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Machtspiele I
20.10.2018

Die politische Macht: „Es macht wirklich Spaß“

Markus Söder und Horst Seehofer - bleibt dieses Duo bestehen?
Foto: Sven Hoppe, dpa

Warum tun sich Politiker wie Horst Seehofer so schwer mit dem Loslassen? Weil Macht eine Droge ist, natürlich. Aber auch, weil wir Bürger es ihnen schwer machen.

Einer dieser Momente, in denen man Horst Seehofer einfach mögen muss. „Was soll ich noch für Machtfragen stellen?“, fragte er am Dienstag vor der Bundespressekonferenz in Berlin. „Ich werde bald 70 Jahre alt. Ich bin froh, wenn ich mich zu Hause durchsetzen kann.“

Ein echter Seehofer, zum Mitschmunzeln, man denkt an Loriots „Pappa ante portas“ und wie gemütlich es wohl zugehen muss, weit draußen im Altmühltal, wo Seehofer und Gattin ein Haus haben, im Keller steht die Modelleisenbahn. Bislang hat Seehofer für die, zu seinem Bedauern, höchstens in den Ferien Zeit oder an Weihnachten.

Warum tut sich Seehofer den Spießrutenlauf noch an?

Und doch war es zugleich ein unheimlich trauriger Moment. Denn Seehofer könnte ja längst im Altmühltal an Modelleisenbahn-Signalen schrauben, statt sich über 500 Kilometer entfernt von Journalisten grillen zu lassen. In diesem Berliner Regierungsviertel, das ihm unheimlich ist, wo er unter der Woche nicht einmal in einer Wohnung lebt, sondern in einem besseren Verschlag im Ministerium, wohin er jedes Mal über fünf Stunden mit dem Auto rattern muss, schließlich hat er Flugangst.

„Politik ist jeden Tag ein Spießrutenlauf“, hat Seehofer mal gesagt. Und doch will er keinen Tag davon verpassen, selbst im Rentenalter. Denn er sitzt ja in seinem Berliner Innenministerium, weil er unbedingt dort sitzen will (und betonte am Dienstag ja auch: „Es macht wirklich Spaß“).

Über den Abschied von der Macht kann einer wie Seehofer vielleicht Scherze reißen, aber er kann diesen Abschied ganz offensichtlich nicht einfach vollziehen. Also ignoriert der Mann, der mal von sich selbst gesagt hat, er sei „politiksüchtig“, alle Rücktrittsaufrufe – selbst wenn sie so verständnisvoll formuliert sind wie von einem Vorgänger im CSU-Spitzenamt, Theo Waigel. „Jeder muss selbst entscheiden, wie er einen souveränen, selbstverantworteten Abschied von der Politik vollzieht“, sagt Waigel.

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Aber geht das überhaupt? Ein souveräner, selbst verantworteter Abschied von der Politik, von der Macht? Oder ist Macht die härteste, die am süchtigsten machende Droge überhaupt?

Politjunkies wie Seehofer haben Angst vor dem Machtverlust

Die Journalistin Ferdos Forudastan hat dazu vor einigen Jahren einen Film gedreht, er heißt: „Im Rausch der Macht – Die süße Droge Politik“. Darin geht es um das politische Suchtpotenzial, die stete Aufmerksamkeit, die Dienstwagen, die Claqueure. Forudastans Film ist im Prinzip eine einzige große Therapiesitzung, immer wieder sind neue Junkies im Bild zu sehen, Spitzenpolitiker halt – die wie auf kaltem Entzug wirken, wenn diese Rauschmittel abgesetzt werden. Wovor diese Politjunkies natürlich Angst haben, wie nun Herr Seehofer.

Das ist allerdings ein Schicksal, das dieser mit der Frau teilt, auf die er so fixiert wirkt, Angela Merkel. Die Kanzlerin hat vor vielen Jahren, als noch junge Politikerin, gesagt, sie wolle nicht als „halb totes Wrack“ aus dem Kanzleramt getragen werden. „Kohls Mädchen“ sagte das natürlich auch unter dem Eindruck von Helmut Kohl, der eben nicht loslassen konnte, bis ihn die Wähler aus dem Kanzleramt jagten – und der noch danach jahrelang als einfacher Abgeordneter im Bundestag saß und sich weiterhin einzumischen versuchte.

Aber auch später hat Merkel immer wieder den Eindruck zu vermitteln versucht, sie könne ganz gut ohne die Insignien der Macht – und kokettierte damit, wie schön es etwa sei, einfach mal an einer amerikanischen Uni zu forschen oder die Panamericana entlangzufahren.

Ohne die Insignien der Macht kann die betont bodenständige Frau Merkel bestimmt. Aber kann sie auch ohne die Macht?

Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann schrieb schon 2004, als Merkel noch nicht einmal Kanzlerin war: „Wenn ich sehe, wie Angela Merkel inzwischen mit dem Apparat umgeht, was für ein Kontrollfreak sie geworden ist, wie machtfixiert sie auftritt, dann muss ich sagen, das ist Helmut Kohl II.“

Seehofer und Merkel tun es ihren Vorgängern gleich

Der Satz gilt in dieser Spätphase der Kanzlerschaft Merkel noch weit mehr. Voriges Jahr hat sie angeblich lange mit sich gerungen, ob sie noch einmal antreten soll – und tat es schließlich doch, auch als Zeichen der Stabilität in einer instabilen Welt (Trump, Brexit, Europa).

Doch wer sich selbst so überhöht, wie sehr kreist der um sich? Und wie die Kanzlerin alle Zeichen der Machterosion derzeit ausblendet, legt als Schluss nahe: Auch sie hat die Droge Macht erreicht, irgendwie. Vielleicht auch nur die Angst vor dem Bedeutungsverlust.

Wie kann es so weit kommen? Und warum wiederholt sich diese Geschichte immer wieder – selbst bei denen, die deren Absurdität hautnah bei anderen miterlebten?

Was Merkel bei Kohl sah, sah Seehofer bei Edmund Stoiber, der auch lange nicht loslassen konnte.

Aber das (Fest-)Klammern fällt Spitzenpolitikern schon deswegen leicht, weil sie in einer Blase leben, umgeben von Jasagern. Sprecher, Fahrer, Büroleiter, sie würden bei einem Abgang alle mit verlieren.

Und dann, noch einmal: der Rausch. Seehofer mag sich ärgern, wenn ihm derzeit alle möglichen Leute alles Mögliche unterstellen, vor allem Böses.

Aber es ist natürlich auch ein ungeheurer Adrenalinschub, so im Mittelpunkt zu stehen, dass die Republik auf einen schaut, ob die Große Koalition platzt oder hält. Diesen Kick gibt es in keinem Eisenbahnkeller. Seehofer kommt aus einfachen Verhältnissen, seine aktuelle Macht ist auch eine große Aufstiegsgeschichte, ähnlich wie einst bei Gerhard Schröder. Der riskierte zwar für seine Politik Neuwahlen, aber als er dann in der TV-Elefantenrunde am Wahlabend saß, mussten Millionen Zuschauer mit ansehen, wie ein Mann mit seiner Abwahl nicht klarkommt. Das mag auch erklären, warum Schröder so kurz danach bei Wladimir Putin anheuerte, da war wenigstens wieder was zu tun.

Seehofers historische Lieblingsfigur ist einfach immer geblieben

Wir Bürger regen uns darüber auf, wir schimpfen über die Politiker, die nicht genug bekommen können. Aber irgendwie sind wir auch mit schuld. Einerseits geben wir ihnen die Droge Aufmerksamkeit, indem wir die Politik immer mehr in ein Personen-Spektakel verwandeln – und zuschauen. Und zudem reagieren wir gereizt, wenn doch mal ein Politiker andeutet, dass es etwas anderes geben könnte im Leben als die Politik.

Ole von Beust, einst Regierender Bürgermeister von Hamburg, wurde Privatier, mit dem Satz „Alles hat seine Zeit“. Und Roland Koch, Ministerpräsident von Hessen, wechselte in die Wirtschaft, mit dem Vermerk, Politik sei ein faszinierender Teil seines Lebens gewesen, aber nicht das Leben.

Beide Herren gingen nicht unbelastet, aber selbstbestimmt. Doch prompt hieß es in Kommentaren: „Darf ein Politiker das? Sich einfach so davonstehlen?“

Seehofers historische Lieblingsfigur ist übrigens einfach immer geblieben: Der legendäre französische Polizeiminister Joseph Fouché diente erst den Gegenrevolutionären, dann den Revoluzzern, danach Napoleon, schließlich der Monarchie.

Fouché war ein Mann hinter der Bühne. Doch auf der ganz großen Bühne seiner Zeit ging es genauso starrsinnig zu. Napoleon etwa wollte „lieber mit der Waffe in der Hand sterben, als sich von den Gegnern demütigen zu lassen“.

„Realitätsblindheit“ im Abgang haben ihm die Historiker bescheinigt. So sehr, dass Napoleon gar aus dem Exil in Elba noch einmal zurückkehrte, mit bekannt schlimmem Ausgang, nämlich Waterloo. Das war der ultimative (Macht-)Rausch.

Wir dürfen hoffen, dass uns – und dem, siehe Anfang, oft liebenswerten Horst Seehofer – Ähnliches erspart bleibt. Obwohl, die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende.

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