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Interview

04.04.2011

Landesbischof Friedrich: Aufgabe ist die Missionierung im eigenen Land

Zwölf Jahre lang war Johannes Friedrich evangelischer Landesbischof in Bayern. Jetzt gibt er sein Amt auf, es wird ein Nachfolger gewählt.
Foto: Peter Steffen/dpa

Warum die Menschen die Kirche brauchen, wo es in der Ökumene hakt und warum der Papst Martin Luther positive Seiten abgewinnen sollte. Ein Gespräch mit Landesbischof Johannes Friedrich vor der Wahl.

Seit April 1999 ist Johannes Friedrich evangelischer Landesbischof in Bayern. Eine fordernde Zeit für den gebürtigen Westfalen. Zwar endet die Amtszeit erst am 31. Oktober, aber bereits heute wird Friedrichs Nachfolge geregelt. Wir haben uns mit dem 62-Jährigen darüber unterhalten, was ihm gelungen ist und was er nicht geschafft hat. Und der Theologe sagt im Gespräch mit unserer Zeitung, was auf die Kirche als Kernaufgabe zukommt: die Missionierung im eigenen Land.

Wie fanden Sie die evangelische Landeskirche 1999 vor? Und in welcher Verfassung ist Sie jetzt?

Friedrich: Wir können in einem Punkt ganz stolz sein, das ist die finanzielle Situation. Wir hatten schon als es losging mit meiner Bischofszeit immer wieder Einsparungen. Wir haben es ab 2003 geschafft, die Ausgaben um 90 Millionen Euro abzusenken. Das hilft uns jetzt sehr. Im Moment können wir mit den Kirchensteuern unsere Aufgaben gut bewältigen. Und können sogar noch Gelder in zukunftssichernde Maßnahmen stecken.

Was war schwierig am Sparkurs?

Friedrich: Wir haben eigentlich nichts gefunden, was überflüssig oder unnötig wäre. Wenn wir künftig etwas aufgeben müssen, wird es schmerzen – nicht nur wegen der Mitarbeiter, sondern auch, weil dann bestimmte Arbeitsbereiche nicht mehr geleistet werden können. Ich bin aber sicher, dass auch in Zukunft das Verhältnis von Gemeindemitgliedern zu Pfarrer nicht schlechter werden wird, als es jetzt ist. Dazu haben wir einen Beschluss im Landeskirchenrat gefasst.

Wie ist das Verhältnis jetzt?

Friedrich: Eins zu 1600. Damit stehen wir im Vergleich mit der katholischen Kirche sowieso gut da, aber auch verglichen mit anderen Landeskirchen in der EKD kann sich das durchaus sehen lassen.

Ihnen ist die Ökumene ein besonderes Anliegen. Wo stehen wir im Jahr 2011?

Friedrich: Alles in allem ist der Zustand der Ökumene, insbesondere mit der römisch-katholischen Kirche, sehr gut. Wir sind soweit, dass wir auch Konflikte schnell und gemeinsam lösen können.

Aber es klappt doch längst nicht alles reibungslos.

Friedrich: Wir sind uns auch bei den Lehrgesprächen nahe gekommen, haben aber ein paar ungelöste Fragen, etwa ein unterschiedliches Verständnis vom Bischofsamt. Davon hängt auch das unterschiedliche Verständnis von Eucharistie ab. Dieses Problem werden wir meiner Ansicht nach voraussichtlich auch in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren nicht so lösen, dass wir eine Abendmahlsgemeinschaft haben werden. Das bedeutet aber nicht Stillstand in der Ökumene.

Ist Papst Benedikt XVI. gegenüber ökumenischen Bestrebungen aufgeschlossen?

Friedrich: Mein Eindruck ist, dass dieser Papst der Ökumene freundlich gesonnen ist. Ihm liegt an einem guten Verhältnis.

Eine persönliche Begegnung zwischen einer Delegation der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands mit Ihnen an der Spitze und dem katholischen Papst hat es erst am 24. Januar in Rom gegeben. An dieses Treffen hatten Sie Erwartungen geknüpft, was die Person Martin Luthers anbelangt. Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Friedrich: Ich habe die Hoffnung, dass wir das Lutherjahr 2017 nicht als rein evangelisches Jubiläum feiern. Es ist dem Stand der Ökumene angemessen, dass wir gemeinsam überlegen, wie die Reformation und das, was darauf folgte, unsere beiden Kirchen verändert hat. Ich erhoffe mir von der katholischen Kirche eine konstruktiv-kritische Würdigung des Wirkens Martin Luthers. Auch aus katholischer Sicht könnte man viel Positives über diesen Mann sagen.

Was heißt konstruktiv-kritisch?

Friedrich: Das heißt, dass man auch sagen sollte, dass Martin Luther in bestimmten Punkten recht hatte. Man muss als katholische Kirche Luther ja nicht gleich heiligsprechen.

Was muss die evangelische Landeskirche in den nächsten Jahren beachten?

Friedrich: Die größte Aufgabe ist die Missionsarbeit im eigenen Land. Wir haben ja in Bayern inzwischen mindestens so viele Menschen, die keiner christlichen Konfession angehören, wie es Evangelische gibt. Wir haben viele Ungetaufte, insbesondere auch aus den östlichen Bundesländern. Ich glaube, dass es für die Menschen wichtig ist, dass sie das Evangelium Gottes erfahren. Das kann für ihr Leben von großer Bedeutung sein.

Offenbar schaffen es viele Menschen, auch ohne Kirche, ohne Glauben durchs Leben zu kommen.

Friedrich: Die Frage ist, ob das auch in Krisensituationen wirklich hilft und nützt. Solange es einem gut geht, meint man, darauf verzichten zu können. Ich möchte Ihnen ein persönliches Beispiel nennen: Vor Jahren waren wir auf einem Dekankonvent im Ausland, da ist einer meiner Kollegen gestorben. Er wurde im Keller der Klinik aufgebahrt, unter Versorgungsrohren, in einer fürchterlichen Umgebung. Und wir hatten die Chance, dort miteinander zu beten, das Wort Gottes zu hören und zu singen. Ich dachte: Welch tolle Möglichkeit ist das in einer für uns alle erschütternden Situation. Wie schrecklich muss es für Menschen sein, die eine solche Möglichkeit nicht haben.

Welche Herausforderung gibt es für die Kirche noch?

Friedrich: Das Gespräch mit dem Islam zu führen und Muslime zu unterstützen, die ihrerseits im Land ankommen wollen oder angekommen sind. Es geht darum, mit ihnen zusammen sich dafür einzusetzen, dass es einen Dialog zwischen den Religionen gibt, der wirklich auf Augenhöhe passiert und der auf der Grundlage unserer Grundrechte geschieht.

Drei Kandidaten wollen Ihnen nachfolgen. Haben Sie einen Favoriten?

Friedrich: Nein. Und wenn ich einen hätte, würde ich es Ihnen nicht sagen. Alle drei sind hervorragende Leute. Wir werden am Montagabend einen guten neuen Landesbischof oder eine gute neue Landesbischöfin haben.

Interview: Till Hofmann

Vom Wahlvorschlag bis zur Amtseinführung des neuen Landesbischofs

Bewerben kann man sich nicht um dieses Amt. Die Kandidaten zur Wahl des bayerischen evangelischen Landesbischofs werden vorgeschlagen. Vor Synodalen, Kirchenvorständen, Pfarrkapiteln und Dekanatsausschüssen können Einreichungen kommen.

Die Präsidentin der Landessynode, die Ingolstädter Richterin Dorothea Deneke-Stoll, beruft einen Wahlvorbereitungsausschuss ein, der die Vorschläge sichtet. Wenn mindestens 25 Synodale einen Kandidaten, eine Kandidatin unterstützen, muss diese Person berücksichtigt werden.

Erstmals haben die drei Arbeitskreise der Landessynode, die für verschiedene kirchliche Richtungen stehen, eine gemeinsame Vorschlagsliste erstellt; von den fünf Kandidaten erklärten zwei ihren Verzicht, nämlich der Rektor der Augsburger Diakonissenanstalt, Heinrich Götz und der Nürnberger Regionalbischof Stefan Ark Nitsch.

Die verbliebenen drei Kandidaten durften für sich keinen Wahlkampf betreiben. Es gibt auch keine Vorstellung in der Landessynode.

Am heutigen Wahltag werden die 108 Mitglieder der Landessynode jeweils namentlich zur Abstimmung aufgerufen. Die Wahlkabine steht vor den Altarstufen in der Münchner Bischofskirche St. Matthäus. Die Sitzung beginnt um 9 Uhr.

Im 1. und 2. Wahlgang muss die Zweidrittelmehrheit erzielt werden, im 3. Wahlgang genügt die absolute Mehrheit. Erreicht auch im 6. Wahlgang kein Kandidat die erforderliche Mehrheit, muss ein ganz neuer Wahlvorschlag aufgestellt werden.

Der neue Landesbischof für die rund 2,6 Millionen Protestanten wird am 30. Oktober ins Amt eingeführt. (loi)

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