1. Startseite
  2. Bayern
  3. Linus Förster über sein Sex-Leben: „Es war wie Trophäen sammeln“

Missbrauchs-Prozess

18.09.2017

Linus Förster über sein Sex-Leben: „Es war wie Trophäen sammeln“

„Mein narzisstisches Ich brauchte das“: Zum Prozessauftakt äußerte sich Linus Förster auch zu seinem ausschweifenden Sexleben.
3 Bilder
„Mein narzisstisches Ich brauchte das“: Zum Prozessauftakt äußerte sich Linus Förster auch zu seinem ausschweifenden Sexleben.
Bild: Ulrich Wagner

Die Vorwürfe gegen den Augsburger Ex-Landtagsabgeordneten wiegen schwer. Ihm drohen mehrere Jahre Gefängnis. Was der 52-Jährige im Prozess gesteht - und was nicht.

Er trägt einen dunklen Anzug und dunkle Augenringe. Sein Gesicht lässt Spuren von Angst erkennen, als ein Justizbeamter ihn in den Gerichtssaal führt. Die Heiterkeit, die ihn immer begleitet hat, ist weg. Seit neun Monaten sitzt er in Untersuchungshaft. Nun richten sich alle Kameras und Fotoapparate auf den 52-Jährigen. Es ist Montag, der 18. September 2017. Es ist der schwärzeste Tag in seinem Leben.

Da steht Dr. Linus Förster nun im Mittelpunkt. Aber nicht so, wie er es sich zeit seines Lebens gewünscht hat. Der Ex-Abgeordnete, Musiker und Frauenheld ist nicht der Star auf der politischen oder einer Show-Bühne. Er ist der Hauptdarsteller in einem wenig glamourösen Prozess um schmuddelige Sexualstraftaten. Nach seinem Beruf gefragt, antwortet er jetzt: Landtagsabgeordneter außer Dienst.

9.01 Uhr. Das erste Blitzlichtgewitter ist vorbei. Aber es wird nicht besser für Förster. Denn Staatsanwältin Martina Neuhierl trägt nun die 20 Seiten lange Anklage vor. Die Vorwürfe wiegen schwer. Der Ex-Politiker ist sichtlich darum bemüht, die Fassung zu wahren.

Linus Förster über sein Sex-Leben: „Es war wie Trophäen sammeln“

Als erstes beschreibt die Anklägerin, wie Linus Förster Anfang 2012 in einer psychosomatischen Klinik am Chiemsee eine Frau kennengelernt hat. Der damalige SPD-Landtagsabgeordnete hatte sich wegen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung und Depressionen zur Behandlung in die Klinik begeben. Er begann eine Beziehung mit der Frau. Im Frühjahr 2012 war die heute 31-Jährige zu Besuch in Försters Wohnung in der Augsburger Innenstadt. Sie nahm zu jener Zeit regelmäßig Schlafmittel und Antidepressiva. Das wusste Förster.

Der Mann wird unruhig auf der Anklagebank. Er weiß, dass nun gleich der strafrechtlich gravierendste Vorwurf kommt: Er soll diese Frau nämlich in seiner Wohnung zwei Mal sexuell missbraucht haben, als sie unter dem Einfluss von Alkohol und Schlafmittel in einen sehr tiefen Schlaf gefallen war. Förster filmte all das und unterlegte eine der Aufnahmen später mit der zynischen Textzeile „...and the sex goes on...“ - und der Sex geht weiter.

In einem anderen Fall soll Förster im Rahmen einer Party am Lagerfeuer eine Frau missbraucht haben, als diese neben ihm schlief. Zudem soll der Angeklagte mehrere Frauen heimlich beim Sex mit ihm gefilmt haben. Und dann sind auf seinen Computer-Festplatten noch 1338 Kinderporno-Dateien gefunden worden.

Angesichts der Beweislage und einer drohenden langen Gefängnisstrafe bleibt dem Angeklagten nur eine Chance: ein Geständnis. Und das kommt auch. Verteidiger Walter Rubach liest eine Erklärung vor, in der Linus Förster die Vorwürfe der Anklage weitestgehend einräumt.

Der Richter stellt bohrende Fragen

Doch für Linus Förster wird es noch schlimmer. Denn die Jugendkammer unter Vorsitz von Lenart Hoesch gibt sich mit den dürren Worten des Rechtsanwalts natürlich nicht zufrieden. Die Richter stellen bohrende Fragen. Der frühere Vorsitzende der schwäbischen Sozialdemokraten antwortet selbst. Die Stimme ist fest. Es ist der Moment, auf den so viele gewartet haben. Der Moment, in dem der langjährige Abgeordnete sich zum ersten Mal selbst äußern wird. In dem er erklären kann, warum all das passiert ist. Wie konnte ein Mann wie Linus Förster – in seiner Partei angesehen, in seinem Freundeskreis sehr beliebt – derart abstürzen?

Auf die Nachfragen des Gerichts beginnt Linus Förster, die Geschichte seines tiefen Falls zu erzählen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der gern mit dem Feuer spielt. Der genau wusste, was er tat. Der aber seinen Sexualtrieb nicht mehr kontrollieren konnte. Es ist die Geschichte eines selbstverliebten Narzissten, der süchtig ist nach Anerkennung und irgendwann keinerlei Skrupel mehr zeigte, sich diese Bestätigung zu holen.

„Ich hatte feste Partnerschaften, war aber auch immer sehr gerne Single“, hebt der 52-Jährige an und berichtet von Bindungsängsten. Er betrachte Sex als etwas „sehr Schönes“ und habe sexuell frei gelebt. Weil das heute viele so sähen, habe er immer viele Partnerinnen gefunden. Junge, sportliche Frauen hätten sein besonderes Interesse geweckt. Er spricht jetzt ein wenig so, wie er es als Politiker getan hat, schaut den Vorsitzenden Richter Lenart Hoesch direkt an, untermalt seine Worte mit Gesten. Förster beschreibt sein Sexualleben als „normal, eher unspektakulär und kuschelig“. „Ich habe mir aus Sexualität Bestätigung geholt.“ Seit Teenagertagen gehe das so. „Mein narzisstisches Ich brauchte das“, sagt Förster selbst.

So weit, so gut. Ein reges Sexualleben wäre ja noch nicht strafbar.

Deutlich schwerer tut sich der ehemalige Politiker damit, Gründe für seine Straftaten zu benennen. Warum hat er eine widerstandsunfähige Frau missbraucht? „Vielleicht war es Lust an der Grenzüberschreitung“, sagt Förster. Warum hat er heimlich Sexfilme von sich und Frauen gedreht? „Vielleicht war es ein bisschen wie Trophäen sammeln“, sagt Förster.

Sichtlich am schwersten fällt es dem Ex-Politiker, die 1338 Kinderporno-Dateien auf seinen Festplatten zu erklären. „Ich habe keinerlei pädophile Neigungen“ betont Förster. Er sei selbst schockiert gewesen über Menge und Art der Kinderpornos. „Ich empfinde das als widerlich und ich schäme mich dafür“, sagt er. Er könne sich aber nicht daran erinnern, diese Fotos und Videos bewusst wahrgenommen zu haben. Vielleicht habe er sie beim wahllosen Herumsurfen im Internet heruntergeladen. Dagegen spricht jedoch, dass er die Dateien laut Anklage sortierte und teils mit Namen versah. „Warum haben Sie die widerlichen Dateien nicht gelöscht“, fragt Richter Hoesch. „Ich habe keine befriedigende Erklärung für Sie“, antwortet Förster.

Försters Suche nach Selbstbestätigung

Im Jahr 2012 fiel Linus Förster nach eigener Darstellung in ein tiefes Loch. Er begab sich in therapeutische Behandlung, sah keinen Sinn mehr, verfiel in Depressionen. Er war in seinem Leben immer von Erfolg verwöhnt gewesen. Jetzt war er in einer Krise. „Wissen Sie, es ist als Oppositionspolitiker in Bayern nicht leicht, Anerkennung zu finden“, sagt Förster.

Die Suche nach Selbstbestätigung zieht sich wie ein roter Faden durch Linus Försters erfolgsverwöhntes Leben. Er wuchs als jüngstes von drei Geschwistern auf. Der Vater war Polizeibeamter, Linus bewunderte ihn. Als er volljährig war, trat er in die SPD ein, mit 28 hatte er es zum Vorsitzenden des Augsburger Stadtjugendrings gebracht. Er studierte Politikwissenschaften und Volkswirtschaft, arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Augsburg und als Unternehmensberater. 2003 zog Linus Förster in den bayerischen Landtag ein, 2014 wurde er Chef der schwäbischen SPD. Er wollte immer anders sein als andere Abgeordnete. Das dokumentierte er unter anderem mit seiner betont lässigen Art und als Sänger und Gitarrist in den zwei Bands „Hopfenstrudel“ und „Real Deal“. Die Mädchen lagen ihm oft genug bei seinen Auftritten zu Füßen. Ratschläge von Freunden und Parteikollegen, doch seriöser aufzutreten, schlug Förster in den Wind. Warnungen, dass ihm eines Tages alles um die Ohren fliegen könnte, ignorierte er.

Bis er sich selbst eingestehen musste, dass er Probleme hat. Denn irgendwann drehte sich in seinem Leben ganz vieles nur noch um Sex. Nur so erhielt er anscheinend noch die sehnlichst gewünschte Bestätigung. Er hatte gleichzeitig sexuelle Beziehungen zu mehreren Frauen. Er machte Fotoshootings mit Erotikmodellen, baggerte bei Partys und Konzerten hemmungslos Frauen an, berichten langjährige Weggefährten. Neben den illegalen Dateien hatte Linus Förster an die 40000 Pornofilme auf seinen Festplatten. Und insgesamt nach eigenen Angaben gut eine Million pornografische Dateien. Die politische Arbeit trat mehr und mehr in den Hintergrund.

Und dann kam der 9. September 2016. An jenem Tag fiel nach Försters Darstellung ein Erotik-Fototermin aus und er beschloss spontan, in Augsburg zu einer Prostituierten zu gehen. Er handelte mit der Dame 15 Minuten Sex für 50 Euro aus. Es sollte eine schnelle Nummer werden, aber es wurde der Sturz ins Verderben. Denn Förster wollte mehr. Unter seiner Kleidung versteckte er auf einem Stuhl eine Videokamera. Er wollte den Sex heimlich filmen. Doch die Prostituierte entdeckte das rote Lämpchen.

Die Haftzeit dürfte kaum verkürzt werden

Es kam zum Streit, die Asiatin brachte den Speicherchip der Kamera an sich. Förster wollte ihn zurückholen. Bei dem Gerangel verletzte er die Liebesdame leicht am Finger. Sie rief eine Kollegin zur Hilfe und drohte mit der Polizei. Förster verließ fluchtartig die Wohnung. Die Prostituierte ging am nächsten Tag mit dem Speicherchip zur Polizei und zeigte den ihr unbekannten Mann an. Eine Polizeibeamtin erkannte ein Foto des Verdächtigen im Polizei-Intranet, sie war acht Jahre lang Linus Försters Freundin gewesen. Wenige Tage später wurden Försters Wohnung und seine Büros in Augsburg und München durchsucht. Mitte Dezember wurde der 52-Jährige in einer psychosomatischen Klinik im niederbayerischen Bad Griesbach verhaftet. Schon zuvor hatte er alle Ämter niedergelegt und war aus der SPD ausgetreten.

Wenn alles gut läuft für den Angeklagten Förster, das Gericht das Geständnis, den Täter-Opfer-Ausgleich von mehr als 30000 Euro und alle weiteren mildernden Umstände entsprechend berücksichtigt, kann er nach Ansicht erfahrener Juristen mit einer Gefängnisstrafe um die vier Jahre davonkommen. In diesem Sinne hat sich auch die Staatsanwaltschaft in einem Vorgespräch mit Verteidiger Walter Rubach geäußert. Diese vier Jahre wird der Ex-Abgeordnete aber weitgehend absitzen müssen. Denn bei Sexualstraftätern wird sehr selten die Haftzeit um die Hälfte oder ein Drittel verkürzt, wie es sonst nicht unüblich ist. Bei Sex-Tätern bestehen die Haftanstalten zumeist auf einer Sexualtherapie. Und die allein dauert mindestens zwei Jahre.

Am ersten Prozesstag kommt bereits ein Opfer zu Wort. Die heute 31-Jährige sagt, sie fühle sich verletzt, dass sie von Linus Förster als „Sexobjekt“ betrachtet worden sei. Seine Reue nehme sie ihm nicht wirklich ab. Das einzige, was Förster im Moment noch tröstet, ist, dass zumindest eine Frau noch zu ihm hält. Wie er bei seinen Personalien angibt, ist er mit ihr verlobt.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren