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Dillingen

12.02.2019

Lange Busfahrten: Wenn der Schulweg zur Qual wird

Auf dem Land sind Schüler oft ewig unterwegs, um rechtzeitig zum Unterricht in der Schule anzukommen. In manchen Orten fährt nur ein einziger Bus.
Bild: Jan Woitas, dpa

Schüler sitzen in der Region zum Teil stundenlang täglich im Bus - und Schulwege könnten in Zukunft noch länger werden.

Eine zweite Chance hat Luisa Schön morgens nicht. Denn von ihrem Zuhause in Zöschingen im Landkreis Dillingen bis zu ihrer Schule gibt es nur einen Linienbus – Abfahrt: 6.40 Uhr. Luisas Morgen ist durchgetaktet. Gegen 5.45 Uhr steht die Neuntklässlerin auf. 45 Minuten später verlässt sie das Haus. Zehn Minuten zur Haltestelle, 40 Minuten im Bus – gegen 7.20 Uhr ist die 15-Jährige meist in ihrer Schule in Dillingen. Unterrichtsbeginn ist um fünf vor acht. Jeden Tag verbringt Luisa so knapp eineinhalb Stunden unterwegs, mindestens.

Wie ihr geht es vielen Kindern in ländlichen Regionen, immerhin ist der Linienbus eines der Haupttransportmittel für Schüler. Doch es könnte schlimmer sein. Denn eine gesetzliche Grenze, wie lang ein Schulweg maximal dauern darf, gibt es in Bayern nicht. Lediglich das ist geklärt: Die Landkreise müssen dafür sorgen, dass Kindern ein öffentliches Verkehrsmittel zur Verfügung steht, wenn sie von ihrer weiterführenden Schule mehr als drei Kilometer entfernt wohnen. Einzelne Landkreise setzen sich dabei selbst Grenzen: In Dillingen beispielsweise soll eine Fahrt für Grundschüler nicht länger als 45 Minuten dauern, an weiterführende Schulen maximal 60 Minuten. Im Landkreis Augsburg gilt für alle Klassenstufen das Ziel, nicht länger als eine Stunde im Bus verbringen zu müssen.

Die Gänge des Schulbusses sind immer voll

Viel Zeit also, die Kinder auf dem Weg zur Schule verlieren. Luisa hört während der Fahrt Musik. „Was Sinnvolles kann man solange eh nicht machen.“ Hausaufgaben, lernen? Nicht möglich. Denn der Bus ist immer voll besetzt, auch die Gänge. Die Neuntklässlerin ist sich sicher: „Man könnte locker einen zweiten Bus vollkriegen.“

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Warum nicht einfach neue Verbindungen geschaffen werden? Das Beispiel Dillingen zeigt, dass das nicht immer einfach ist. Denn dann müssten sehr viele Orte mit Einzelverbindungen extra angebunden werden, heißt es beim Landratsamt. Das verursache jedoch zusätzliche Kosten.

Sinkt die Schuldichte, wird der Schulweg weiter

Doch auch das ist Fakt: Wenn die Schuldichte weiter abnimmt, könnten sich die Fahrzeiten für viele Kinder verlängern: Während die Zahl der Schüler in Bayern zwischen 2007 und 2017 von 1,4 auf 1,2 Millionen zurückging, sank auch die Zahl der Schulen, wenn auch nicht im gleichen Maße. Denn im selben Zeitraum wurden je 25 Realschulen und Gymnasien eröffnet, während 170 Mittelschulen geschlossen wurden. Müssen Mittelschüler also bald weitere Wege auf sich nehmen? Wahrscheinlich. Offiziell bestätigt wird das jedoch nicht. Im Kultusministerium verweist man auf Nachfrage lediglich auf die Landkreisverwaltungen, die für die öffentlichen Verkehrsmittel zuständig sind.

Dass die langen Fahrzeiten nicht spurlos an den Schülern vorbeigehen, zeigt ein weiteres Beispiel aus Zöschingen. Birgit Schön (nicht mit Luisa Schön verwandt) erzählt von Konzentrationsproblemen ihrer Tochter Sofia. Die fährt im selben Bus wie Luisa nach Dillingen. Die Belastung, so die Mutter, merke man der Sechstklässlerin definitiv an. „Mit der Fahrt im Bus haben die Kinder fast einen Achtstundentag. Nur: Wenn sie daheim ankommen, müssen sie noch lernen.“ Ein Mal pro Woche holt Schön ihre Tochter deshalb von der Schule ab. Mit dem Auto braucht sie nur knapp 20 Minuten. Zwar sei die Anbindung Zöschingens an das öffentliche Verkehrsnetz erst vor kurzem verbessert worden, gebracht habe das den Kindern aber nur wenig.

Manchmal kommt die 15-Jährige erst um 17.30 Uhr nach Hause

Auch Luisa kennt das. Wenn sie nachmittags Unterricht hat, kommt die 15-Jährige erst gegen 17.30 Uhr nach Hause, nach einer Stunde im Bus. „Wenn meine Klassenkameraden aus Dillingen gegen 18 Uhr mit Lernen aufhören, fange ich erst an“, sagt sie. Viele ihrer Bekannten besuchen deshalb eine näher gelegene Realschule, obwohl sie auch aufs Gymnasium gehen könnten.

Auch in den Schulverwaltungen ist der Bus immer wieder Thema. Luisas Schulleiter, Franz Haider, kennt das Phänomen gut. Knapp die Hälfte der 386 Schüler am St.-Bonaventura-Gymnasium sind auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, die meisten davon kommen mit dem Bus. Weite Strecken und lange Fahrzeiten seien da normal. Am Dillinger Johann-Michael-Sailer-Gymnasium wurden deshalb sogar die Schulzeiten angepasst. Dort geht es für Schüler und Lehrer seit ein paar Jahren statt um 7.55 Uhr schon um 7.50 Uhr los. Schulleiter Kurt Ritter erklärt: „Dadurch können wir auch früher aufhören und die Schüler erreichen mittags alle ihren Bus.“ Seiner Erfahrung nach werde die Problematik erst in den höheren Klassenstufen besser. „Viele ältere Schüler kommen mit einem eigenen fahrbaren Untersatz, sobald es geht.“ Mofa, Moped, Roller. Irgendwann sogar mit dem Auto.

Zwar träfen sich die Schulleiter immer wieder mit dem Landratsamt, um über die Busverbindungen zu beraten. Ändern lasse sich jedoch nur wenig.

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