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Bauernhof bei München

22.06.2009

Kühe klonen im Kampf gegen Krebs

Kühe klonen im Kampf gegen Krebs: In der Nähe von München werdengeklonte Kühe gehalten. Aus ihren Körpern kommt ein Anti-Krebs-Mittelfür den Menschen.
Bild: Manuela Mayr

Kühe klonen im Kampf gegen Krebs: In der Nähe von München werden geklonte Kühe gehalten. Aus ihren Körpern kommt ein Anti-Krebs-Mittel für den Menschen. Von Manuela Mayr

Von Manuela Mayr

München - Gemolken werden nicht die Kühe, sondern die Kaninchen. Die Kühe dagegen müssen regelmäßig Blut spenden. Auf dem Bauernhof von Professor Gottfried Brem läuft vieles anders als in einer gewöhnlichen Landwirtschaft.

Dabei sieht alles ziemlich normal aus in diesem idyllischen Ort im Norden von München. Ein stattlicher Maibaum überragt das Anwesen. Blühende Stauden, ein kleines Gewächshaus und ein Grillplatz mit schönem Blick auf Wald und Wiesen lassen auf eine private Nutzung schließen. Wären da nicht die Wegweiser mit der Aufschrift "Agrobiogen", käme wohl niemand auf die Idee, dass die Gebäude auf dem Hügel eine Forschungsfirma mit 35 Mitarbeitern beherbergen.

Und dass es sich bei dem Vieh im offenen Laufstall um ganz besondere Tiere handelt, fällt sicher auch nicht jedem auf. Wer Erfahrung hat mit Gesichtern von Rindern, erkennt wahrscheinlich, dass viele in dieser Herde sich verblüffend ähnlich sehen. "Rosa" ist der Name einer ganzen Serie von Fleckvieh-Kühen mit identischem Erbgut. Sie sind Klone wie einst das schottische Schaf "Dolly" - mehr noch: Sie sind transgene Klone. Das heißt, das kopierte Erbgut der Zelle, aus der sie hervorgegangen sind, enthält ein artfremdes Genkonstrukt.

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"Ein normales Tier zu klonen, ist für die Biotechnologie langweilig", sagt ihr "Schöpfer", der Veterinär, Landwirt und Biotechnologe Brem. Dem freundlichen Mann mit dem Vollbart und der barocken Figur geht es um weit mehr als um eine Spielerei mit dem Baukasten der Natur. Er will helfen, schwarzen Hautkrebs (Melanom), der Metastasen bildet, und das Glioblastom, einen Gehirntumor, zu heilen - "ein irrsinniges Problem, dem wir nahezu hilflos ausgeliefert sind", so Brem. Die Rinder und die Kaninchen auf seinem Hof tragen ein mögliches Mittel dagegen im Körper - sogenannte "bispezifische Antikörper".

Dass diese in der Lage sind, menschliche Melanomzellen zu erkennen und zu zerstören, sei durch Versuche mit Zellkulturen bewiesen. Jetzt gehe es darum, denselben Effekt im Immunsystem von Patienten zu erzielen, bei denen der Krebs bereits gestreut hat.

Die erste Phase der klinischen Prüfung, in der eventuelle Nebenwirkungen abgeklärt werden, laufe bereits. In eineinhalb bis zwei Jahren könnte das Medikament die ersten beiden Phasen der klinischen Prüfung absolviert haben, hofft Brem.

Die Tiere dienen als "Biogeneratoren" zur Herstellung der bispezifischen Antikörper. "Pharming" nennt man das, was er macht - eine Wortkombination aus "Farm" und Pharmazie. Bei den Kaninchen will Brem die Antikörper eines Tages aus der Milch gewinnen, die Rinder haben sie bereits sicher im Blut. Sechs- bis siebenmal im Jahr werden sie deshalb zur Ader gelassen. Aus der Halsvene zapft der Tierarzt jeweils vier bis fünf Liter Blutplasma ab - eine Prozedur, die mit der Blutentnahme aus der Armvene des Menschen vergleichbar sei.

Die Ausbeute beim Rind sei vergleichsweise hoch: 100 Milligramm Antikörper pro Liter Blut, gegenüber nur einem Milligramm bei der Herstellung in Zellkulturen. Deshalb kam Brem, der Tiermediziner, schließlich als Partner der humanmedizinischen Forschung an den Universitäten München und Tübingen ins Spiel.

Drei Generationen von Rindern mit bispezifischen Antikörpern sind seit 2002 herangewachsen: eine Herde von 25 Tieren, darunter eine ganze Schar munterer Kälbchen, die durch natürliche Fortpflanzung - nach der Belegung durch einen transgenen Stier - geboren wurden. Es sind die Nachfahren einer Zelle, die Brem aus dem Fötus einer Schlachtkuh gewonnen hat.

Wie er es im Labor geschafft hat, diese um das Gen zur Produktion der bispezifischen Antikörper zu ergänzen, erklärt der Professor wortreich - auch wenn sein Gegenüber ihm nicht folgen kann. Von "Faszination" ist immer wieder die Rede - der Faszination, dass es möglich ist, aus einer Zelle ein komplettes Lebewesen zu generieren. "Vor 20 Jahren hätte man das noch nicht für möglich gehalten", sagt er.

Vor gut zehn Jahren, am 23. Dezember 1998, wurde "Uschi" geboren, das erste Klonkalb nach "Dolly". Jetzt ist sie eine alte Dame, die weiter hinten in der Herde steht. Den Zuschauern kehrt sie ihr knochiges Hinterteil zu.

Ungefragt spricht Brem auch ethische Fragen an. Beim Menschen wäre das Klonen "ein Verbrechen", sagt er ganz klar. Anders bei Nutztieren: "Solange wir sie schlachten, um Lebensmittel daraus zu machen, dürfen wir sie auch zur Gewinnung von Medikamenten nutzen." Wichtig sei nur, dass die Tiere gut gehalten werden.

Rosa sei es egal, dass ein Klon neben ihr steht: "Tieren fehlt die Erkenntnis der eigenen Herkunft und Zukunft", sagt er, während er die Katze krault, die um seine Beine streicht. Der kleine Tiger, erzählt Brem, erkenne seine eigene Mutter nicht mehr als solche, obwohl er mit ihr im gleichen Haushalt lebt.

Und außerdem: Selbst Klone gleichen sich nicht wie ein Ei dem andern. "Kopiert wird nur die DNA der Zelle, alle Umwelteinflüsse sind individuell", sagt der Veterinär. Schon während der Schwangerschaft sei jeder der heranwachsenden Föten im Bauch der Leihmutter anderen Einflüssen ausgesetzt.

Nicht nur das Verhalten von Klonen unterscheidet sich, auch das Aussehen kann variieren. Von den drei Rosas in der ersten Box zum Beispiel haben nur zwei eine dunkle "Brille". Der mittleren fehlt an einem Auge die dunkle Umrandung.

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