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Neues Schulfach Alltagskompetenz? Bitte nicht!

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Kommentar Von Sarah Ritschel
09.04.2019

Plus Ministerpräsident Söder will Schülern in einem völlig neuen Unterrichtsfach praktisches Wissen für jeden Tag vermitteln. Dabei ist etwas anderes viel wichtiger.

Sie konnte in vier Sprachen eine Gedichtanalyse schreiben. Aber von Steuern, Mietrecht oder von der Suche nach der richtigen Versicherung hatte sie keine Ahnung. Als eine 17-jährige Schülerin das im Kurznachrichtendienst Twitter gestand, brach einmal mehr die Diskussion los, ob Schüler im Unterricht wirklich aufs Leben vorbereitet werden. Julia Klöckner, heute Landwirtschaftsministerin und damals noch CDU-Vizechefin, forderte daraufhin, dass Schulen mehr Alltagskompetenz vermitteln müssten – am besten in einem eigenen Schulfach.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will genau das jetzt im Freistaat einführen. Wie Söder bei der Präsentation des neuen bayerischen Artenschutzgesetzes erklärte, möchte er mit dem Zusatz-Schulfach vor allem das Verständnis für Artenschutz und Landwirtschaft stärker bei der jungen Generation verankern. Damit erfüllt er einen lang gehegten Wunsch des Bauernverbands und der Freien Wähler. Konkret soll das Fach die Themen Gesundheit, Ernährung, Haushaltsführung, selbstbestimmtes Verbraucherverhalten und Umweltverhalten beinhalten. Aber braucht es das? Und welche Rückschlüsse lässt so ein neues Fach auf das bisherige Schulsystem zu?

Neues Fach Alltagskompetenz rückt Schule in ein falsches Licht

Wenn Söder ein eigenes Fach ankündigt, das Schüler einzig und allein auf ihr praktisches Leben vorbereitet, suggeriert das ja gleichzeitig, dass Schule im Freistaat Kinder und Jugendliche bisher eben nicht ausreichend auf ihr späteres Leben vorbereitet, sondern sie zu lebensfremden Hans-Guck-In-Die-Lufts erzieht. Das rückt das Schulsystem in ein falsches Licht.

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Ganz grundsätzlich heißt ein neues Fach einzuführen, dafür etwas anderes aus dem Lehrplan zu streichen. Wer sich selbst an seine Schulzeit erinnert, wird so einiges an Streichpotenzial aufzählen können. Man lernt in der Schule massenhaft Zeug, das man später nie wieder braucht. In einer Umfrage des Forschungsinstituts YouGov waren 2016 fast 70 Prozent der Deutschen der Meinung, Schüler lernten zu viel Unnützes. Und selbst wenn jeder von uns etwas anderes als verzichtbar einstuft: Es gäbe sicher die Möglichkeit, noch ein paar Wochenstunden freizuschaufeln. Doch die gewonnene Zeit sollte nicht in ein neues Fach fließen. Viel sinnvoller wäre, die Inhalte der bestehenden Fächer durch Exkursionen und Selbstversuche noch greifbarer zu machen.

Schüler müssen auf den Acker, in den Wald

Schon jetzt lernen die Schüler in Biologie, welche Lebensmittel gesund sind und wie Luftverschmutzung sich auf die Artenvielfalt auswirkt. Sie sollten auf den Acker und in den Wald, um das auch sehen und fühlen zu können. Sie sollten in Klimaprojekten ihre eigenen Solaranlagen bauen. Lehrer und Schüler brauchen außerdem Zeit, um etwa das aktuelle Artenschutzgesetz im Unterricht zu diskutieren, statt stur eine riesige Stofffülle durchpauken zu müssen. Genau diese Hetzerei kritisieren Pädagogen und Schüler seit Jahren.

So alt wie der Ruf nach einem Schulfach Alltagskompetenz, so gewichtig das beste Argument der Kritiker: Wofür gibt es denn die Eltern? Keine Frage: Damit Kinder lebenskundige Gesellschaftsmitglieder werden, müssen die Eltern ihnen das vorleben. Sie müssen ihnen vermitteln, dass man Taschengeld nicht nur für Chips ausgibt, warum man eine Haftpflichtversicherung haben sollte und dass man selber Müll vermeiden muss, wenn man – wie zuletzt bei „Fridays For Future“ – freitags zur Unterrichtszeit für mehr Klimaschutz demonstriert.

Vor ein, zwei Generationen wurde in Familien noch weit mehr praktisches Wissen vermittelt. Das geschah ganz automatisch, wenn Töchter im Haushalt und Söhne bei Reparaturen helfen mussten. Das heißt aber noch lange nicht, dass Alltagskompetenz heute ein eigenes Fach in der Schule werden muss. Natürlich kann man nie genug praktisches Wissen ansammeln. Aber damit Schüler verantwortungsbewusste Bürger werden, die mit ihrem Leben klarkommen und auf ihr Umfeld Rücksicht nehmen, ist am Ende nur eines entscheidend: Die Schüler selbst müssen bereit dazu sein, sich interessieren. Sonst ist das Alltagswissen aus der Schule genauso schnell vergessen wie Vokabeln und das Reimschema eines Gedichts.

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