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Augsburg

05.09.2018

Neue Wohnmodelle: Mit und ohne Handicap in einer WG

Diese fünf jungen Leute bilden in Augsburg eine Wohngemeinschaft, in der sich Menschen mit und ohne einer Erkrankung unterstützen.
Bild: Annette Zoepf

Menschen mit Behinderung können immer selbstbestimmter leben. Dafür werden neue Wohnmodelle entwickelt. Zwei besondere befinden sich in Augsburg.

Ferdinand ist sehr froh, in dieser Wohngruppe zu leben. Der 33-Jährige hat Multiple Sklerose (MS) und leidet an chronischen Depressionen. Eine tückische Krankheitskombination, die ihn in Wellen immer wieder stark beeinträchtigt. Geht es ihm richtig schlecht, verkriecht er sich in seinem Zimmer. Fabian, einer seiner vier WG-Mitbewohner klopft dann, versucht ihn, zum gemeinsamen Essen zu überreden. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Das stört Fabian nicht. „Es ist nicht meine Pflicht, den Ferdi rauszuziehen“, sagt der 31-Jährige. Aber er versucht es. Weil er Ferdinand mag. Weil er davon überzeugt ist, dass Menschen mit einem Handicap nicht separiert werden sollten. Deswegen entschied sich der Webdesigner auch für diese besondere Wohngruppe im Augsburger Stadtteil Kriegshaber, in der seit Anfang des Jahres fünf junge Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben.

Zwei von ihnen kämpfen mit psychischen Erkrankungen. Neben Ferdinand Sebastian. Er leidet an Magersucht. Der schmale junge Mann ist nur selten in der WG. Meistens ist der 22-Jährige unterwegs. Arbeiten kann der gelernte Schreiner zur Zeit nicht, aber er hilft ehrenamtlich im Sozialkaufhaus. Und er hat eine Freundin in Passau, die er oft besucht, sagt er. Aufgewachsen im Heim, wird aus dem wenigen, was er von sich erzählt, schnell klar, dass er schon viel mitgemacht hat.

Doch an diesem Sommerabend geht es nicht nur um Krankengeschichten. Gemütlich sitzen die fünf auf ihrer Terrasse, es gibt Tortillas. Im Garten steht ein Grill, ein Gerätehaus und ein Planschbecken, auch ein Gemüsebeet wurde angelegt. Die Gartenarbeit teilen sie sich, schließlich wollte jeder ja ein Zimmer mit Garten. Die zierliche Ronja ist die Freundin von Fabian und macht eine Ausbildung zur Kinderpflegerin. Die 22-jährige Lena mit ihren auffallend gefärbten Haaren macht eine Ausbildung zur Sozialpflegerin. Lena arbeitet also mit behinderten Menschen. Doch sie sagt: „Für mich ist die Arbeit nicht wirklich arbeiten.“ Vielmehr ist es für sie selbstverständlich, dass Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben und sich gegenseitig unterstützen.

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Es bilden sich immer ganz verschiedene Wohngemeinschaften

Genau das soll auch mit dem besonderen Projekt erreicht werden. Doch nach Einschätzung des Inklusionsbeauftragten des Bezirks Schwaben, Stefan Dörle, genießen solche Wohngruppen leider noch Seltenheitswert. Dabei sei der Bedarf groß. Daher bezuschusst der Bezirk diese Wohngruppe in Augsburg auch mit Innovationsmitteln. Träger ist die Stiftung Sankt Johannes. Für Dörle und Heinrich Riegel von der Stiftung Sankt Johannes sind diese alternativen Wohnformen die Zukunft. Entscheidend sei natürlich stets die Schwere der Behinderung und der Betreuungsbedarf. Manche Menschen brauchen ihrer Einschätzung nach stationäre Wohngruppen. Doch der Weg führe klar davon weg und hin zu einem möglichst selbstbestimmten Leben. So bildeten sich immer mehr ganz verschiedene Wohngemeinschaften.

Ein ungewöhnliches Projekt entsteht gerade auch mitten in der Augsburger Innenstadt. „Fritz & Jack“ nennt es sich. Träger hier ist das Fritz-Felsenstein-Haus für Körperbehinderte. Auch dieses Modell wird vom Bezirk gefördert. Im umgebauten früheren St. Jakobsstift entstehen auf drei Etagen 24 Ein-Zimmer-Appartements, erzählt Michael Amberg, der im Vorstand des Fritz-Felsenstein-Hauses ist. Zwölf Wohnungen sollen von behinderten Menschen, zwölf von Menschen ohne Unterstützungsbedarf ab dem Frühjahr 2019 bezogen werden. Der eigene Pflegedienst vom Fritz-Felsenstein-Haus ist vor Ort.

"Wir ergänzen uns einfach"

Während allerdings die WG-Bewohner in Augsburg-Kriegshaber sich freiwillig gegenseitig helfen, wird der Assistenzdienst bei „Fritz & Jack“ eingefordert und vergütet. So wird, wie Amberg erklärt, von den nicht behinderten Bewohnern ein wöchentlicher Einsatz von etwa fünf Stunden erwartet. Pflegekenntnisse seien dafür nicht nötig. Aber der Wunsch, anderen zu helfen. Die Bereitschaft zur Assistenz der in erste Linie körperlich behinderten Mitbewohner ist aber nicht die einzige Voraussetzung, um einziehen zu können. „Es soll dort wirklich eine Gemeinschaft entstehen“, betont Amberg. Das heißt, wer die Assistenz nur als Job sieht, sich ansonsten am liebsten zurückzieht, ist dort fehl am Platz.

Im Idealfall läuft es natürlich wie in der WG in Augsburg-Kriegshaber. Auf freiwilliger Basis. Ferdinand erwartet von seinen Mitbewohnern keine Heilungshilfe. „Dafür habe ich doch die Profis“, sagt er. „Wir ergänzen uns einfach. Leben ganz normal. Das ist das Tolle.“

Informationen Wer mehr über Wohnformen wissen will, in denen Menschen mit und ohne Handicap zusammen wohnen, dem hilft im Internet die Adresse www.wohnsinn.org. Wer sich für eine Wohnung im „Fritz & Jack“ interessiert, kann sich mit Daniel Dietrich vom Fritz-Felsenstein-Haus in Verbindung setzen, E-Mail: daniel.dietrich@felsenstein.org

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