeit mit dem ersten großen Ausbruch von Corona in Deutschland im rheinischen Heinsberg befasst. Diese Daten haben wir nun noch einmal ganz aktuell neu ausgewertet. Mit faszinierenden Ergebnissen.

Welche sind das?

Streeck: Es befanden sich bei der Karnevalssitzung etwa 450 Menschen zwischen sechs und 79 Jahren in einem Raum. Alle hatten die gleiche Exposition mit dem Virus, aber nicht alle haben sich gleichermaßen infiziert. Kinder infizieren sich im Vergleich zu Älteren sehr viel weniger. Mit jeder Dekade Lebensalter steigt das Risiko, sich zu infizieren, um rund 28 Prozent. Wir wissen nun auch, dass vor allem die Lüftung für die Verbreitung des Virus verantwortlich war. Und dass sich Raucher weniger oft infiziert haben.

Wie bitte?

Streeck: Ja, in der Tat. Den Mechanismus kennen wir nicht, aber es gibt einige Spekulationen dazu: Erstens, der Rachen von Rauchern ist gereizter und dort gibt es deswegen auch mehr Immunaktivität, die es dem Virus sozusagen schwerer macht, eine Infektion zu etablieren. Eine andere Theorie ist ganz einfach: Raucher gehen zum Rauchen schlicht und ergreifend öfters vor die Tür ins Freie und verringern dadurch die Expositionshäufigkeit. Ich möchte aber betonen, dies sollte niemanden motivieren zu rauchen oder gar damit anzufangen. Wenn sich ein Raucher erst einmal infiziert hat, dann hat er nämlich ein viel größeres Risiko, schwer an Covid zu erkranken.

Was macht aus Ihrer Sicht das Thema Medikamente gegen Covid? Wird da genug getan?

Streeck: Da muss mehr getan werden. Wir haben nach wie vor große Probleme, einigen Viren überhaupt medikamentös zu begegnen. Wenn wir da voran kämen, würde uns das sicher nicht nur bei Corona helfen, sondern etwa auch bei den lästigen Herpesviren – um nur ein Beispiel zu nennen.

Mit welchem Impfstoff haben Sie sich impfen lassen und warum?

Streeck: Ich musste mich, weil wir mit Viren arbeiten, sehr früh impfen lassen und konnte mir den Impfstoff nicht aussuchen. Ich erhielt damals das Vakzin von Moderna. Bei der zweiten Impfung hatte ich Fieber, das aber wieder abklang.

Wann ist aus Ihrer Sicht die Pandemie vorüber?

Streeck: Die Pandemie geht ja gerade in eine Endemie über, also in einen Zustand, wo das Virus zwar noch da ist, aber die meisten Menschen eine Immunität haben und somit das Virus weniger gefährlich wird. So wie viele andere unserer Erkältungsviren. Ich denke auch, dass wir auf diesem Weg schon weiter sind, als derzeit kommuniziert wird. Wir haben eine Impfquote von 67 Prozent, aber bei den über 18-Jährigen sind es dann doch fast 80 Prozent. Rechnet man die Genesenen dazu, sind es fast 90 Prozent. Statt nun den Fokus auf Kinder und deren Impfung zu legen, sollte man verstärkt darauf schauen, dass man noch so gut wie alle impft, die über 60 sind. Ich denke, damit können wir dem Virus schneller den Schrecken nehmen.

Sie haben in Augsburg am medizinhistorischen Kongress der Fuggerstiftungen teilgenommen und saßen dort auf dem Podium. Was haben Sie dort gesagt?

Streeck: Ich habe über Lehren aus der Pandemie gesprochen. Nämlich, dass das Gesundheitssystem resilienter werden muss. Ich habe enormen Respekt für die Menschen, die im Gesundheitssystem und der Pflege arbeiten und tagtäglich einen physischen und psychischen Knochenjob leisten. Trotzdem bin ich der Meinung, dass das Gesundheitssystem der Gesellschaft „zu dienen“ hat und nicht andersherum. Demografischer Wandel, Pandemien und so weiter, das alles sind dauerhafte Belastungen, weswegen wir nicht dauerhaft und regelmäßig das Land herunterfahren können. Das Gesundheitssystem muss leistungsfähiger und krisenfester werden, auch zuerst, um die Mitarbeitenden zu schützen. Und vor allem müssen diese Jobs besser bezahlt werden.

Professor Drosten war Ihr Vorgänger in Bonn, bevor er nach Berlin wechselte. Ihr Verhältnis gilt inzwischen als angespannt, angeblich sprechen Sie nicht mehr miteinander. Könnten Sie sich vorstellen, mit ihm einmal wieder einen Kaffee zu trinken? Immerhin sind Sie ja per Du.

Streeck: Ja, natürlich. So etwas ergibt sich normalerweise auf Konferenzen, diese Gelegenheit hatten wir aufgrund der Pandemie nicht.

Aber jüngst hat die Bild-Zeitung behauptet, Drosten habe Sie 2020 in die Nähe der „Querdenker“ gerückt und Sie so aus der Beratungskommission für die Bundesregierung herausgedrängt? Sind Sie da nicht verärgert?

Streeck: Seitdem das vor einigen Wochen bekannt wurde, hat sich noch keine Gelegenheit ergeben, miteinander zu sprechen. Aber ich bin kein nachtragender Typ. Also noch einmal: Ja, ich würde mit ihm einen Kaffee trinken gehen.

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