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Fasching

17.01.2010

Memmingen - das närrische Gesicht Schwabens

Fasching Memmingen
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Neben Franken hat sich Schwaben zu einer zweiten Faschingshochburg in Schwaben entwickelt. Bild: Ulrich Wagner

Zur Faschingszeit wandelt sich Memmingen in die Hochburg des Frohsinns. Der Bayerische Rundfunk hat die Prunksitzung aufgezeichnet.

Memmingen Ein Schiffskapitän setzt sich an einen Tisch mit einem Piraten - maximal, um zu verhandeln, wer die Rechnung zahlt. Ein Chirurg prostet einem Vampir zu, ohne dass später Bissspuren operativ entfernt werden müssten: Szenen, wie sie nur an den tollen Tagen vorkommen. Obwohl die heiße Phase des Faschings erst in gut drei Wochen beginnt, war der Freitagabend für rund 150 Närrinnen und Narren bereits der Höhepunkt der Saison.

Sie wirkten bei der Aufzeichnung der Faschingssendung "Schwaben weißblau, hurra und helau" des Bayerischen Fernsehens mit und zeigten in der Memminger Stadthalle, dass die Schwaben zum Lachen nicht den Keller bevorzugen.

Der Toni sammelt die Lacher des Publikums ein

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Anton Reisach vom Bickenrieder Duo muss es wissen: "Der Allgäuer Humor isch saugrob, aber wir moinen's net so", beschreibt er diese landsmannschaftliche Eigenheit vor seinem Auftritt. Später, auf der Bühne, wird schnell hör- und sichtbar, was er damit meint. Der Toni selbst sammelt als Depp vom Dienst mit Seppelhut die Lacher des Publikums ein. Und das von Allgäustolz aus Weiler-Simmerberg in Szene gesetzte "erschte Allgäuer Schpeeddating" - also das Kennenlernen mehrerer Personen im Schnelldurchlauf - dürfte spätestens zum Scheitern verurteilt gewesen sein, als bei einer ersten Begegnung ein Tischpartner "Forellen ausnehmen und Maulwurf-Weitwurf" als seine Lieblingshobbys angegeben hatte.

Aus Büttenreden, Gardetänzen, akrobatischen Einlagen und Gesangsnummern bestand die närrische Mischung, die länger als geplant für Ausgelassenheit sorgte. Aus den zweieinhalb Stunden Faschingsprogramm wurden fast drei. Seit zehn Jahren ist der Bayerische Rundfunk (BR) damit beschäftigt, neben dem traditionellen Franken-Fasching eine zweite Narrenregion in Bayern medial aufzubauen. "Wir waren in Schwaben unterwegs auf vielen Prunksitzungen, um zu sehen: Reicht das Potenzial aus? Geht das überhaupt?", blickt Redaktionsleiter Christian Faust auf die Anfänge zurück.

Der Entschluss, es wagen zu wollen, sei aus mehrerlei Hinsicht goldrichtig gewesen: Die "zeitgemäße Faschingsparty" erreicht im Fernsehen (Ausstrahlung im BR und eine halbe Stunde zeitversetzt im Südwestrundfunk) prima Einschaltquoten. Beide Sender zusammengerechnet schauen sich mehr als eine Million Faschingsfreunde an, wie die schwäbische Version der närrischen Zeit funktioniert. Daran dürfte sich auch im "verflixten siebten Jahr" der Ausstrahlung nichts ändern. An zwei Tagen war die Memminger Stadthalle, die mithilfe von Zusatzaufbauten, Lichteffekten und glitzerndem Dekostoff nicht wiederzuerkennen ist, rappelvoll.

Nach Einzelproben am Dienstag und Mittwoch folgte am Donnerstag die Generalprobe mit Publikum. Und am Freitag dann der Ernstfall Fasching vor laufender Kamera. BR-Mann Faust sieht die Entwicklung positiv: Die ursprünglich auf 90 Minuten angelegte Sendung sei deutlich länger und besser geworden. Außerdem "ist es angenehm, ohne die in der Branche üblichen Eitelkeiten zu arbeiten. Die Menschen hier legen sich quer für ,Schwaben weißblau'."

Und: Schwaben habe sich als idealer Nährboden für Kabarettisten und Comedians erwiesen. Neben bereits Etablierten wie Wolfgang Krebs, der zu Beginn der Prunksitzung als singender Seehofer-Imitator "Den Puppenspieler von Ingolstadt" gab, machen immer wieder Talente auf sich aufmerksam: In diesem Jahr ist es die Kaufbeurerin Julia Peukert, die in Augsburg Musikpädagogik studiert. "Ich steh' halt gerne im Mittelpunkt und begeistere die Leute", sagt sie und hielt Wort: Auf der Bühne schilderte die 24-Jährige immer verzweifelter die vielen erfolglosen Versuche, einen Kuchen zu backen. Und auch Hannes Leinfelder aus Donauwörth entpuppte sich bei seinem ersten TV-Auftritt als Naturtalent. Im normalen Leben Landwirt, trat er in Memmingen als neuer bayerischer Stimmungsminister auf. Denn gerade in der Politik sei für gute Entscheidungen eine gute Stimmung wichtig, sagt er später im Gespräch. Er erklärt auch, warum er den Fasching so mag: "Es ist schön, wenn man einmal im Jahr ein bisschen sein Hirn ausschalten kann."

Wenn nur das Konfetti nicht so kleben würde

Die einen haben das Vergnügen, die anderen die Arbeit. Zur zweiten Kategorie gehört Blanka Weyrauch. Sie putzt die Stadthalle seit 24 Jahren. Von 16 bis 3.30 Uhr hat sie von Donnerstag auf Freitag den Ort des Frohsinns auf Vordermann gebracht - um dann wieder von vorne zu beginnen. Gut zwei Stunden nachdem der letzte Vorhang gefallen ist, kaut sie auf einem Tisch sitzend an einigen Häppchen des After-Show-Büffets und weiß, was auf sie zukommt. "Meine Güte, das Konfetti", sagt sie. "Das klebt so." Kiloweise wurden die Papierschnipsel am Freitag von Stimmungs-Anstiftern in Hexenmaske in die Luft geworfen. Das macht sich gut im Fernsehen. Blanka Weyrauch startete eine ebenso zögerliche wie vergebliche Anfrage, ob man nicht auf das Konfetti verzichten könne. Aber: "Die haben gesagt, das ist lustig."

Die schwäbische Prunksitzung strahlt das Bayerische Fernsehen am Freitag, 29. Januar 2010, um 19.45 Uhr aus. Wiederholt wird "Schwaben weißblau, hurra und helau" am Rosenmontag, 15. Februar 2010, um 11.15 Uhr.

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